»Es ist meine Version, Leute!«

Roland Emmerich

Roland Emmerich über „Anonymus“ und seine Theorie, wer William Shakespeare wirklich war

Roland Emmerich – der Mann für Mega-Blockbuster. Umso überraschender, dass der Schwabe jetzt einen feinen Film über die Frage gedreht hat, ob William Shakespeare  seine Stücke wirklich selbst geschrieben hat. Anfang der 90er ging Emmerich von Stuttgart nach Los Angeles und wurde einer der erfolgreichsten Filmemacher. 1996 gelang ihm mit „Independence Day“ eine Box-Office-Sensation: eine Milliarde Dollar Einspielergebnis weltweit. Es folgten Blockbuster wie „Godzilla“ (1998), „The Day After Tomorrow“ (2004) und „2012“ (2009). Kein anderer deutscher Regisseur hatte in den USA jemals so viel Erfolg an der Kinokasse. Sicher wird er auch in seinen nächsten Filmen die Welt untergehen lassen. Aber jetzt hat sich Emmerich, der am 10. November 56 Jahre alt wird, erst einmal einen Herzenswunsch erfüllt.

 

Es gibt ungefähr 50 Theorien dazu, wer der echte Shakespeare wirklich war. Warum haben Sie sich gerade für den englischen Aristokraten Edward de Vere, den 17. Earl of Oxford, entschieden?
Weil ich glaube, dass er von all den Kandidaten der interessanteste ist. Und auch der wahrscheinlichste. Solch elaborierte Texte, ein solches Insiderwissen – gerade was höfische Belange angeht – wie sollte ein einfacher Schauspieler so etwas zustande bringen? Das kann doch nur einer akademisch hochgebildeten Persönlichkeit gelingen. Und das Erstaunliche bei Oxford war auch, wie tragisch sein Leben verlief. Er ist einfach der begabteste, traurigste, romantischste aller potenziellen Shakespeare-Kandidaten.

Aber Historiker sagen, der Earl of Oxford sei bereits schon tot und begraben gewesen, als „Macbeth“ geschrieben wurde? Woher wissen Menschen von heute so genau, wann damals was geschrieben wurde?
Ich habe vor einiger Zeit an einer Shakespeare-Diskussion in England teilgenommen. Da haben sich vor allem die Hardcore-Shakespeare-Anhänger, die Stratfordians, furchtbar pikiert gezeigt, dass man sich überhaupt erlaubt, die Autorenschaft von Shakespeare anzuzweifeln. Die kamen mir wie drei Äffchen vor, die ständig Grimassen schnitten. Während wir ganz ruhig unsere Argumente ins Feld führten. Das war für die schon nahe an der Gotteslästerung. Es gibt die Theorie, dass Shakespeare seine Sonette an einen Mann geschrieben hat. Um Gottes Willen! Shakespeare schwul! Das wäre überhaupt nicht gegangen! Dann schon lieber der Earl of Oxford!

Finden Sie William Shakespeare als Person wirklich so faszinierend – oder reizt Sie eher die Konspirations-Theorie?
Die ganze menschliche Geschichte ist doch eine einzige, großangelegte Konspirations-Theorie. Als Künstler picke ich mir im Falle Shakespeare eben meine ganz eigene Version heraus. Erst kürzlich habe ich mich mit Oliver Stone unterhalten. Ihn wurmt es immer noch, dass man ihm bei „JFK“, seinem Film über die Ermordung John F. Kennedys, historische Ungenauigkeiten vorgeworfen hat. Einige hielten ihn sogar für komplett verrückt.

Haben Sie Angst, dass Ihnen das mit „Anonymus“ auch passieren könnte?
Da wird es sicher einige geben, die mich für bekloppt halten. Aber das amüsiert mich eher. Es ist meine Version, Leute! Ganz abgesehen davon: Das war damals ein totalitärer Staat. Und man sollte wirklich nicht alles glauben, was uns die offiziellen Geschichtsschreiber da hinterlassen haben.

Sie sagen: ,Anonymus‘ ist mein bester Film …
… und ganz sicher auch der, auf den ich am meisten stolz bin. Es kommt mir fast so vor, als hätte ich alle meine anderen Filme nur deswegen gedreht, damit ich „Anonymus“ machen kann.

Der Film hat 26 Millionen Dollar gekostet, Sie haben die Hälfte selbst beigesteuert. Warum finanziert Hollywood einem der erfolgreichsten Filmregisseure nur das halbe Budget?
So ist das nun einmal in Hollywood. Ich will auch gar nichts geschenkt haben. Der Grund, warum aus dem Projekt lange nichts wurde, ist der, dass – nachdem Sony „Anonymus“ grünes Licht gegeben hatte – der Film mit millionenschweren Stars und in England gedreht werden sollte und dadurch die Kosten immer mehr stiegen. Zuletzt bis auf fast 60 Millionen Dollar. Und das war selbst mir als altem Schwaben zu teuer. Also wurde das Projekt auf Eis gelegt. Aber als ich mich dann nach „2012“ wieder verschärft um die Finanzierung gekümmert habe, hat es doch noch geklappt.

Warum haben Sie „Anonymus“ im Studio Babelsberg gedreht?
Auch dadurch konnte man Geld sparen. Das war aber nicht der wesentliche Grund. Babelsberg war einfach der ideale Ort für diesen Film. Ich habe mich bei den Dreharbeiten immer sehr wohl gefühlt. Die Technik, das Knowhow, die Mitarbeiter – alles stimmte. Ich würde sehr gerne wieder dort drehen. Ich konnte meine Erfahrungen, die ich bei „2012“ mit neuen Special Effects gemacht hatte, sehr gut verwerten. „Anonymus“ hat eine Reihe von Spezial-Effekten, die man eigentlich nicht sieht. Und dann bin ich natürlich sehr stolz auf meine hervorragenden Schauspieler.

Vor allem Vanessa Redgrave als Queen Elizabeth sticht heraus. So derangiert hat man die „Virgin Queen“ noch nie gesehen.
Vanessa wollte ihr ganzes Leben lang diese Rolle spielen und war überglücklich, dass ich sie eben nicht als strahlende Königin haben wollte, sondern so, wie Elizabeth wirklich war: am Ende ihres Lebens verwirrt, mit schwarzen Zähnen und halboffenem Mieder.

Historische Quellen sprechen davon, dass sie gerne ihre nackten Brüste öffentlich zeigte.
Stimmt. Aber hätte ich das auch noch gemacht, hätten diverse Hollywood-Bosse wohl einen Herzinfarkt bekommen. Für die waren die schwarzen Zähne schon grenzwertig.

Zurück zu Ihnen: Sie leben seit 1990 in Hollywood. Wird man da langsam Amerikaner? Oder sind Sie immer noch „ein Deutscher in Hollywood“?  
Manchmal habe ich tatsächlich Schwierigkeiten, auf die Schnelle das treffende deutsche Wort zu finden. Etwa wenn ich mit meiner Mutter telefoniere. Jedes Mal, wenn ich dabei wieder so Floskeln ins Gespräch einbaue wie actually, maybe oder you know, tadelt sie mich und sagt: „Jetzt schwätzt er wieder Englisch!“

Sie werden in Deutschland immer noch gern als „das Spielbergle aus Sindelfingen“ apostrophiert. Haben Sie das mal dem echten Spielberg erzählt?
Ja, sicher.

Und was hat er gesagt?
Er hat sich halb totgelacht. Und er wollte vor allem wissen, was das „–le“ bedeutet. Da sagte ich zu ihm: „Steve, don’t go there. It’s not good!“


 

Wer schrieb Williams Werke?

Viele Menschen sind der Überzeugung, dass die Stücke von William Shakespeare von jemand anderem geschrieben wurden. Kein Provinz-Schauspieler könnte in Literatur, Jura, Medizin, Politik, höfisches Leben, militärisches Wissen und ferne Länder so beschlagen gewesen sein. William Shakespeare aus Stratford-upon-Avon war demnach ein Strohmann, der einem gebildeten Autor seinen Namen lieh. Aber wer war der Stückeschreiber?

Etwa der Aristokrat Edward de Vere, der 17. Earl of Oxford? Das meinen nicht nur Roland Emmerich und Vanessa Redgrave und Derek Jacobi, zwei seiner „Anonymus“-Schauspieler, das dachten bereits Orson Welles und Sigmund Freund. Mehr als 50 Kandidaten sind als Shakespeare-Autor „geoutet“ worden: von britischen Aristokraten und Zeitgenossen bis hin zu Königin Elizabeth herself. Auch das Dichtergenie Christopher Marlowe wird von manchen als echter Shakespeare gehandelt. Andere wiederum favorisieren Francis Bacon; Ralph Waldo Emerson, Thomas Carlyle, Henry James und Mark Twain etwa. Oder Mary Sidney, Countess of Pembroke. Immerhin war das erste Folio mit Shakespeare-Stücken den Earls of Pembroke and Montgomery, ihren Söhnen, gewidmet. Dann gibt es noch einige Kenner wie Kenneth Branagh und „Shakespeare In Love“-Regisseur John Madden, die Shakespeare für den Echten halten. Jener, der in seinem Testament seiner Frau das „zweitbeste Bett“ vermacht hat. ull

 

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