Interview

Romano: »Jede Zeit kriegt die Typen, die sie braucht«

Vor zwei Jahren wurde er mit Hymnen für seine Heimat Köpenick ein Star. Nun ist Romano zurück. Und immer noch Cornerboy im Märchenviertel. Wir sprachen mit ihm über seine neue Platte „Copyshop“, den Spaß am Älterwerden – und seine Mutti

Romano, Sie haben sich mal als „Eckensteher und Szenewanderer“ beschrieben. Kann man als Promi überhaupt noch entspannt an der Ecke stehen?
Klar. Ich bin immer noch der Typ, den man mit Einkaufsbeutel am Center trifft. Oder der mit 30 km/h durch eine 50er-Strecke fährt. Ich finde es total angenehm, wenn die Leute mich auf der Straße erkennen. Dann kommen wir ins Gespräch. Wenn wir Zeit haben, trinken wir noch einen Kaffee. Ich will ja wissen, was meine Fans treiben.

Sie haben schon Musik von Metal bis Schlager gemacht. Mit „Copyshop“ veröffentlichen Sie Ihr zweites Hip-Hop-Album. Bleibt’s nun beim Rap?
Ich beschreibe es mal so: Wenn jeder Musikstil, den ich je ausprobiert habe, ein Schiff ist, dann liegen die jetzt alle im Hafen und feiern so richtig ab. Es kann aber sein, dass sich das eine oder andere Schiff eines Tages löst und auf hohe See fährt. Oder dass ein neues gebaut wird. Aber gerade tanzt die Belegschaft und freut sich einfach.

Im Titeltrack von „Copyshop“ geht es um „die Kopie von der Kopie von der Kopie“, um Echtheit und Fakes. Was bedeutet Authentizität für Sie?
Ein komplizierter Begriff. Ich glaube, es ist nicht möglich, sich von gesellschaftlichen Einflüssen komplett freizumachen. Man kann nur probieren, sich seiner selbst immer weiter anzunähern, und auf diesem Weg zu bleiben. Schwierig sind Begriffe wie „real“ oder „true“ auch in Bezug auf Kultur. Vieles baut aufeinander auf: Aus der Renaissance ist der Barock entstanden, aus Geschichten, die es schon lange gab, die Märchensammlung der Gebrüder Grimm. Hip-Hop wäre ohne Samples undenkbar. Was ist da ein Original, was eine Kopie?

Als Sie bekannt wurden, kam kein Beitrag über Sie ohne den Begriff „Kunstfigur“ aus. Hat Sie das genervt?
Überhaupt nicht. Die Leute sehen in mir, was sie sehen wollen. Und ich kann nur der sein, der ich bin. Wenn eine Kunstfigur etwas ist, was man nicht greifen, nicht in eine Schublade stecken kann, dann bin ich halt eine Kunstfigur. Trotzdem können Sie mich alles fragen. Was Sie wollen! So eine richtige Kunstfigur würde Ihnen wahrscheinlich ein Script vorlegen.

„Dann bin ich halt eine Kunstfigur“: Romano
Foto: Bella Schwarz

Viele Kiezgrößen haben ihre Marke zu Geld gemacht. Friedrich Liechtenstein kennen die meisten aus den Edeka-Spots, „Techno-Opa“ Komet war in der Pro-Olympia-Kampagne des Senats zu sehen. Wie viele Werbeangebote haben Sie schon bekommen?
Ich will nichts für allezeit ausschließen. Aber mir ist es wichtig, dass man mich wahrnimmt als einen, der immer liebt, was er tut. Und bislang hat mir kein Angebot gepasst. Ich habe alles abgelehnt.

Ihre Songs sind auch immer kleine Milieustudien. In „Mutti“ etwa, diesem Song über eine exzentrische Frau mit Gabriela-Sabatini-Parfum, die schon blau ist, bevor das Pferderennen in Hoppegarten beginnt..
„Mutti“ ist ein Song über meine Mutti!

Ach!
Ja. Vieles im Song ist natürlich überzeichnet, aber im Kern stimmt alles. Mutti geht gern zum Pferderennen nach Hoppegarten. Mutti ist nicht die beste Autofahrerin. Wenn Mutti kommt, gehen alle Lichter an, tatütata, da geht’s richtig rund. Wenn sie mich besuchen kommt und wir uns unterhalten, dann entsteht ein Sinuston, weil wir beide so schnell reden. Einmal war ein Freund von mir da, als Mutti gerade zu Besuch kam. Er meinte irgendwann, er geht mal kurz rüber, und ist dann zwei Stunden lang eingeschlafen. So sehr haben wir den geschafft.

Geht Mutti auch in die „Champagnerbar“ aus dem gleichnamigen Song? Da feiern ja vor allem betagte Partygäste: „Ex-Promis, Ex-Luden, Ex-Millionäre“ etwa…
Ich dachte mir: In einer Zeit, in der alle dem Schönheitswahn verfallen sind und Angst vorm Alter haben, will ich das Ganze feiern. „Champagnerbar“ ist meine Ode ans Älterwerden! Es hört ja nicht alles Schöne mit 30 auf. Plötzlich wirst du 50 und merkst, es geht weiter. Vielleicht ist der Lack dann ab, aber der Lackschuh passt.

Sie werden bald 40 Jahre alt. Sind Sie jetzt erwachsen?
Ich denke, ein Teil von mir wird immer Kind bleiben.

Wenn es in „Mutti“ um Ihre Mutter geht – ist „Karl May“ der Song für Ihren Vater?
Genau. Und ich hab mir überlegt: Dieter „Maschine“ Birr von den Puhdys, der wäre doch der ideale Papa mit seiner rauchigen Stimme.

Wie konnten Sie ihn für den Song gewinnen?
Ich kenne Maschines Sohn Andy Birr ganz gut, weil ich einige Auftritte mit ihm und seiner Band Bell, Book & Candle hatte. Und dann kam er tatsächlich ins Studio. Das war mein großer Traum. Maschine und ich in Köpenick! Wenn immer alle Hip-Hop-Künstler von ihren krassen Features reden – Maschine war meins.

Dabei könnte man meinen, die Wendezeit habe Sie mehr geprägt als die DDR, wenn man den Song „König der Hunde“ hört.
Es war eine irre Zeit. Dieses schrankenlose Kennenlernen, das Gucken, Beobachten – das war überwältigend. Da war mein Freund Eric, der 1988 mit seiner Familie nach Westberlin gegangen war. Als ich ihn ‘91 wiedergesehen habe, arbeitete er DJ und hat mich mit auf Partys genommen. Und dann steh ich da mit 15 im „Bunker“ und sehe Leute mit Gasmasken und Gummianzügen, im oberen Stockwerk ist Gabba-Party, noch eine Etage drüber Gangbang-Party. Eine kreativ-aggressive Energie, als wäre bei 100 Grad der Kochdeckel weggeflogen. Die Jugendlichen haben sich in alle Richtungen ausprobiert, im Guten wie im Schlechten. S-Bahn-Surfen, Züge besprühen, von der Polizei gejagt werden. Was da los war!

Was laut Song noch los war: Ihre Eltern haben sich eine Couch bei Quelle bestellt.
So war das. Es gibt über den Mauerfall einige pathetische Songs, „Wind of Change“ von den Scorpions oder „Freiheit“ von Westernhagen, aber die fühl ich nicht. Die Wende war halt auch der Quelle-Katalog.

Ist Berlin heute zu brav?
Ein Anarchiezustand geht nie lange gut. Schon auf der Abschlussfeier meines Bruders, der zehn Jahre jünger ist als ich, habe ich gemerkt: In seiner Klasse gab’s kaum noch Rebellen. Jede Zeit kriegt die Typen, die sie braucht. Und wir suchen heute eben mehr denn je nach Sicherheit. Dabei gibt es keine Sicherheiten im Leben.

Bekommen wir noch einen Ausflugstipp für den besten Bezirk Berlins?
Fahren Sie mal nach Friedrichshagen! Am Spreetunnel gibt es dort ein schwimmendes Haus mit Restaurant drin, das ist sehr schön. Oder man flaniert durch die Bölschestraße, kann ich nur empfehlen. Am Müggelsee kann man dann Tretboot oder Dampfer fahren, auch mal raus nach Wendenschloss. Und dann die Altstadt Köpenick! Der schöne General guckt sich das Schloss an, immer und immer wieder.

Köpenick forever. Sie wollen also immer noch nicht weg?
Ich könnte im Bademantel durch Köpenick laufen, so wohl fühle ich mich dort. Viele Menschen suchen ihren Ruhepol, meiner ist eben Köpenick. Hier kann ich runterkommen, um dann wieder rauszustürzen in die Welt.

Romano – Copyshop (Vertigo/Universal),  VÖ: 8.9.

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