Der Gute-Laune-Gott

Romano

Erdbeerkuchen und Bankenstürmen, Welt verbessern und Schlager ­singen: ­Das Köpenicker Phänomen Romano feiert Erfolge als fröhlich wandelnder Widerspruch

Text: Thomas Winkler

Der Mann kann alles. Also fast alles. Das Skaten, das hat damals dann doch nicht so gut geklappt. „Mehr als einen Ollie hab ich nicht geschafft“, sagt Romano. Er schaut auf die Skater, die im Mellowpark über die Hindernisse hüpfen und die Rampen herunterrauschen. Einen kurzen Moment scheint Wehmut in seinem Blick zu liegen, vielleicht ist es auch nur die Erinnerung an die wunden Schienbeine, die er sich damals zuzog, als er den Ollie übte, den simplen Trick, den man beim Skaten als Allererstes lernt. Der Moment ist bald vorbei, schnell ist Romano wieder die gut ­gelaunte, dauerquasselnde, sich für alles ­begeistern könnende Charmeoffensive.

Nein, ein Skater wird aus Roman Geike nicht mehr. Muss auch nicht sein. Er ist ja schon: Rapper und Heimatsänger, in Australien ein Beinahe-Star, Rampensau aus Überzeugung, Immer-noch-Schlagersänger und Ex-Metalshouter, Irritationskünstler und Gute-Laune-Gott, Weltverbesserer und Gesamtkunstwerk, Kunstfigur und vollauthentischer Zopfträger, talentierter Versöhner aller denkbaren Widersprüche. Und nicht zuletzt: ein Phänomen, das so nur in Berlin entstehen konnte.

Oder genauer: in Köpenick. Dort ist Romano zuhause. Köpenick ist ihm „Schla­raffenland, Traumland, Planschbecken“. Im dortigen Krankenhaus kam er 1977 auf die Welt, dort hat er immer gewohnt, von dort bezieht er seine Inspiration, dort hat er Rentner Pfandflaschen sammeln sehen und sein politisches Bewusstsein entdeckt, dort riecht es für ihn „immer nach Kaffee, Erdbeerkuchen und einem Glas Sekt“.

Für andere mag das nach Spießigkeit stinken, für Romano ist es der Geruch von Heimat. Die Überraschung ist, dass man sich nun auch jenseits der Bezirksgrenzen für diesen Duft interessiert. Weil nun sein Debütalbum „Jenseits von Köpenick“ erscheint, ist „Spiegel Online“ mit ihm in der Straßenbahn durch Köpenick gefahren, und „Die Zeit“ war mit Romano beim 1. FC Union in der Alten Försterei. Selbst der „­Metal-Hammer“, Zentralorgan für eher männliche Klangmassen, hat den Mann mit den Zöpfen und einer öffentlich erklärten Vorliebe für Parfum und Handtaschen­mode entdeckt und festgestellt, dass der „die ­Metal-Szene ganz schön aufgewühlt hat“.

Der Anlass für diese Aufwühlung war das Lied „Metal-Kutte“, mit dem Romano im März auf der Bildfläche erschien. Es folgten mit „Brenn die Bank ab“ und „Klaps auf den Po“ zwei weitere, für ähnliche Verwirrung sorgende Songs. Einmal fordert er die Besitzlosen zum Widerstand auf und agitiert gegen „Botoxfratzen und Kaviarfressen“, dann kuschelt er als weiß eingefärbter Indianer mit einem schwarzen Pferd und verteilt „Küsschen hier, Küsschen da“. Als wäre das nicht irritierend genug, kann man im Netz Filmchen finden, in denen Romano mit weißer Bundfaltenhose, schwarzem Hemd und blonder Mähne „die Worte, der Liebe, die nicht vergeh’n“ besingt.

Sie finden das konfus? Da sind Sie nicht allein. Tatsächlich ging es Romano als „Kind der Wende“, wie er es selbst nennt, einst genauso: „Als die Mauer fiel, sind so viele Einflüsse auf einen eingestürzt.“ Als besonders prägend erinnert er einen Besuch als 14-Jähriger im Bunker. Die für den legendären Techno-Club typische, schranken­lose Mixtur aus Sexualität in allen denkbaren Spielarten und denkbar harter elektronischer Musik fand er „abstrus schräg, aber auch extrem faszinierend“.

Was Romano in den wilden Nachwendezeiten vor allem gelernt hat, ist eine hemmungslose Offenheit. Er hat in der halb­erfolgreichen Metalband Maladment gesungen, das Schlager-Album „Blumen für Dich“ herausgebracht und die Techno-Single „Ladies Want It“, die auf Umwegen im fernen Australien zu einem kleinen Hit wurde. Er hat Drum&Bass gemacht und Hip-Hop und sich eine ganze Palette an Pseudonymen von MC Ramon über Left Coast und Dayton the Fox bis Cornerboy zugelegt. Er hat eine Vorliebe für ausgefallene Frisuren entwickelt, interessiert sich für Mode, studiert regelmäßig die Befindlichkeiten der Schönen und Reichen in den einschlägigen Hochglanzmagazinen und geht gegen die NPD in Köpenick auf die Straße. „Musikalisch kann ich mir alles vorstellen“, sagt er, „inhaltlich hört es da auf, wo es menschenfeindlich wird.“ Als Menschenfreund, so sieht sich Romano in erster Linie: „Mir geht es darum, menschliche Wärme zu erzeugen. Ich will, dass die Leute mit einem Lächeln nach Hause gehen.“

Heute, im Mellowpark, gibt es zwar keinen Sekt und auch keinen Kuchen, aber wenigstens Filterkaffee. Alle paar Minuten kommt jemand vorbei, den Romano kennt. Der wird dann mit „Tachchen“ begrüßt und die schwersten Köpenicker Jungs heißen bei ihm „Süßer“ oder „Sonnenstrahl“. Nein, Romano kennt keine Berührungsängste, weder musikalische noch menschliche.

Das sorgt für Irritation und eine ungewöhnlich große mediale Aufmerksamkeit, war aber, wie er behauptet, „nie die Absicht“. Das glaubt man Romano gern, wenn er einem treuherzig in die Augen blickt. Dass es zumindest gern mitgenommener Nebeneffekt ist, ist zu vermuten, wenn man weiß, wer mit an der Figur Romano gearbeitet hat. Neben dem etablierten Electro-Musiker Suriusmo, mit dem Romano schon lange befreundet ist, und der als Produzent das anspruchsvolle Klangdesign von „Jenseits von Köpenick“ verantwortet, ist auch Jakob Grunert mit im Team. Der ist TV-Regisseur und Filmkomponist, war Mastermind hinter Icke & Er und hat den „Supergeil“-Clip ins­zeniert, der Friedrich Liechtenstein zur Werbe­ikone beförderte.

Grunert hat, sagt Romano, sein Potenzial erkannt und „eine Zeit lang eine Managementfunktion übernommen“. Aber am Ende hat Romano den Hut auf. Der gelernte Mediengestalter ist keine Marionette. Er mag sich selbst nicht allzu ernst nehmen, aber seine Mission, mit seinen Liedern die Welt ein bisschen lebenswerter zu machen, die ist ihm sehr wichtig. Vor ihm, sagt er, stünden die Menschen nackt und ungeschützt, dank seiner Musik fänden sie zusammen, über Grenzen und Unterschiede hinweg. Man könne das, sagt Romano und trinkt seine Tasse Kaffee aus, durchaus eine Agenda, einen gesellschaftlichen Auftrag und „vielleicht sogar politisch“ nennen. Das könnte womöglich klappen. Bis auf das Skaten hat der Mann noch alles hingekriegt, was er sich vorgenommen hat.

Romano – Jenseits von Köpenick

Romano: „Jenseits von Köpenick“ (Virgin/Universal)

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