Archiv

Ein Fest für ein neues Archiv

In der Akademie der Künste feiert das digitale „RomArchive“ seine Veröffentlichung. Mit dabei: der Fotograf Nihad Nino Pušija, der soeben einen opulenten Bildband veröffentlicht hat

Sinti und Roma haben keinen Staat und kaum eine Lobby, die sie schützt. Zumindest erhalten sie jetzt einen digitalen Resonanzraum. Zwei Jahre recherchierten die Kulturmanagerinnen Isabel Raabe und Franziska Sauerbrey aus Berlin über Euro­pas größte Minderheit, sie interviewten Künstler*innen und Kurator*innen. Daraus ist das „Rom­Archive“ entstanden, ein internationales digitales Archiv, das Raabe und Sauerbrey derzeit noch leiten. Am 25. ­Januar gehen die Inhalte online, auf Deutsch, Englisch und Romanes.

© Nihad Nino Pusija
Camp Caribou, aus dem Bildband „Down There Where the Spirit Meets the Bone“ von Nihad Nino Pusija © Nihad Nino Pusija

Die Einweihung findet prominent in der Akademie der Künste am Brandenburger Tor statt, mit dem dreitägigen Festival „PerformingRomArchive“. Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, wird zur Eröffnung am 24. Januar sprechen. Am Holocaustgedenktag, dem 27. Januar, liest der Überlebende Edward Dębicki aus seinen Erinnerungen „Toten­vogel“. Die Audioinstallation „Voice of the Victims“ der Historikerin Karola Fings gibt Einblicke in das Archivkapitel zum Holocaust.

Die einzelnen Bereiche des Archivs solle stetig erweitert und aktualisiert werden, betreut jeweils von einem Kuratorenteam. Rund 150 Mitwirkende zählt das Projekt. Ein Beirat aus Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen, mehrheitlich Sinti und Roma, entscheidet über die Richtlinien. Die Kulturstiftung des Bundes unterstützt das Archiv mit 3,75 Millionen Euro, weitere Förderer sind der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma und die Bundeszentrale für politische Bildung.

Wo der Geist auf Knochen stößt

Als einen „Referenzort für die Minderheit, an dem ihre selbsterzählte Geschichte endlich sichtbar wird“ und als „Bildungsinstrument für die Mehrheitsgesellschaft“ versteht Mitbegründerin Sauerbrey das Archiv. Zu entdecken auf den großzügig gestalteten Seiten sind unter anderem Flamenco, Film und Lite­ratur der Sinti und Roma sowie Interviews mit Kulturschaffenden.

Vertreten ist auch der Berliner Fotograf Nihad Nino Pušija aus Bosnien, der seit über 30 Jahren Angehörige von Minderheiten foto­grafiert und 2018 in der Galerie im Körnerpark ausstellte. Nihad wirkte in der Arbeits­gruppe Bilderpolitik des Archivs mit. „Sie sind ein heterogenes Volk: Allein unter den Roma gibt es noch 20 bis 30 verschiedene Stämme“, sagt er. Sinti und Roma sind in Deutschland einem erschreckend präsenten Rassismus ausgesetzt. Ihre kulturelle und politische Isolation nährt Vorurteile. „Der beste Weg, diese zu bekämpfen, ist Bildung“, sagt Pušija. „Und Mitgefühl.“
Ende 2018 hat er den Bildband „Down There Where the Spirit Meets the Bone“ veröffentlicht: Über viele Jahre porträtierte er von der Spaltung Jugoslawiens betroffene Roma-Familien. Pušijas Fotos appellieren an das Mitgefühl, denn niemand kann wissen „welche Kriege geführt werden, dort unten, wo der Geist auf Knochen stößt“, wie es in der Übersetzung von William Millers Gedicht „Down ­There Where the Spirit Meets the Bone“ heißt, das Pušijas Band den Titel gab.

blog.romarchive.eu
25.–27.1.: Akademie der Künste, Pariser Platz 4, Mitte, 11–22 Uhr, Eintritt frei, Ausstellungen: 29.1.–3.2., 11–19 Uhr, 6/4€
Nihad Nino Pušija: Down There Where the Spirit Meets the Bone. Hg.: Lith Bahlmann/ Matthias
Reichelt. Lehmstedt Verlag, Leipzig 2018, Dt./ Engl, 296 S., 196 Abb., 38 €