GESCHICHTSDRAMA

Rotter

Das Ensemble aufBruch macht mit Thomas Braschs Deutschlandstück ein ganzes Gefängnis zum Theater

Thomas Braschs selten gespieltes Drama wurde in der DDR begonnen und 1976 nach der „Übersiedlung“ des Autors nach West-Berlin abgeschlossen, ein Grundsatzstück, das die Unmöglichkeit von Individualität in der Gesellschaft – egal welcher – zeigt. Rotter, die Titelfigur, ist Nazi der ersten Stunde, ein Abbild des ewigen Opportunisten, der im Drama zum DDR-Musterbürger wird, zum „Helden der Arbeit“. Dagegen ist sein Gegenspieler Lackner ein anarchistischer Verweigerer.

Peter Atanassow macht in seiner in jeder Minute interessanten Inszenierung mit dem aufBruch-Ensemble – Freigänger, Ex-Inhaftierte und Schauspieler– den ganzen Ort, ein ehemaliges Frauengefängnis, zur Bühne: Das Publikum folgt den Darstellern (die Rollen werden permanent gewechselt) quer durchs Gebäude von den Zellentrakten bis hoch zum Dachboden; ein Kaleidoskop greller, immer wieder überraschender Bilder, die Assoziationen freisetzen. Bruchstücke der deutschen Geschichte werden abgebildet: Draußen marschiert die SA, drinnen wird ein Jude abtransportiert.

Eindringlich das Schlussbild: Da sitzen die erstarrten DDR-Funktionäre mit goldenen Schlipsen und orangenen Hemden, vor ihnen in rotem Tuch eingehüllt: Rotter – eine Schnaps trinkende Puppe. Nein, Helden gibt es in diesem surrealen, deutschen Panoptikum nicht mehr. AXEL SCHALK

24. + 29.10., 19 Uhr, Soeth 7 – ehemaliges Frauengefängnis, Söhtstr. 7, Lichterfelde.
Regie: Peter Atnassow. Eintritt 14, erm. 9 € (über Kasse der Volksbühne: Tel. 240 65 777)

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