so war es bei der zitty art präsentiert von mastercard priceless berlin

Im KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst

Ein Rundgang durch das KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst mit dem Ausstellungsleiter Andreas Fiedler

Bilder

Wie in Zeitlupe fährt die Kamera um das Berliner Olympiastadion, rund 60 Minuten dauert die virtuelle Umrundung des Gebäudes, der die Betrachter ganz entspannt in komfortablen Sitzsäcken beiwohnen können. Das 20 Meter hohe Kesselhaus der ehemaligen KINDL-Brauerei ist ein kontemplativer Ort. Wer es sich in diesem abgedunkelten Raum gemütlich gemacht hat, der will so schnell nicht wieder aufstehen. Muss er auch nicht.

Wie wird das Stadion in 1.000 Jahren aussehen? Das Spielfeld ein wuchernder Dschungel, die Fassade von Pflanzen umschlungen. So  stellt sich der belgische Video-Künstler David Claerbout das vor. Ausgangspunkt seiner Echtzeitprojektion ist das Stadion, wie es 2016 aussah, nachgebildet in aufwendigen Digitalaufnahmen. Nun lässt es der Künstler verfallen – und wir dürfen dabei zuschauen. Nur müssten wir dafür sehr viel Zeit einplanen: Der Verfall ohne den pflegenden Einfluss des Menschen wird in Echtzeit simuliert. Die realen Wetterdaten aus Westend fließen in die kontinuierlichen Berechnungen ein.

Zeit – das ist das übergreifende Thema aller drei Ausstellungen im KINDL, das weder Museum noch Galerie sein möchte, sondern eine Kunsthalle für Kunst, die heute entsteht – ein Zentrum für Gegenwartskunst oder zeitgenössische Kunst. „Was ist eigentlich der Unterschied zwischen zeitgenössischer und Gegenwartskunst?“, fragte sich Andreas Fiedler, Kurator und künstlerischer Leiter des Hauses. Im Englischen gibt es nur einen Begriff: contemporary. Am Ende entschied man sich für den Namen „KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst“. „Der Begriff ‚zeitgenössisch’ schließt den Betrachter als Zeitgenossen ein“, sagt Fiedler. Aber was bedeutet es eigentlich, Zeitgenosse zu sein? Zunächst heißt es, sich mit anderen in derselben Zeit zu befinden, die selbe Zeit zu teilen. Es geht um ein Mit-der-Zeit-sein, anstelle eines In-der-Zeit-Sein. Diese Definition setzt die Idee voraus, die Zeit unabhängig vom Ort teilen zu können, aber auch die Möglichkeit handeln zu und aktiv verändern zu können.

Aus diesen Überlegungen heraus entwickelte Andreas Fiedler Idee und Titel der Gruppenausstellung „How long is now“, die noch bis zum 19. Februar in der acht Meter hohen Halle des Maschinenhauses zu sehen ist: Neun Künstler reflektieren unsere Epoche, in der wir als Zeitgenossen immer noch verankert sind. Besonders prägnant – und immer wieder gut für ein Selfie – ist die Arbeit von Jeppe Hein, die einen weißen Neonschriftzug auf einem Spionspiegel mit der Aufschrift zeigt: „You are right here right now“.

„Inhalt“ zeigt die sehr unterschiedlichen Bildwelten des Malers Eberhard Havekost, der in Dresden geboren ist und seit langem in Berlin lebt. Auf den ersten Blick prasselt alles Mögliche auf den Besucher ein. Dunkle Bildschirme von Smartphone und TV hängen neben abstrakten Farbfeldern, und diese wiederum neben rosa Mündern, Dinosauriern und Kabelsalat. Alltägliche Dinge, die dadurch, dass sie gemalt werden, eine neue Bedeutung erlangen. Tatsächlich sieht das Auge des Betrachters zwischen diesen so unterschiedlichen Arbeiten pausenlos Zusammenhänge: Etwa, wenn der Maler den Ausschnitt einer Bikinireklame von H&M nahezu fotorealistisch abmalt und daneben ein monochrom rotes Gemälde namens „Bikini“ hängt und dabei nicht die Badekleidung im Sinn hat, sondern das Atoll mit den Atomversuchen.

Text: Kirsten Niemann