Reportage

Bei der Oranienburger Meisterschaft im Rennrutschen

Ein Kinderspaß als Wettkampfsport: Zu Besuch bei der Oranienburger Meisterschaft im Rennrutschen

Wasserrutschen gilt als Kinderspaß, doch leidenschaftliche Rutscher*innen haben einen Sport daraus gemacht. In Oranienburg startet jedes Jahr eine Meisterschaft.
Wasserrutschen gilt als Kinderspaß, doch leidenschaftliche Rutscher*innen haben einen Sport daraus gemacht. In Oranienburg startet jedes Jahr eine Meisterschaft. Foto: Martin Schwarzbeck

Andreas Köhnke ist angespannt. Der 50-Jährige steht vor dem Einstieg der Double-Racer-Rutsche im Spaßbad Turm in Oranienburg und zieht sich die schwarz-rot-goldene Badehose tief in die Kimme. „Schneller werde ich so nicht, das ist nur fürs Gefühl“, sagt er.

Dann trocknet er seine Hände und die Stange am Rutscheneinstieg mit einem Handtuch ab. Köhnke wiegt 100 Kilogramm, seine Beine und sein Oberkörper sind glatt rasiert. Er lehnt sich fast waagerecht mit den Händen auf die Stange, atmet tief ein, wippt ein paarmal auf und ab, springt, wirft die Beine nach vorn, schwingt den restlichen Körper hinterher und landet nach einem kurzen Flug mit sattem Platschen tief in der Röhre. Schon bei der Landung liegt er in perfekter Wettkampfposition: Die Beine überschlagen, nur eine Ferse auf der Röhre, dazu beide Schulterblätter, der Hintern ist weit nach oben gereckt, die Arme sind gerade nach hinten ausgestreckt. Kleinstmögliche Reibungsfläche. In einem Bruchteil einer Sekunde ist Köhnke, im echten Leben Versicherungsfachwirt, hinter der ersten Kurve verschwunden.

Es ist ein typischer Tag im Spaßbad. Nackte Füße patschen auf nasse Fliesen. Wasser tropft von Röhren, Nasen, Fingern und Ellbogen. Kindergeschrei erfüllt die feuchtigkeitsgeschwängerte, tropisch warme Luft. Doch etwas ist besonders. Denn heute findet hier das erste Mal eine Rennrutschveranstaltung statt. Der Deutschland-Cup. Der wird deutschlandweit auf etwa 35 Rutschen ausgetragen, die zwei schnellsten Männer und Frauen jedes Wettkampfes qualifizieren sich für das Finale.

Jedes 2. Wochenende zu Rutschterminen

Andreas Köhnke und sein Sohn Cedric sind heute morgen um sieben Uhr in Hamburg aufgestanden und eine Stunde vor Wettkampfstart angekommen, damit sie die Austragungsrutsche kennenlernen können. Sie fahren fast jedes zweite Wochenende zu Rennrutschterminen. Köhnke rutscht seit 30 Jahren bei Wettbewerben, schon früh nahm er seinen Sohn mit. Der hatte zunächst Angst vor den Rutschen, dann merkte der 14-Jährige „dass ich richtig schnell bin“. Seitdem ist auch er mit Leidenschaft dabei.

Je 88 Meter sind die beiden parallelen Röhren in Oranienburg lang. Sie bewältigen dabei einen Höhenunterschied von rund 7,5 Metern. Ein gutgelaunter Moderator sagt an, wer sich wann am Rutschenturm anzustellen hat – erst kommt der Kinderwettkampf, dann folgen die Erwachsenen, als Rahmenprogramm tritt ein lokaler Rapper auf. In Badelatschen.

Wasserrutschen gelten als Kinderspaß. Doch die leidenschaftlichsten unter den Rutschern haben einen Sport daraus gemacht. Da geht es um Hundertstel Sekunden. Auf der schnellsten Rutsche der Welt in Rio de Janeiro können Rennrutscher bis zu 91 Stundenkilometer erreichen. Dank Trägheit der Masse sind schwere Rutscher im Vorteil, aber vor allem geht es um Technik: perfekte Körperspannung und das richtige Ansteuern der Kurven. Eincremen oder -ölen gilt als Doping. Sponsoren und Medienaufmerksamkeit gibt es in Deutschland so gut wie nicht.

Schnell Rutschen ist gefährlich

Das Rennrutschen ist kein harmloser Sport. Die Rennrutscherin Manuela Krumnow, 27, dreifache Brandenburger Meisterin und einmalige Berliner Meisterin, zeigt eine gut 15 Zentimeter lange Narbe auf ihrem Schlüsselbein. Das hat sie sich gebrochen, als sie sich in einer Kurve überschlagen hat. „Ich liebe den Rausch der Geschwindigkeit“ sagt sie. Aufgrund der Verletzung ist sie heute nur als Helferin dabei. Krumnog notiert die Zeiten der Kandidaten.

Köhnkes größter Gegner heute ist der Lokalmatador Jörg Krüger, 32 Jahre, 86 Kilogramm, seit zwei Jahren Rennrutscher. „Einer der zehn schnellsten Deutschen“, sagt er über sich, „mit Ambition auf die Top fünf“. Krüger arbeitet als Schwimmmeister hier im Bad und trainiert oft vor und nach seiner Arbeitszeit. „Ich bin hier schon hunderte Male gerutscht“, sagt er. Er hält mit 11,09 Sekunden den bisherigen Rekord auf dem Double Racer. Köhnke und Krüger verbindet eine leidenschaftliche Konkurrenz.

Isabell Arndt, Kampfgewicht 58 Kilogramm, rutscht heute ihren ersten Wettkampf. Die 20-Jährige macht eine Ausbildung zur Erzieherin. Anders als viele Rennrutscherinnen, die auf dem Po sitzend rutschen, probiert sie heute erstmals die Dreipunkt-Technik, mit der auch alle Männer die Röhren bewältigen. Arndt ist ohne Erwartungen angereist, aber: „Es wäre  cool, wenn ich aufs Treppchen käme“, sagt sie.

Cedric Köhnke, Kampfgewicht 85 Kilo, rutscht direkt nach seinem Vater. Er hat eine etwas andere Starttechnik. Er springt eher hoch und wirft erst die Fersen Richtung Po, bevor er mit ausgestreckten Beinen Richtung Röhre schießt. Cedric Köhnke mag alle Wasserrutschen, auch solche mit Reifen, die sich kaum kompetitiv berutschen lassen. Obwohl er mit seinen 14 Jahren noch bei den Jungs starten könnte, rutscht er bei den Männern mit. „Das ist doch sonst Kinderkram“, sagt er.

Hoher Wasserstand bremst

Die Double-Racer-Rutsche sieht Cedric Köhnke eher kritisch. „Hier ist der Wasserstand hoch, das bremst. Und die Stange ist sehr niedrig, da ist es schwer, sich reinzuschwingen. Die Rutsche ist auch prinzipiell eher langsam.“ – „Eine Technikrutsche“, sagt sein Vater dazu.

Die krasseste Rutsche, die Cedric Köhnke je getestet hat, ist eine Doppelloopingrutsche. Dort stellt man sich zum Start in eine Pexiglaskapsel, dann geht eine Klappe auf – und man fällt in die Rutsche. „Da ist der Anpressdruck so hoch, dass man es kaum schafft, den Po durchgängig über dem Wasser zu halten“, sagt er.

Bei der Oranienburger Rennrutschmeisterschaft rutscht jeder Teilnehmer zweimal auf der einen Röhre – Frauen links, Männer rechts –, dann folgt eine Pause, damit alle ins Wellenbad gehen können, das gerade aktiv wird, dann wird zu den zwei Durchgängen auf der jeweils anderen Röhre aufgerufen, die zwei besten Zeiten werden zusammengezählt. Erst sind die Kinder dran, dann wird es ernst. 19 Männer und acht Frauen drängeln sich auf der Wendeltreppe zum Rutschenturm. Auf ihren Schultern stehen mit wasserfestem Filzstift ihre Startnummern geschrieben. Die Gesichter in der Schlange werden immer konzentrierter, je näher der Rutscheneinstieg rückt. 

„Auf den letzten Metern in der Schlange bin ich natürlich auch ein bisschen aufgeregt“, sagt Andreas Köhnke, und: „Jörg hatte 11,41 Sekunden.“ Er zieht die Augenbrauen zusammen und nickt versonnen. „Das ist schaffbar.“ Pause. „Wenn ich keine Fehler mache.“ Pause. „Ich probier mal was aus“, sagt er und legt ein nasses Handtuch auf den Boden vor der Rutsche, um mehr Grip beim Absprung zu haben.

Dann das Drama: Bei Köhnkes letztem Lauf hat die Zeitmessung nicht ausgelöst. Er diskutiert erregt mit den Veranstaltern. Das Ergebnis: Er darf seinen Lauf wiederholen. Doch seine Zeit ist eher schlecht: 11,63 Sekunden. „Die Rutsche war schon angetrocknet, die Sonne hat draufgeschienen und ich bin auch noch schräg reingesprungen und habe so den Sensor zu früh aktiviert“, entschuldigt er sich.

Es folgt die Siegerehrung. Die Amateurin Isabell Arndt hat überraschend den ersten Platz der Frauen geholt. Sie darf ganz oben aufs Treppchen. Dann die Männer: Krüger hat den ersten Platz gemacht, Köhnke den zweiten. Köhnke wirkt ein bisschen betreten: „Das ist okay. Es ist sein Schwimmbad und ich lag nur zwei Hundertstel hinter ihm. Außerdem habe ich ihn letztes Mal besiegt. Zweiter Platz ist doch in Ordnung. Wäre ich fünfter oder so geworden, hätte ich mir Sorgen gemacht“, sagt er.

Der Keller der Köhnkes hängt laut Vater Köhnke voll mit Medaillen, hauptsächlich vom Rennrutschen, ein paar auch vom Kartfahren. Andreas Köhnke nimmt auch an Wok-Rodel-Wettkämpfen teil, er steht auf Geschwindigkeit. Auf dem Weg zurück nach Hamburg wird er trotzdem nicht schneller als 120 Kilometer in der Stunde fahren. „Meine Frau steigt mir aufs Dach, wenn die Spritkosten explodieren“, sagt er.

Brandenburgische Meisterschaft: 28.3., 13 Uhr, Naturtherme Templin, auch für Amateure offen. Mehr Infos zum Rennrutschen gibt es hier:www.drv-rennrutschen.com/deutschland-cup/termine/veranstaltungen/