Westbams Club-ABC

S wie SO 36

Als ich in den ganz frühen 80er Jahren bei einem meiner ersten Berlin-Besuche das erste Mal ins SO 36 kam, erschien mir der Laden wie der absolute Punk-Himmel. Er repräsentierte genau das Berlin, das ich mir immer vorgestellt hatte und wo ich hin wollte, ich freute mich an Tuxedomoon und DAF und an dem Sound der Zeit.

Und so war es für mich irritierend, von einheimischen Anarchopunk-Insidern hören zu müssen, dass dieser Laden eigentlich totaler Kommerz, Touri-Scheiß und Konsumterrordreck sei im Gegensatz zum viel kredibleren KZ 36. Eben jener Laden sei mit dem Geld gegründet worden, das man in einer Nacht- und Nebelaktion bei einem Überfall auf die Abendkasse bei einem Wire-Konzert im kommerzigen SO 36 geklaut habe. Dass daraufhin der Künstler Martin Kippenberger, damals einer der Mitbetreiber des SO 36, entnervt das Handtuch geschmissen hatte, wusste ich damals noch nicht und fand das alles kreuzberg-cool.

Viel später habe ich dann mal im „Electric Ballroom“ im SO 36 aufgelegt. Der fand immer am Montag statt und dort trafen sich die Besten der Besten, nach einem Wochenende, das sie komplett durchgemacht hatten. Meine These: Wann immer es in der Berliner Nacht eine Montagsveranstaltung gibt, auf die sich eine Szene einigen kann, herrscht eine Blütezeit. Heute bittet das SO 36 auf seiner Website, doch bei einem Wettbewerb einer Internetbank teilzunehmen, um als gemeinnütziger Verein 1.000 Euro für ein neues Mischpult zu bekommen. Da frage ich mich: Ist alles anders oder alles immer gleich?

 

Zeitpunkt des Besuchs: 1981

Adresse des Ladens: Oranienstraße 190, Kreuzberg 36 (heute 10999)

Typischer Track: „No Tears“ von Tuxedomoon

 

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