Die Berliner Gotteskrieger

Salafismus – was ist das?

Der Attentäter Anis Amri hatte offenbar Kontakt zur Berliner Salafistenszene. Wie groß ist sie? Und wie gefährlich? Die wichtigsten Fragen und Antworten

Die Definition

Der Begriff „Salafismus“ wurde vom Verfassungsschutz eingeführt und bezieht sich auf zwei Reformbewegungen des sunnitischen Islams: den Wahabismus, entstanden im 18. Jahrhundert in Saudi-Arabien, und die Salafiya-Bewegung, die ihren Ursprung im Ägypten des späten 19. Jahrhunderts hat. Beide Strömungen orientieren sich strikt am Koran und den gesammelten Aussagen des Propheten Mohammed. Sie zielen darauf ab, zu einem reinen, vermeintlich unverfälschten Islam zurückzukehren. Es geht also darum, ein Leben zu führen, wie es Mohammed zu Lebzeiten im 7. Jahrhundert geführt haben mag – mit entsprechendem Frauenbild und Rechtsverständnis.

Gebetskette
Die Gebetskette und der Koran: In roter Schrift die Stellen, an denen der Prophet genannt ist, mit dem Kreis umrandet die Nummer der Sure
Foto: Saida Shigapova/ Fotolia

Die Vorbilder

Anhänger des Salafismus richten ihr Leben so gut wie möglich am Leben Mohammeds und seiner Gefährten, den sogenannten frommen Altvordenen (as-salaf as-salih), aus. Sie tun dies beispielsweise, indem sie sich einen langen Bart wachsen lassen, knöchelfreie Kleider tragen und ihre Zähne mit einem speziellen Holz, dem sogenannten Miswak, reinigen. Sie tun das aber auch – und an diesem Punkt wird das Phänomen für den Verfassungsschutz relevant –, indem sie sich auf den Koran als gesetzgebende Instanz berufen.

Wie groß ist die Gruppe in Berlin?

Der Berliner Verfassungsschutz zählt derzeit 840 Salafisten in der Hauptstadt. Nicht enthalten in dieser Zahl sind die sogenannten puristischen Salafisten, die als friedlich gelten. Denn, entgegen der gängigen Meinung: Nicht jeder Salafist ist gewaltbereit.

Wie lassen sie sich unterscheiden?

Grundsätzlich lassen sich drei Gruppen unterscheiden: Eben jene puristische Salafisten, die zwar missionieren, sich aber nicht in das gesellschaftliche Leben einmischen. Politische Salafisten, die die demokratische Grundordnung zwar in Frage stellen, dabei aber Gewalt ablehnen. Und dschihadistische Salafisten, die Gewalt im Namen Gottes befürworten. Letztere sind entgegen gängigen Medienberichten in der Minderheit.

Die Radikalisierung

Die Islamismus-Expertin Claudia Dantschke erforscht das Phänomen Salafismus seit Jahren. Bis vor kurzem, erklärte sie auf einer Tagung im April 2016, sei die Radikalisierung etappenweise erfolgt. Die jungen Männer und Frauen seien Schritt für Schritt von einer Gruppe in die andere, radikalere gerutscht. Inzwischen aber beobachte sie eine Beschleunigung des Prozesses. Junge Menschen würden sich sofort radikalisieren – „von Null auf Hundert in den Dschihad“.

Die Wirkung

Was sind das für Menschen, die keinen Sinn mehr in ihrem Leben sehen und sich und andere für ein vermeintlich höheres Ziel in die Luft sprengen? Generell, sagt Dantschke, betreffe es inzwischen alle sozialen Schichten. Jugendliche mit Migrationshintergrund genauso wie solche aus „biodeutschen“ Familien. Dennoch lässt sich ein wiederkehrendes Muster erkennen: Viele der radikalisierten Jugendlichen kommen aus zerrütteten Familienverhältnissen, oftmals fehlt der Vater, die Jungen und Mädchen sind auf der Suche nach Halt. Ebenfalls auffällig: Nicht selten haben die Attentäter eine kriminelle Vergangenheit. Anis Amri, der mutmaßliche Attentäter vom Breitdscheidplatz, etwa verbüsste in Italien eine vierjährige Haftstrafe wegen Brandstiftung, Körperverletzung, Bedrohung und Diebstahl, in Berlin dealte er vermutlich mit Drogen im Görlitzer Park.

Die Netzwerke

Zwar gibt es über den konkreten Weg der Radikalisierung keine gesicherten Erkenntnisse, auffällig aber ist die Rolle, die das Internet dabei spielt. Seien es die Propaganda-Videos des sogenannten Islamischen Staates, dessen Hochglanzmagazin Dabiq oder auch bestimmte Facebook-Gruppen und Foren, in denen die Jugendlichen teilweise direkt angesprochen werden. Auch der im November festgenommene Prediger „Abu Walaa“ aus Hildesheim, einer der führenden Köpfe der deutschen Salafistenszene, verbreitete seine Botschaften über verschiedene digitale Kanäle. Anis Amri soll Teil seines Netzwerkes gewesen sein.   

Die Moscheen

Und auch als salafistisch eingestufte Moscheen sind relevant. Und das nicht nur aufgrund der Predigten, die eine radikalisierende Wirkung haben können, sondern auch, weil Anwerber mitunter  die Räumlichkeiten nutzen, um junge Menschen zu rekrutieren.

In seinem Jahresbericht 2015 erwähnt der Verfassungsschutz vier Berliner Moscheen, in denen  Salafisten verkehren und die deshalb unter Beobachtung stehen. Das sind:

die Moschee des Vereins Fussilet 33 in Moabit, den Vorstände selbst als „Moschee der ISIS-Leute in Berlin“ bezeichnet haben. Ein Imam wurde im Oktober 2015 verhaftet, weil er für den sogenannten Islamischen Staat geworben und die Terrororganisation finanziell unterstützt haben soll. Der „RBB“ meldete zunächst, Anis Amri habe die Moschee unmittelbar nach dem Anschlag aufgesucht. Die Meldung wurde vom Landeskriminalamt aber dementiert.

Die Al-Nur-Moschee in der Neuköllner Haberstraße 3: ein trostloser Betonklotz als Hort der Radikalen?
Die Al-Nur-Moschee in der Neuköllner Haberstraße 3: ein trostloser Betonklotz als Hort der Radikalen?
Foto: Sascha Lübbe

die Al-Nur-Moschee, ein ehemaliges Fabrikgebäude in einem Neuköllner Industriegebiet. In der Moschee wurde 2003 ein Tunesier festgenommen, weil er im Verdacht stand, einen Anschlag geplant zu haben. Auch Denis Cuspert, der bekannteste Deutsche in den Reihen des IS, zählte eine zeitlang zu den Besuchern.

die As-Sahaba-Moschee, eine unscheinbare Erdgeschosswohnung mitten in einem Weddinger Wohngebiet. Der ehemalige Vorstand der Moschee, Reda Seyam, steht im Verdacht, das Attentat auf Bali im Jahr 2002 mitfinanziert zu haben. Er machte später Karriere als „Bildungsminister“ des IS im Irak.

die Ibrahim al-Khalil-Moschee, eine ehemalige Fabrik in Tempelhof. Die Moschee wurde im September 2015 von der Polizei durchsucht. Der Imam steht ebenfalls im Verdacht, junge Menschen für den bewaffneten Dschihad in Syrien rekrutiert zu haben.

Laut „BZ“ soll Anis Amri in Kontakt zu dem in Berlin lebenden Tunesier Bilal B. gestanden haben. B war im November 2015 wegen des Verdachts auf Vorbereitung einer schweren, staatsgefährdenden Straftat festgenommen worden, kam aber wieder frei. Im Zuge der Ermittlungen wurde damals auch die Seituna Moschee in Charlottenburg durchsucht. Gefunden wurde dabei nichts.

Strafverfolgung

Ermittelt wird in diesen Fällen wegen Mitgliedschaft oder Unterstützung einer terroristischen Vereinigung beziehungsweise der Vorbereitung einer schweren, staatsgefährdenden Straftat. Dazu werden unter anderem Gespräche und Chats Verdächtiger überwacht, deren Wohnungen und PCs nach relevanten Daten durchsucht. Das Problem für die Ermittler: Der Anschlagsplan muss auch  nachgewiesen werden können – was etwa durch verschlüsselte Kommunikation erschwert werden kann.

Die Gegenmaßnahmen

Wenn es um das Thema Radikalisierung geht, rücken vermehrt auch öffentliche Institutionen in den Fokus. Und das wiederum schlägt sich in der Präventionsarbeit nieder: Das Violence Prevention Network beispielsweise, ein Berliner Verbund verschiedener Fachkräfte aus der Extremismus-Prävention, unterhielt bis Dezember 2016 nicht nur Projekte in einer Moschee, sondern auch in Schulen und Gefängnissen. Derzeit stehen viele der Projekte mangels Finanzierung jedoch vor dem Aus. Der Verein Hayat, für den auch die Islamismus-Expertin Dantschke tätig ist, setzt beim familiären Umfeld an. Er wendet sich vor allem an Eltern, deren Kinder drohen, in den militanten Dschihadismus abzurutschen.

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