MARX UND ANDERE PROMIS

Gott spielt Akkordeon

Im „Salon mit Experten – eine politische Musikrevue“ versammeln AnniKa von Trier und Suse Wächter Karl Marx und ­Geistesgrößen ­des 20. Jahrhunderts zu Themen von heute

Mit Sigmund Freud auf der Couch: ­AnniKa von Trier (li.) und Suse Wächter – Foto: Thea Weires

Text: Friedhelm Teicke

Na, da war ja was los vorvergangenes Jahr in Trier. Die Stadt feierte den 200. Geburtstag ihres berühmtesten Sohnes – Karl Marx. Eine von den Chinesen geschenkte Fünf-Meter-Riesenstatue des Denkers wurde aufgestellt, Millio­när-Quizzer Günther Jauch las Marx’ Geburtsurkunde vor, die einer seiner Vorfahren unterschrieben hatte, und das Stadtmarketing brandete Kaffeetassen, Fahrradklingeln, Schokoladetafeln und Badeenten (!) mit dem Konterfei des Wirtschaftsphilosophen. Marx als Marke, der Kapitalismus vereinnahmt alles, auch seine Kritiker.

Die Berliner Per­formance­künst­lerin und Sängerin AnniKa von Trier, die ihre Herkunft schon im Künstlernamen ausweist, hat die plötzliche Entdeckung und Vereinnahmung des revolutionären Denkers dennoch überrascht: „Bis 2018 war in Trier gar keine Rede von Karl Marx, es herrschte bis in die 80er-Jahre hinein eine Riesenangst vor dem Kommunismus. Schon Lehrer, die Brecht lesen lassen wollten, waren suspekt“, erinnert sich die 1970 als ­Annika Krump geborene Künstlerin, die ihre Karriere als „die singende Tellermiene“ Palma Kunkel begonnen hatte.

So kam auch sie erst wirklich mit Marx in Berührung, als sie 1992 als Dramaturgieassistentin an die ­gerade von Frank Castorf übernommene Volksbühne in Berlin kam. „In meinem Büro standen die ganzen Marx-Engels-­Werke, auch redete Castorf ständig über Marx“, sagt sie. „Da habe ich angefangen, mich mit ihm auseinanderzusetzen, unabhängig von der gerade zusammengebrochenen DDR, ich wollte verstehen, was jemanden wie Castorf immer noch da dran fasziniert.“

Gut 25 Jahre später und längst eine eigenständige Künstlerin war die Liedermacherin, Sängerin, Buch- und Hörspielautorin inzwischen Marx-kompetent genug, um selbst einen Beitrag zum Trierer Marx-Jubiläum zu erstellen. Gemeinsam mit der Puppenbauerin und -animateurin Suse Wächter setzte sie dem stadtoffiziellen Markenfetischismus im „ Salon mit MarX­perten – Jetzt erst recht!“ niemanden geringeres als Marx selbst und von ihm beeinflusste illustre Geistesgrößen aus Philosophie, Kunst, Wirtschaft und Psychologie entgegen.

Das war derart gelungen, dass von Trier und Suse Wächter ihren Salon nun in Berlin fortsetzen, einer Stadt, in der der Vordenker der Arbeiterbewegung immerhin studiert hatte. Zu den speziellen Spezia­listen in der „politischen ­Musikrevue“ gehören neben Marx auch „Helden des 20. Jahrhunderts“ wie Sigmund Freud, Bertolt Brecht und der Autobauer Henry Ford sowie – erstaunlich angesichts des scharfen Religionskritikers Marx – auch Gott persönlich, der, das wissen ja viele nicht, Akkordeon spielt.

Henry Ford, der Erfinder der Fließbandfertigung, spielt übrigens Schlagzeug und hält einen Monolog über Mensch und Maschine. So wie Ford, Freud und Brecht „beziehen sich viele auf Marx“, sagt von Trier. „Nur sind alle Versuche, dessen Theorien umzusetzen, bekanntlich bislang gescheitert. Was wäre aber, wenn Marx heute wiedergeboren würde? Denn es geht in dem Programm eindeutig um die heutige Welt, um Digitalisierung, Turbokapitalismus, Gentrifizierung und was diese ikonischen Figuren bereits damals dazu zu sagen hatten.“

So ist Marx, der seinen Originaltext über die Allmacht des Geldes rappt, auch nicht die einzige Quelle für das neu inszenierte Programm. „Ich lese ganz viele Theo­rien und Romane, etwa ,Unser Leben in den Wäldern‘ von Marie Darrieussecq, ein Zukunftsroman, in dem allen Menschen bereits Chips implantiert wurden, sie sind dauerhaft online überwacht, man ist nie mehr offline. Meine Songs ,Drohnendasein‘ und ,Snowdown‘ handeln von solchen Dingen.“

Von den heutigen Zumutungen konnte Marx nichts wissen. Gleichwohl hat er in seinem Manifest eine kapitalistische Zukunft skizziert, die auch im 21. Jahrhundert nicht fremd wirkt. Denn das Grundproblem des Kapitalismus bleibt: Wie kann es sein, dass Reichtum Armut schafft? 

22.2., 25.–27.2., 20 Uhr, ufaFabrik, Viktoriastr. 10-18, Tempelhof. Idee & ­Dramaturgie: AnniKa von Trier, Puppen: Suse Wächter, Drums: Matthias Trippner. Eintritt 19, erm. 16 €