Chamber-Pop

Sam Vance-Law: Weil Moskitos in die Paradiescrème spucken

Sam Vance-Law feilt noch an seinem Album „Homotopia“, aber die Single stimmt schon jetzt ziemlich sicher: 2018 geht Pop in Berlin nicht ohne den Kanadier

Ein letzter Tag, der nach Spätsommer riecht. Sam Vance-Law sitzt auf einer der weißen Bänke an der Fontäne im Körnerpark. Der Kanadier, 30 Jahre alt, hat so ein Lachen, bei dem sich selbst Justin Trudeau noch etwas abgucken könnte. Plötzlich weicht es einer Skepsis, nicht bloß weil Moskitos im Anflug sind, sondern auch weil da zwei Typen hinter den Blumenbeeten so aufeinander einschreien, als wollten sie sich die Gesichter blutig schlagen.

Da haben sie sich mit Vance-Law aber den Falschen ausgesucht, denn rein zufällig hat der, neben all seinen Eigenschaften, die ihn ziemlich sicher zum Berliner Pop-Überflieger 2018 machen, auch einen Trainerschein im koreanischen Kampfsport Taekwondo. Leider beruhigen die Typen sich, ohne dass Vance-Law seine Superhero-Skills auspacken darf.

Aber die Stimmung im Park, sie passt zur kommenden, ersten Platte von Vance-­Law. „Homotopia“ heißt die, das klingt nach Homo-Utopie, so wie der Körnerpark auch eine zauberschöne Oase scheint, bis Moskitos und andere blutlüsterne Zeitgenossen in die Paradiescrème spucken.
Vor sieben Jahren ist Vance-Law in Berlin gestrandet, dabei wollte er eigentlich nur eine Woche bleiben. Nach dem Lite­ratur-Bachelor im kanadischen Edmonton wusste er erstmal nicht, wie weiter, ein Freund in Paris konnte die Miete nicht mehr bezahlen, Vance-Law zog zu ihm und steuerte etwas bei, aber dann kam, wie gesagt, Berlin dazwischen. Noch am ersten Tag landete Vance-Law in einer biertrunkenen Jam-Session; am zweiten bot man ihm in einer Punk­spelunke einen Job an, summertime and the livin’ is easy.

Nur einen Koffer hatte Vance-Law noch in Paris, ein Fahrrad, eine Violine und seinen (inzwischen Ex-)Freund, aber die zogen rasch nach, in die Neuköllner Boddinstraße. „Berlin war die erste Stadt, in der ich mich mit meinem Freund sicher fühlte“, sagt Vance-Law heute auf der weißen Bank im Park. Dann erzählt er davon, wie er als Teenager aufwuchs, ohne Internet im Internat. Im Musik-Internat gab es Computer, aber keiner davon war verbunden mit der Außenwelt. Drei Jahre lang lebte er dort, von 13 bis 16. Keine Chance, in die Google-Maske einzugeben: Wie fühlt sich das an, schwul zu sein?„Für mich war das seltsam, dass das so schön war, was ich fühlte – und andere fanden es offenbar scheußlich. Ich wollte also nicht mehr das sein, was sie gay oder faggot nannten.“ Die kommende Platte, „Homotopia“, handelt umso mehr davon. Dazwischen ist in Vance-Laws Leben aber auch viel passiert: Literatur hat er studiert in Edmonton. Passion für Geschichten mit doppeltem Boden. „James Baldwin hat mich aufgerüttelt, und Virginia Woolf ist superqueer.“ Mit 19 war er offen schwul.

Sam Vance-Law
Foto: Patricia Schichl

Los mit dem kammerpoppigen Album ging es vor drei Jahren. Die Violine spielt Vance-Law, seit er vier ist. Bei seinem Bari­ton hört man das jahrelange Training im Klassikinternat. Drums, Bass und Gitarren hat er im Studio in der Sonnenallee aufgenommen, „Chez Chérie“, viel anderes zu Hause, allzu viel Geld war ja nicht da. Gerade feilt Produzent Kontantin Gropper alias Get Well Soon mit Vance-Law noch bisschen an den Sounds, bevor das Album 2018 endlich erscheint. Bisschen mehr Synth-­Pads drauf. Komplexe Percussion. Mehr Textur für die Violinen. Feinmixen.

Einen Appetizer auf die Platte gibt jetzt aber schon die Single „Prettyboy“, die just erschien. Der Videoclip spielt im Altenheim. Der Prettyboy ist ein Dandy von 70 oder 80 Jahren. Heller Anzug, Einstecktuch und Schleife aus Samt. Drangsal-Max schaut im Clip düster drein, als Altenpfleger mit Hang zum Piano, während die Damen in Blumenblusen Mensche-ärgere-dich-nicht spielen.

Wie der Silverdandy im Clip tanzt – das dürfte die meisten jungen Prettyboys in den Schatten stellen. Der Song ist an der Klang­oberfläche Pop und Fun. Die Außenwelt sieht den Typ, und denkt sich: „Der hat alles.“ Der Kern aber ist schwermutbeladen. Seine Androgynität bereitet dem Protagonisten Probleme. Er raucht zu viel, er trinkt zu viel, kommt auf sein Leben nicht klar ohne Gin. Aber wen juckt’s? Im Song kehrt nach den Dramaviolinen der Refrain zurück, happy wie catchy.

Sam Vance-Law

Der Plattentitel „Homotopia“ bezieht sich nicht konkret auf Berlin. Obwohl sich Vance-Law den ironischen Song „Let’s get married“ gut im Berghain denken kann. Es geht auf dem Album auch um die Abgründe dessen, wie es sich anfühlen kann, schwul zu sein. Nicht Utopie, sondern, im Gegenteil, handfester topos. Auch jemand, der eine „Konversionstherapie“ macht, um hetero zu werden. Diese Pseudotherapien, meist angeboten von radikalen Christen, drängen zur Selbstverleugnung und führen nicht selten zum Suizid. „I love God, but he doesn’t love me / cause I’m an unwilling conscript in hell’s army.“ So textet Vance-Law. Den widerwillig Wehrpflichtigen in der Höllenarmee hat er sich bei Christopher Isherwood geborgt, der am Ende der Weimarer Republik mit seinem Dichterbuddy W.H. Auden durchs schwule Berlin tingelte. Wie sähe eine queere Utopie wohl aus? „In meiner Utopie“, sagt Vance-Law, „würde man Menschen gar nicht mehr in solche Kategorien packen. Dann wäre selbst die Schub­lade queer nicht mehr vonnöten.Wenn schon Utopie“, findet Vance-Law, „muss man big denken!“ Hell, yes!
Sam Vance-Law: „Prettyboy“ (Caroline)

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