INTERVIEW

»Europa hat die türkische Demokratie verkauft«

Die Dramatikerin und Gorki-Hausautorin Sasha Marianna Salzmann über radi­kalisierte Jugendliche, die Situation in der Türkei und die Premiere von „Zucken“

Interview: Friedhelm Teicke

Produktionsfoto zu „Zucken“ – Foto: Esra Rotthoff

Frau Salzmann, in Ihrem neuem Stück „Zucken“ spüren Sie der Motivation junger Menschen nach, die sich radikalisieren. Was sind das für Gründe?

Generelle Antworten kann es nicht geben. Es gibt tausend Gründe, aber sie gelten nur für einige. Strukturell nachzuvollziehen ist, dass Menschen, die von klein auf psychischer oder physischer Gewalt ausgesetzt sind, der Glaube an Stabilität fehlt. Sie können sich an nichts festhalten. Und darum suchen sie nach Schutz in alternativen Konzepten. Wenn man diese Dynami­ken medial bespricht, klingt es meistens verkürzt. Wie ein unabwendbares Drama oder wie Glückskekssprüche. Um wirklich ein Verständnis zu entwickeln, muss man sich das Individuum in seiner Dreidimensionalität anschauen. Jeder Fall ist anders. Und ich glaube, es lohnt sich, jedem Fall Zeit zu widmen. Die Motiva­tionen sind ein feingliedriges Netz aus Begebenheiten und dem Gefühl von der Gesellschaft, in der man lebt, abgestoßen zu werden.

Wie haben Sie das recherchiert?

Ich habe viel mit jungen Menschen geredet und ihnen zugehört, schriftliche Fragebögen verschickt, bis ich verstanden habe, dass es keinen Sinn macht, nach abstrakten, allgemeineren Erklärungen zu suchen. Dass keine Antwort besser oder klüger ist als die andere. Dass ich aufpassen muss, nicht nach meinen vorgefertigten Antworten zu suchen, wenn Menschen sprechen.

Sasha Marianna Salzmann, 1985 in Wolgograd geboren, in Russland und Deutschland aufgewachsen, hatte mit den gefeierten Stück „Muttersprache Mameloschn“, 2012 am DT uraufgeführt, ihren Durchbruch. Sie ist seit 2013 Hausautorin am Maxim Gorki Theater und lebt zu gleichen Teilen in Berlin und in Istanbul – Foto: Esra Rotthoff

Das Stück wird mit Jugendlichen inszeniert. War das eine Idee des Regisseurs Sebastian Nübling oder wollten Sie das so?

Das war Sebastian und mir von Anfang an klar. Dieser Stoff interessierte uns vor allem unter dem Aspekt, dass junge Körper auf der Bühne stehen und zu uns als Publikum sprechen werden. Diese Körper erzählen eine Geschichte, noch bevor die erste Zeile fällt. Form ist gleichermaßen auch Inhalt und Aussage. Bei dem Entwicklungsprozess habe ich erst einmal eine Fassung vorgelegt und dann haben wir hin und her diskutiert, ich schrieb um, passte an. Nicht zuletzt ist es wichtig, dass die jungen Menschen sich die Texte aneignen, unter anderem zum Beispiel in ihrer Sprache, dem Schwyzerdütsch.

Sie haben einige Zeit in Istanbul gelebt und sind dort immer wieder. Viele islamistisch radikalisierte Jugendliche gingen über die Türkei nach Syrien, um für den IS zu kämpfen. Haben Sie dort solche Jugendliche getroffen?

Nein, aber ich habe mit russisch-ukrainischen Menschen gesprochen, die seit der Krim-Annektierung in vielerlei Identitätskonflikten stecken und tatsächlich mit dem Gedanken spielen, in die Ostukraine zu gehen, um dort die Volksrepublik Donezk aufzubauen. Bei den Interviews habe ich mich auch gefragt, warum so wenig über diese Bevölkerungsschicht gesprochen wird, dafür aber die ganze Zeit über Jugendliche, die Richtung IS reisen. Ich kann nur mutmaßen: Vielleicht sind die medialen Bilder in der Ostukraine nicht so reißerisch, vielleicht auch weil es Christen sind. Bei „Zucken“ reden wir über unterschiedliche Formen des radikalen Ausstiegs, es war mir wichtig, mit unterschiedlichsten Parteien zu sprechen.

Wie erleben Sie die Veränderungen in der Türkei unter dem Ausnahmezustand und vor dem Referendum?

Ich kenne die Türkei als ein Land, das immer zu Europa gehören wollte. Ich war vor Ort als Menschen für die Demokratie auf den Straßen ihr Leben riskiert haben. Im Grunde tun sie das immer noch. 2015 hat Europa die Demokratie in der Türkei für den Flüchtlingsdeal verkauft. Und spielt sich nun als Moralapostel auf. Für mich ist das eine schizophrene Situation, in der ich mit meinem deutschen Pass stecke.

17. + 18.3., 19.30 Uhr, 19.3., 15 Uhr, Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte. Regie: Sebastian Nübling; mit Martha Benedict, Yusuf Çelik, lif Karci, Timo Muttenzer. Eintritt 10 – 34 €

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