Kino

Sauvage

Stricher sind ein beliebtes Sujet im schwulen Film. Vielleicht weil man sie so leicht und so schwer haben kann wie niemanden sonst – da man ihren Sex, nicht aber ihre Seele kaufen kann. Und weil das Kommerziellprofane eines Sex-Deals besonders dazu einlädt, es mit viel Romantisierendem aufzuladen. Schon in Gus van Sants 1991er-Kultfilm „My Private Idaho“ (der nebenbei dem New Queer Cinema auf die Sprünge half), verliebt sich der Straßenjunge Mike (River Phoenix) in seinen Hetero-Stricherkollegen Scott. Dumm gelaufen.

Auch in „Sauvage“, der in Cannes für die Queere Palme und die Goldene Kamera nominiert war, hegt der eine Stricher mehr Gefühle als der andere: Der lakonische Léo, 22, wahrlich mit einem wilden Löwenherz bestückt, doch auch mit seltener Empfindsamkeit, kann seinen Kollegen Ahd nicht kriegen, der sich von einem reichen Sugardaddy angeln lässt, um den Straßburger Straßenstrich aus seinem Leben zu streichen.

Sauvage
Foto: Salzgeber & Co Medien GmbH

Léo, dem ruhiger Schlummer meist verwehrt bleibt, hält sich jahrelang mit Crack die müden Augen offen. Er lässt sich erniedrigen, etwa wenn ein gleichaltriges Paar ihn zum Toy degradiert und ihm ein XXXL-Butt-Plug in den Anus zwingt – weil sie selbst vor lauter Drogen die Schwänze nicht mehr hochkriegen. Natürlich meinen andere es gut und wollen Léo von der Straße retten – doch das widerspräche Léos freiheitgieriger Natur, die die strukturellere Gewalt, die ihn zum zukunftsplanlosen Objekt macht, gar nicht hinterfragt oder gar problematisiert.

„Sauvage“ ist ein angemessen langsam erzähltes Langfilmdebüt mit viel Sinn für stille Details, treffliche Farbstimmungen, vernarbte Haut, vernarbte Seelen – und mit einem herausragenden Hauptdarsteller Félix Maritaud („120 BPM“), von dem wir noch viel sehen werden und wollen, auch wenn wir von seinem Körper nun schon nahezu alles gesichtet haben.

F 2018, 99 Min., R: Camille Vidal-Naquet, D: Félix Maritaud, Eric Bernard, Nicolas Dibla, Start: 29.11.

Infos und Termine

https://www.zitty.de/event/kino/sauvage-2018/