Was mich beschäftigt:

Schadet zu viel Gangster-Romantik?

Toni Hamady, ein Mann in seinen besten Jahren, ist ein Pfundskerl. Hart, aber kein Rambo; smart, aber kein Besserwisser. Dazu ein liebevoller Daddy, der seine Tochter in den Schlaf wiegt. Ein Typ, der Männlichkeit im 21. Jahrhundert so verkörpert, dass ihn viele Zeitgenossen respektabel finden können. Das GQ-Magazin würde ihn glatt zum Mann des Jahres wählen.

Zugleich ist dieser Toni Hamady aber auch: ein Schwerverbrecher. Er begeht Morde, wäscht Schwarzgeld, versorgt eine Stadt mit Kokain.

Hamady ist der Held der TNT-Serie „4 Blocks“: das Oberhaupt eines arabischen Clans im Berlin der Gegenwart, gespielt von Kida Ramadan, der selbst als Sohn einer türkisch-libanesischen Familie in Kreuzberg aufgewachsen ist. Die von ihm verkörperte Figur ist so authentisch, dass sie immer mehr Fans im wirklichen Leben findet, vor allem auf Schulhöfen in Arbeiter-Kiezen, wo sinnsuchende Teenager sich nach Vorbildern sehnen. Sozialarbeiter erzählen, dass viele Schüler davon träumen, so zu werden wie dieser Hamady. Ihr Role Model reiht sich in eine ganze Ikonografie von schillernden Schurken aus dem Bilderschatz der Popkultur, deren Revier die Hauptstadt ist: Da sind die Protagonisten aus Serien wie „Tempel“ oder „Im Angesicht des Verbrechens“. Und da sind die Alpha-Tiere des Berliner Raps, die ihr Bad-Boy-Image mit realen Verbindungen zu Berufsverbrechern beglaubigen wollen, allen voran Bu­shido, Fler und Massiv. Sehen junge Schüler im Gangster-Job deshalb eine Karriere-Option?

In dieser Rubrik stellen sich ZITTY-­Autoren große und kleine ­Alltagsfragen. Dieses Mal: ZITTY-Redakteur Philipp Wurm
Foto: Lena Ganssmann

Die Fiktion liefert der organisierten Kriminalität jedenfalls kostenlose PR – so lange ihre Rezipienten jung und naiv sind. Das sind bei weitem nicht alle, aber eben doch einige. Das Leben im Zwielicht, als Dealer, Geldeintreiber oder Zuhälter, verspricht Geld und mancherorts leider auch einen veritablen Ruf. Manchen werden gleich Großaufträge anvertraut – wie beim Münzraub im Bode-Museum vor ein paar Jahren, als Täter zwischen 18 und 20 ins Museum einbrachen, mutmaßlich jedenfalls.

Die Jugendlichen begeben sich in eine Welt, die wenig mit der auf Larger-than-life-Format hochgeregelten Gangster-Romantik zu tun hat, die ihre Mediengeräte wiedergeben. Man muss bloß die Polizeimeldungen der vergangenen Monate lesen: darunter etwa der Mord an Nidal R., dem ehemaligen Intensivstraftäter, der am Tempelhofer Feld von mehreren Schüssen niedergestreckt worden ist (und jetzt mittels eines dramatischen Wandbilds in der Nähe des Tatorts verewigt wurde). Dazu gab es Drive-by-Shootings in Neukölln oder Einblicke in Rockerkriege am Landgericht in Moabit. Ein Lebensstil entfaltet sich dort, der mit einem hohen Preis bezahlt wird: verlorene Lebensjahre im Gefängnis, mindestens.

Klar, crime-lastige Spotify- oder Netflix-Accounts sind keine Einstiegsprogramme in die Kriminalität. Aber sie machen einen bestimmten Lifestyle interessant. Wer Jugendliche vor zu viel Identifikation schützen will, muss ihnen gute Angebote machen: interessanten Unterricht, soziale Perspektiven. Damit sie die Sagas um Toni Hamady & Co. nicht als berufsbildende Maßnahmen missverstehen. Sondern als Unterhaltung begreifen, vielleicht sogar Kunst.