Vorspiel zum Traumberuf

Schauspielschulen

Mehr als ein Dutzend Schauspielschulen gibt es in Berlin, zitty hat sich an einigen umgesehen

Schöneweide, Hochschule für Schauspielkunst (HfS) „Ernst Busch“. Das erste Studienjahr probt den alten Broadway-Hit „Keep Young and Beautiful“. 21 junge Frauen und Männer swingen, flirten mit dem Publikum, vier legen lässig einen Tapdance aufs Parkett. Sie haben es an „die Busch“ geschafft, eine der renommiertesten deutschen Adressen für Schauspielausbildung – und eine DDR-Marke, die den bundesdeutschen Markt erobert hat. Wer hier sein Diplom macht, hat meist schon einen Vertrag an einer großen Bühne in der Tasche. Zuletzt haben sich 1.800 junge Leute um einen der gut 20 Studienplätze beworben. Überwiegen bei den Vorsprechenden deutlich die Frauen, ist es bei den Ausgewählten umgekehrt. Begründung: Stücktexte enthalten nach wie vor mehr männliche Rollen.

„Unser Ansatz ist handwerklich. Wir bilden Sprache und Körper als Ausdrucksmittel aus, die Erregungen und Gedanken sichtbar machen“, sagt Professor Michael Keller, Leiter der Schauspielabteilung. Manchmal müsse man aufpassen, dass das Handwerk nicht die Persönlichkeit zudecke. Das Studium lebt von intensiver Betreuung: Sechswöchige Szenenstudienblöcke mit bis zu vier Studierenden, geleitet von einem Regisseur, prägen das Grundstudium. Hinzu kommen, teils in Einzelstunden, Sprecherziehung, Musikunterricht, Tanz, Akrobatik, Fechten, Reiten, Pantomime und Theoriefächer wie Dramaturgie oder Kunstgeschichte. Ab dem dritten Jahr spielen die Studierenden in den Studios des DT, des Gorki-Theaters und der Schaubühne und arbeiten erstmals mit den Regiestudierenden der HfS zusammen. Die Ergebnisse zeigen sie im bat, dem hochschuleigenen Theater in Prenzlauer Berg. Morgens und abends Proben, Feiertage und Familie interessieren nicht – das bereitet auf den Theateralltag vor. „Man hat keine normalen Gesprächsthemen mehr“, erzählt Moritz Gottwald, drittes Studienjahr. „Auf Partys gehe ich selten, dann am liebsten mit Kollegen.“ Mitunter herrscht eine gewisse Härte, meint er, wenn es etwa heißt, dass Privates strikt draußen zu bleiben hat. „Aber das gehört bitte auch dazu“, sagt er, und: „Ich liebe diese Schule so!“

Flussabwärts an die Jannowitzbrücke. Mit Spreeblick werden am Europäischen Theaterinstitut (ETI) Szenen aus Kleists „Penthesilea“ geprobt. Klar und kraftvoll schleudern die Studentinnen die Worte der Amazonenkönigin von sich, röhren, jauchzen, singen atonal im Chor. Die 1997 gegründete private Schauspielschule arbeitet auf zwei Fabriketagen. „Es ist kein Geheimnis: Wer bei uns anfängt, hat meist eine Tour durch die staatlichen Schulen hinter sich“, sagt Rüdiger Volkmer, künstlerischer Leiter, früher selbst elf Jahre Dozent an der „Busch“. „Einige entscheiden sich bewusst für uns, weil sie eher Geduld brauchen als von Beginn an Erfolgsdruck.“ Bei der Aufnahmeprüfung werde aber rigoros ausgesiebt, betont er. Im Monat zahlen die Studierenden 450 Euro, so finanziert sich der Schulbetrieb. Für die Dozenten bedeutet das Selbstausbeutung, ohne Idealismus und zusätzliche Theater- oder Filmjobs geht es nicht. Ziel ist es, statt „Darstellungsbeamten“ eigenverantwortliche Theatermacher zu entlassen. Der ETI-Leiter vermisst eine strenge Evaluierung privater Schauspielschulen, zu einfach sei es, eine zu gründen. Darunter leide verständlicherweise der Ruf privater Schulen. Behaupten könne man sich allein durch die Qualität der Absolventen, darunter Filmstar Stipe Erceg.

Starthilfe kann die Aufnahme in die Kartei der ZAV-Künstlervermittlung sein. Über die Vermittelbarkeit von Privatschulabsolventen machen sich Fachvermittler bei Vorsprechen ein Bild. Zu Aufnahmequoten darf die ZAV (Zentrale Auslands- und Fachvermittlung) keine Zahlen herausgeben, um nicht in den Wettbewerb der Privatschulen einzugreifen. Beate Darius, früher Dramaturgin, heute Vermittlerin im Bereich Schauspiel, sagt: „Es gibt sehr gute Absolventen von privaten Schulen. Bei jährlich um die 500 Schauspielabsolventen in Deutschland, mehr als der Markt braucht, ziehen die Arbeitgeber die ,Staatlichen’ aber oft vor.“

„Die Etage – Schule für die darstellenden Künste“, gegründet vor 30 Jahren in Kreuzberg, versteht interdisziplinären Austausch als ihre Stärke. In der Ritterstraße kann man einen Abschluss in Schauspiel, Akrobatik, Musical, Bühnentanz, Pantomime oder Bühnenbild machen. Andreas Heinemann, neuer Leiter der Schauspielabteilung, setzt auf gezielte Zusammenarbeit. Konkret heißt das etwa, dass im Schauspiel-Szenenstudium derselbe dramatische Konflikt zusätzlich mit Spielpartnern aus Pantomime oder Tanz und deren Ausdrucksmitteln verhandelt wird. Nils Zdenek Kühn, Pantomime und Gründer der Schule, baut zudem einen siebten Ausbildungsgang auf. Ab Oktober kann man sich zum „Universal Performer“ ausbilden lassen, der alle in der „Etage“ vertretenen Richtungen vereint. Motiv für dieses Pilotprojekt: Mit sinkenden Theateretats werde Schauspielern öfter die Frage gestellt: „Was kannst du denn noch, Tanzen zum Beispiel?“ Beate Darius von der ZAV bestätigt, dass immer häufiger von Schauspielern erwartet wird, gut singen zu können.
Zukunft, nicht nur die des Theaters, beschäftigt auch die Studierenden der Universität der Künste. Mit „Long Bet One“ zeigte das dritte Studienjahr im HAU 3 einen Abend über den US-Zukunftsforscher und IT-Guru Ray Kurzweil. Von psychologischer Figurenentwicklung oder stringentem Geschichtenerzählen keine Spur. Stattdessen servieren die zehn Darsteller, wie an der UdK üblich zu gleichen Teilen Männer und Frauen, Kurzweils schwindelerregende Thesen als Quiz, kopieren die Performance des Wissenschaftsentertainers oder machen mal eben den Amok laufenden Maschinenstürmer. Federführend ist Hermann Schmidt-Rahmer, Regisseur, Autor und Professor. Er meint, dass viele Schulen sich am zeitgenössischen Theater vorbei entwickeln und arbeitet an einem Profil für die UdK, das diese Lücke schließen soll. Studentin Cynthia Micas war anfangs genervt von „Long Bet One“, wollte eine Figur mit klarem Konflikt spielen. Ihre Kommilitonin Felicitas Madl sehnte sich nach der Sicherheit eines Klassikertextes, fand die offene Form schön und schrecklich zugleich. Bei Kooperationspartnern gelten UdKler als die Individuellen, die sich auf unbekannte Wege trauen und eigene Fragen an Regie-Entscheidungen stellen, sagen sie selbstbewusst.

Bewerbungsfristen
HfS „Ernst Busch“: 30.9., www.hfs-berlin.de;
UdK: 30.11., www.udk-berlin.de,
Aufnahmeprüfungen Wintersemester an „Etage“: 20./21.8., 17.9. (Schauspiel), 27.8. (Universal Performer), www.dieetage.de,
Beginn am ETI wieder im Mai 2012, www.eti-berlin.de

Weitere private Schauspielschulen:
Berliner Schule für Schauspiel, www.schauspielschule-berlin.de
Schauspielschule Charlottenburg, www.schauspiel-schule.de
Transformschauspielschule, www.transform-schauspielschule.de
Fritz-Kirchhoff-Schule, www.fritz-kirchhoff-schule.de
Berliner Schauspielschule für Theater, Film und Fernsehen, www.art-of-acting.de