Berlin

Schiff ohne Hafen

Das ehemalige Jugendfreizeitschiff „Freibeuter“ hat zwar einen neuen Besitzer, aber keine Heimat
Text: Fabian Franke

Seminarräume, Nachbarschaftscafé, Forschungsstation und Lernort für Gemeinschaftlichkeit: Wenn Markus Ibrom ins Schwärmen gerät, hören die Ideen gar nicht mehr auf, aus ihm herauszusprudeln. Der Architekt und Tangolehrer steht in Armeeboots und schwarzer Kleidung auf dem Deck des Hausbootes „Freibeuter“ in der Rummelsburger Bucht. Sein grauer Vollbart lässt ihn aussehen wie ein Seebär auf Kaperfahrt. Gekapert haben er und seine drei Mitstreiter schon etwas: dieses Boot – für fast eine Viertel Million Euro. Zumindest auf dem Papier. Geflossen ist das Geld noch nicht.

Das Ringen um den bunten Pontonkoloss zieht sich seit Jahren hin. Finanziert und errichtet wurde das „Jugendschiff Freibeuter“ Anfang der 2000er vom Bezirk. Mit etwa 80 mal 15 Metern bot es viel Platz für Kinder und Jugendliche aus der Nachbarschaft. Doch 2013 war Schluss: Der Förderverein ging insolvent und der Bezirk konnte das Jugendzentrum nicht mehr halten.

Ende 2014 beschloss man in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV), das Boot zum Höchstpreis zu  verkaufen und hängte eine Liste mit 22 Interessenten an. Schrottverwerter, Kulturschaffende, Privatpersonen. Der Zuschlag ging an die Genossenschaft „Spreewohnen“, die mit ihren vier Mitgliedern – unter ihnen Markus Ibrom – das Schiff für rund 225.000 Euro ersteigerte. Die Einnahmen wollte der Bezirk für die Jugendarbeit in Friedrichshain-Kreuzberg verwenden; ein Traumdeal bis dato.

Ohne Ankerplatz kein Kredit

Doch nun mischt sich auf allen Seiten ein fader Beigeschmack unter die anfängliche Euphorie. Denn die Bedingungen, die im Kaufvertrag genannt sind, können die Käufer nicht erfüllen. So schreibt der Vertrag unter anderem vor, dass ein neuer Liegeplatz gefunden werden müsse. Am jetzigen seien Baumaßnahmen geplant. Das Problem: die Höhe des Schiffes schränkt die Auswahl möglicher Liegeplätze drastisch ein, nämlich auf den Bereich zwischen Elsen- und Stubenrauchbrücke.

„Wir wussten weder, dass das Schiff zu hoch für diese Brücken ist, noch, dass der Bezirk nicht willens sein würde, uns einen anderen Liegeplatz anzubieten“, kritisiert Markus Ibrom die Informationspolitik des Bezirksamtes. Er sitzt im Lehnsessel des großräumigen Büros im Oberdeck, Schiffspläne und architektonische Zeichnungen tapezieren die Wände. Hier und da gucken Kabel aus den Decken. „Das hätte man uns als Käufern offen mitteilen müssen. Alles andere ist link“, so Ibrom. Mitte März hätten sie die BVV und den Bezirksstadtrat für Bauen, Florian Schmidt (B90/Die Grünen), bereits um Unterstützung bei der Suche nach einem Liegeplatz gebeten. Schmidt stimmte Gesprächen zu, mehr sei dann aber nicht passiert.

An dem Dilemma mit dem Liegeplatz hängt ein Rattenschwanz weiterer Probleme: die Bank ist nur willens, den Kredit auszuzahlen, wenn ein geeigneter Ankerplatz und damit eine Anschrift und Meldebestätigung vorliegen. Die Genossenschaft um Ibrom konnte deshalb nur drei Prozent des Kaufpreises anzahlen, der Rest steht aus.

SPD fordert Rückabwicklung

Geld ist trotzdem schon geflossen, nur anderswo: Kajüten, Wasseraufbereitung, Gemeinschaftsraum, Sanitäranlagen. Auf dem Boot herrscht kein Luxus, sondern zweckmäßiger Minimalismus. Viele Räume und Utensilien werden geteilt, in einigen Bereichen kann man vor lauter Werkzeug und Kabeln den Fußboden nicht sehen. Für fast 90.000 Euro hat die Genossenschaft ein Umfeld geschaffen, in dem nun sieben Erwachsene, vier Kinder, ein Jugendlicher und ein Hund wohnen. Und es gebe immer noch etliches zu tun. „Wir haben hier ja mehr ein Haus gekauft, als ein Schiff. Und wir machen das, was jeder neue Hauseigentümer tun würde: Renovieren“, erklärt Ibrom.

„Man sollte den Kaufvertrag abwickeln und das Schiff an einen Schrottverwerter verkaufen. Dann hätte der Bezirk wenigstens ein bisschen Gewinn gemacht und das Thema wäre vom Tisch“, fordert Frank Vollmert, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD in der BVV Friedrichshain-Kreuzberg. Würde man Schiffseigentümer Ibrom als Visionär bezeichnen, wäre Vollmert der Pragmatiker. Seit der Insolvenz des Jugendfördervereins versucht er, das Schiff mit Gewinn für den Bezirk loszuwerden. In der BVV setzt sich Vollmert nun vehement dafür ein, dass der Kaufvertrag rückgängig gemacht wird. „In anderen Geschäftsverhältnissen wäre es ein Ding der Unmöglichkeit, dass der Kaufpreis nicht gezahlt wird, Fristen versäumt werden und sich auf dem Objekt trotzdem schon häuslich eingerichtet wird“, kritisiert Vollmert. Dass in den Verhandlungen Informationen zurückgehalten worden wären, bezweifelt er: „Es sind einfach alle viel zu blauäugig an die Sache herangegangen.“

Für die jüngsten Vorstöße der Schiffskäufer hat Vollmert kein Verständnis. Diese hatten vorgeschlagen, der Bezirk könnte sich finanziell am Rückbau der oberen Stockwerke beteiligen, damit das Boot unter den Brücken hindurch passe und einen neuen Liegeplatz ansteuern könne. „Wieso sollte der Bezirk Geld in die Hand nehmen, wenn es auch außerhalb der beiden Brücken keinen Liegeplatz gibt und damit nicht geklärt ist, ob der Kaufpreis jemals überwiesen wird?“, entgegnet Vollmert.

Das Containerfloß Freibeuter, ein Schiff ohne Heimathafen also. Auf die BVV-Anfrage nach einer Rückabwicklung des Kaufvertrages reagierte Bezirksstadtrat Florian Schmidt mit der Ankündigung zu einem persönlichen Gespräch mit den Käufern. Es soll Ende August stattfinden.

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