Brandenburgwahl 2019

Schiss vor dem Riss

Vor der Landtagswahl in Brandenburg liegt die AfD zeitweise in den Umfragen vorn. Unser Autor lebt seit zwei Jahrzehnten in der Mark. Er macht Wahlkampf für die Grünen. Manchmal erfährt er dabei Hass. Und er ist als Journalist teilnehmender Beobachter einer wachsenden Spaltung, die sich durch Berlins benachbartes Bundesland zieht. Aber es gibt auch Hoffnung

Foto: Naseem Buras / Unsplash

Die Frau sieht eigentlich ganz sympathisch aus. Mitte 30, schätze ich, Reiterhosen, Pferdezopf, schreitet sie beherzt auf unseren Wahlkampfstand zu. Als sie zum Stehen kommt, blickt sie jedem einzelnen von uns kurz, aber fest in die Augen. „Ihr seid also für Pädophile?“ Es ist weniger eine Frage, eher eine Feststellung.

Keiner von uns rührt sich. Nach ein paar Sekunden stammele ich so etwas wie: Das wäre mir nicht bekannt. „Aber ihr wart früher doch für Pädophile!“, stellt der Pferdezopf fest. Triumphierender Blick in die Runde. „Seid ihr immer noch für Pädophile?“ Jemand entgegnet, dass die Grünen noch nie die Pädophilie propagiert hätten, und ist dabei, zu einem kleinen Diskurs über die frühe Gründerzeit der Grünen Partei anzusetzen, als viele verschiedene Gruppierungen in der Sammlungsbewegung… – aber da ist sie schon wieder weg, ebenso forschen Schrittes, wie sie gekommen war.

Ich gestehe: Ich lebe in Brandenburg. Und ich bin Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen. Ich weiß: Das eine ist noch weniger cool als das andere.

Trotzdem: Wenn Wahlen anstehen, und im Moment sind ziemlich oft Wahlen, hänge ich Plakate auf, verteile Flyer und stehe auch mal an einem Samstagvormittag an einem Wahlkampfstand. Wahlkampfstand ist mir nicht der liebste Teil meines lokalpolitischen Engagements, aber meistens kann ich die Parteifreunde überreden, mir die Gasflasche zu überlassen. Dann bin ich vor allem dafür zuständig, die Luftballons für die vorbeikommenden Kinder zu befüllen. Die Gasflasche ist das wichtigste Wahlkampfutensil, denn über die Luftballons kommt man mit den Eltern in Kontakt. Darf das Kind einen Luftballon haben? Und hier hätten wir übrigens noch einen Flyer… Die wenigsten trauen sich, den Luftballon zu nehmen und das Infomaterial gleich im nächsten Papierkorb wieder zu entsorgen.

Aber generell gilt: Die allermeisten Menschen ignorieren Wahlkampfstände konsequent. Die, die von selbst auf einen zukommen, sind zum allergrößten Teil Verrückte, Meckerköpfe oder überzeugte Grünen-Hasser, die schon immer mal loswerden wollten, dass wir doch alle Kinderficker sind. Manche haben auch eine dringende Meinung zu Claudia Roth oder Renate Künast. Es ist wirklich erstaunlich, wie ausdauernd Renate Künast Männer im mittleren Alter verunsichert hat.

Manchmal bekommt man am Wahlkampfstand auch Besuch von der Konkurrenz. Einmal baut sich ein 1,90 Meter großer Skinhead, der nicht viel weniger breit ist, vor unserem Stand auf und studiert in aller Ausführlichkeit unser Infomaterial. Er war mir schon vorher aufgefallen am Stand der NPD, der zweihundert Meter weiter aufgebaut ist. „Man muss den Feind ja studieren“, murmelt er nach quälend langen Minuten. Dann geht er und grinst zufrieden. Wenn er uns Angst einjagen wollte: Bei mir ist ihm das gelungen.

Es sind solche Momente, in denen ich merke, dass ein Riss durch das Land geht, in dem ich nun seit gut zwei Jahrzehnten lebe. Dieser Riss teilt Brandenburg zwischen Land und Stadt, zwischen Randgebieten und Speckgürtel, zwischen nostalgisch und fortschrittlich, zwischen Hartz IV und wohlhabend, zwischen Verzagtheit und Aufbruchstimmung, zwischen alten Ressentiments und neuem Biedermeier, zwischen AfD und dem zum Glück übergroßen demokratischen Rest.

Dieser Riss geht aber auch durch jede einzelne Gemeinde, auch die, in der ich wohne. Auf der einen Seite des Risses haben wir Angst vor denen auf der anderen Seite. Aber wie wir miteinander reden sollen, das haben wir verlernt. Oder nie gewusst.

Bei der Landtagswahl am 1. September wird man sehen, wie tief dieser Riss ist. Und es wird sich womöglich auch entscheiden, ob dieser Riss noch tiefer, ob er unüberwindbar wird.

Aktuell sehen die Wahlprognosen die AfD und die SPD gleichauf vor CDU, Grünen und Linken, kurz davor hatte die AfD sogar vorn gelegen. Aber alle diese Parteien bewegen sich zwischen 14 und 22 Prozent. Die FDP kann froh sein, wenn sie die Fünfprozenthürde schafft. Die Regierungsbildung in Potsdam, das ist schon mal sicher, wird spannend. Die AfD als Wahlgewinner im einstmals tiefroten Brandenburg? Dabei geht es den 2,5 Millionen Märkern gut, sehr viel besser als früher. Nur noch 5,6 Prozent haben keine Arbeit, das sind halb so viele wie noch in den 90er-Jahren. Es gibt aber eine zweite Version dieser Wahrheit: Um Berlin herum boomt es, aber an den Rändern leben immer weniger Menschen. Weniger Menschen, die keine Arbeit haben könnten.

Foto: Daniel Zurnau / Unsplash

Angesichts solcher Prognosen interessiert man sich jetzt sogar in der überregionalen Presse für Brandenburg. „Süddeutsche Zeitung“ und „tageszeitung“ bringen am selben Tag lange Reportagen. Die in der „SZ“ beginnt – wie einfallsreich – mit einem Zitat aus dem alten Rainald-Grebe-Hit „Brandenburg“ und bemerkt dort eine „eigentümliche Stimmung“. Die „taz“ aus Berlin, ein wenig näher dran, diagnostiziert: „Die Spannungen zwischen Metropole und Kleinstadt, nervösem Zentrum und konservativem Land nehmen zu.“

CDU-Mann mit Bock auf Brandenburg

An einem Samstag im Juli ist nichts zu sehen von diesen Spannungen. Stattdessen zeigt sich Brandenburg von seiner besten Seite. Der Himmel über Oranienburg scheint erst in der Unendlichkeit zu enden und ist sehr blau, ein paar wenige Wolken ziehen träge ihre Bahn.

Perfektes Wetter für Ingo Senftleben. Denn Senftleben will heute wandern in der Stadt, in der ich lebe. Er hat „Bock auf Brandenburg“. Das steht auf den großen Plakaten, die überall im Land stehen, und das steht auf dem Rücken des halben Dutzend junger Menschen, die als „Team Ingo“ den Spitzenkandidaten der CDU in grauem T-Shirts auf seiner Tour begleiten. Der Kandidat selbst trägt ein weißes T-Shirt, Jeans und einen Strohhut.

Das Wandern ist die zentrale Marketing-Idee seines Wahlkampfs. Um Dietmar Woidke als Ministerpräsident abzulösen, rückt der CDU-Spitzenkandidat dem Wähler zu Fuß auf den Pelz. Er erwandert sich die Mark, so erzählt er heute vor dem Eingang zum Schlosspark der Kreisstadt im Norden von Berlin, „um Land und Leute kennenzulernen“. 300 Kilometer habe man schon in den Knochen, zugegeben einige davon wurden auch in Paddelboot, Draisine oder Kutsche zurückgelegt. „Das Schöne ist“, sagt Senftleben, „dass wir einen Eindruck bekommen, was die Menschen bewegt.“

Doch herauszufinden, was die Menschen in Oranienburg bewegt, stellt sich an diesem Tag schwieriger als erwartet dar. Im Schlosspark schreitet der Kandidat aus. Einziges Problem: Der Wähler ist nicht da. Samstagsmittags scheint der Oranienburger noch im Baumarkt zu sein oder schon am Mittagstisch zu sitzen.

Ein Vertreter der Stadt erklärt, was passiert ist im Park, seit vor genau zehn Jahren die Landesgartenschau hier stattfand. Ein paar Wochen später werde ich über ein Bild des Mannes in der Lokalpresse stolpern: Das langjährige CDU-Mitglied will künftig für die AfD als sachkundiger Einwohner in einem Ausschuss der Stadtverordnetenversammlung sitzen. Die lokale CDU findet das gar nicht lustig.

Endlich findet sich doch noch eine Wählerin. Die sitzt in einer stillen Ecke und liest ein Buch. Der Tross gruppiert sich um die Frau. Die ist ganz und gar nicht auf den Mund gefallen. Bald feiere sie ihren 83. Geburtstag, sagt sie, „ich bin ja noch alter Wehrmachtsbestand“ – „Sind Sie jeden Tag hier?“, will Senftleben wissen. Nee, nicht jeden Tag, sie müsse ihre karge Rente mit Putzjobs aufbessern. Senftleben nimmt die Sonnenbrille ab, hört zu und wünscht nach ein paar Minuten einen guten Tag: „Wir wollen Sie ja nicht länger stören.“

Den Landesvater muss Senftleben noch üben. Allerdings: Glaubt man den Umfragen, ist die Gefahr, dass der CDU-Mann nach dem 1. September Woidke als Ministerpräsident beerbt, überschaubar.

„Wenn ich für ein Regierungsamt kandidiere und nicht glauben würde, dass dieser Riss zu kitten ist, dann wäre ich hier falsch“

Ingo Senftleben, CDU-Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Brandenburg

Auf der Suche nach weiteren Wählerstimmen erzählt der Kandidat von den Erkenntnissen seiner bisherigen Wanderschaft. Die Themen, die angesprochen würden, seien überall dieselben. Nur die Sicht sei jeweils eine andere. Zum Beispiel Wohnen: In den großen Städten und im Speckgürtel um Berlin herum werden Mieten und Immobilien immer unbezahlbarer, auf dem flachen Land dagegen seien Grund und Häuser oft kaum noch etwas wert. Anderes Beispiel: Windkraft. Die einen finden die super. Die anderen sehen nicht ein, dass mit den hässlichen Dingern vor ihrer Haustür vor allem Strom für die Städter hergestellt werde.

Deshalb sei „Ein Brandenburg“, der Slogan der seit gefühlt immer schon Brandenburg regierenden SPD, vollkommen verfehlt. „Es gibt nicht ein Brandenburg, wie die SPD behauptet, sondern mehrere“, sagt Senftleben, „die SPD hat das Land gespalten.“

Da ist er also wieder, der Riss. Das eine Brandenburg ist bürgerlich und liberal, das andere sitzt im Funkloch und wählt die AfD. „Das ist mir zu pauschal“, sagt Senftleben. Was soll er sonst auch sagen?

Ist dieser Riss zu kitten? „Wenn ich für ein Regierungsamt kandidiere und nicht glauben würde, dass dieser Riss zu kitten ist, dann wäre ich hier falsch“, sagt Senftleben, während ich versuche, im Park neben ihm Schritt zu halten. Sollte die CDU an die Macht kommen, will Senftleben den seiner Meinung nach verfehlten, gemeinsamen Landesentwicklungsplan zwischen Berlin und Brandenburg kündigen und „emotional eine Brücke schlagen zwischen Stadt und Land“.

Wie schwer es werden wird, diese Brücke zu schlagen, ist in der Lausitz zu besichtigen. Man muss nur mal ein paar Tage durch diesen allerletzten südöstlichen Zipfel Brandenburgs fahren, am besten auf dem Rad. Denn die Radwege sind frisch asphaltiert und warten still auf Touristen, die bisher nicht kommen. Zwei Tage lang begegnet mir kein anderer Gepäckradler. Die Brombeersträucher hängen voll, die Friedhöfe dagegen wirken seltsam leer.

Die Löcher, in denen Braunkohle abgebaut wurde, nachdem sie Dörfer waren, die den Baggern weichen mussten, sind nun Seen mit berückend klarem Wasser und weißen Sandstränden. Wenn es keinen Sandstrand gibt, dann fährt man kilometerlang vorbei an Zäunen und Schildern: „Achtung Lebensgefahr! Ungesichertes Ufer!“

Plakate der anderen Parteien? Selten

Ständig, ohne es zu bemerken, überschreite ich die Grenze zwischen Brandenburg und Sachsen, wo am 1.September ebenfalls gewählt wird. In den Dörfern hier wie dort künden alte, längst verblichene Schilder an Hauswänden davon, dass Menschen in den Jahren nach der Wiedervereinigung einmal versucht haben, etwas aufzubauen. Eine Werbeagentur, die es nicht mehr gibt. Die Kneipe, die seit Jahren geschlossen ist. Jemand hat vor Jahrzehnten die Idee gehabt, ein Geschäft mit Bio-Kläranlagen aufzuziehen.

In manchen leeren Laden ist nun ein Bürgerbüro der AfD eingezogen, im Schaufenster werden Zeitungsausschnitte ausgestellt: kriminelle Ausländer, verkommene Altparteien, bedauernswerte Ostdeutsche. Und an den Laternen der Dorfstraße hängen die Plakate der AfD: Der Osten steht auf! Hol dir dein Land zurück! Schreib’ Geschichte! Vollende die Wende!

Plakate der anderen Parteien? Gibt es, aber selten. Und an einem Bürgerbüro von SPD, CDU, Linken oder gar Grünen bin ich nicht vorbei geradelt. Als jemand, der selbst in der Kommunalpolitik engagiert ist, weiß ich: Keine Partei hat so viel Geld, flächendeckend plakatieren zu lassen. Wenn es keinen Ortsverband mit aktiven Mitgliedern gibt, dann hängt auch niemand Plakate auf, niemand verteilt Flyer, niemand baut einen Stand auf am Wochenende. Wenn man durch die Lausitz rollt, kann man sich gut vorstellen, dass jemand, der hier lebt, ins Grübeln kommt. Und sich denkt: Die haben uns vergessen. Wir sind denen nicht mal ein paar lächerliche Plakate aus Pappe wert.

Der Radweg führt die Spree entlang, kurz vor Spremberg färbt sich der Fluss rostbraun. Die Verockerung der Spree ist hier schon fast zwei Jahrzehnten ein Thema, der Tagebau setzt Tonnen von Eisensulfat frei, das den Fluss vergiftet. Das Dilemma der Menschen, die hier leben: Die einzige Industrie, die nennenswert Arbeitsplätze in der Region bietet, versaut die Umwelt. Die AfD sagt den Menschen, ihr könnt weiter in der Braunkohle arbeiten, und verschweigt, was diese Arbeit anrichtet.

Damit ist sie nicht allein. Die Linke will zwar irgendwie raus aus der Braunkohle, aber weiß nicht, wann. Die CDU und die SPD wollen den Ausstieg erst 2038, die Grünen 2030. Aber nur die AfD schlägt daraus Kapital. Im Landkreis Spree-Neiße wählten bei der Europawahl 30,9 Prozent die AfD, das beste Ergebnis der Partei in Brandenburg. In Oberspreewald-Lausitz gab es für sie 26,5 Prozent, das zweitbeste Ergebnis.

Zurück im Speckgürtel. Die Eingangshalle eines properen Schulneubaus in Hohen Neuendorf. Ein grüner Sonnenschirm, Tische mit Infomaterial, ein flaches, rundes Podest. Anfänglich stehen drei Stuhlreihen im Kreis, immer wieder bringen Helfer weitere Stühle, schließlich stehen zum Teil sechs Reihen. Mehr als 150 Menschen sind gekommen – und die „heute-Show“ mit ihren Kameras.

Annalena Baerbock ist mit der S-Bahn aus Berlin angereist. Die Bundesvorsitzende der Grünen hat denselben Weg genommen wie die Berlinpendler, die immer mehr werden und Hohen Neuendorf und die anderen sogenannten S-Bahngemeinden, die an der S1 in Richtung Norden liegen, zusehends prägen. Baerbock ist gekommen für eine neudeutsch sogenannte „Townhall“: Jede und jeder kann Fragen stellen, sie antwortet. Anfangs geht es um Emissionshandel und CO2-Bepreisung, um SUVs und um die Lamas in Peru, wo das Lithium abgebaut wird, das für die Batterien der E-Autos gebraucht wird. Ich denke: Es geht um Luxusprobleme, um Speckgürtelprobleme. Bis jemand dann doch mal fragt: Wie ist das anderswo, da draußen an den Rändern? Was passiert da?

„Im Osten ist alles schlimm, im Westen alles gut – so einfach ist es natürlich auch nicht.“

Annalena Baerbock, Bundesvorsitzende der Grünen

Baerbock sagt: „Ich bin selbst auf dem Dorf groß geworden.“ Das Dorf hieß zwar Schulenburg und lag in Niedersachsen, aber das erwähnt jetzt niemand. Denn Baerbock lebt lange genug in Brandenburg, um nun erzählen zu können von stillgelegten Bahnhöfen, überlaufenen Arztpraxen und fehlenden Hebammen, von verlassenen Dörfern. Sie weiß, sagt sie, dass sich Menschen in diesen Dörfern allein gelassen fühlen: „Das ist fatal für das Vertrauen in den Staat und damit auch in die Demokratie.“ Sie sagt aber auch: „Im Osten ist alles schlimm, im Westen alles gut – so einfach ist es natürlich auch nicht.“

Nein, es ist viel komplizierter. Denn der Speckgürtel mag sich immer mehr seinem Epizentrum Berlin angleichen, aber die Probleme, die Themen sind oft andere, die Diskussionen werden anders geführt. Wenn in der Hauptstadt Urban Gardening zum heißen Trend ausgerufen wird, wollen hier einige Parteien am liebsten die Baumschutzsatzung abschaffen, um auf Stimmenfang zu gehen bei Grundstücksbesitzern, die genervt sind von den herbstlichen Laubmassen auf ihrem Rasen. Wenn in Berlin ein Fahrradgesetz umgesetzt wird, fordern hier alle Parteien vor jeder Wahl unisono eine Verbesserung des ÖPNV, nur damit nach der Wahl doch wieder kein Bus kommt. Wenn in den linksgrünversifften Diskutierzirkeln der Hauptstadt die Kinder von Migranten endlich Teilhabe einfordern, finden sich auf den Brandenburger Wahllisten immer noch nahezu ausschließlich Kartoffeln. Wenn Freunde der schönen Künste sich beim gut gekühlten Pausengrauburgunder im Foyer eines Staatstheaters den Kopf darüber zerbrechen, ob man Michael Jackson noch hören oder Tarantino-Filme noch sehen darf, kann sich der sonst so stille Mann, der mit seinen beiden riesigen Hunden und einer noch stilleren Frau ein paar Häuser von mir entfernt wohnt, nachts, wenn er betrunken ist, nicht so recht entscheiden, ob er die Fenster der Nachbarschaft mit den Toten Hosen oder den Böhsen Onkelz zum Zittern bringen soll. Wenn in Berlin auf dem CSD Gender-Diversität gefeiert wird, stößt hier die nächste aus dem Friedrichshain weg gentrifizierte heteronormative Kleinfamilie mit den polnischen Dachdeckern auf das Richtfest ihres Fertighauses an.

In der lokalen bündnisgrünen Kommunikation taucht ein Handybild auf. Einige sind beim Flyern in einem eigentlich ganz properen Oranienburger Stadtteil auf ein Schild an einem Grundstückstor gestoßen: „Hinweis“, stand da. „Liebe osteuropäische Einbrecherbanden und kriminelle Asylanten. Auf Grund drastisch gestiegener Munitionspreise ist es mir künftig leider nicht mehr möglich, Warnschüsse abzugeben!“

Selbst im Speckgürtel kann Berlin mitunter sehr viel weiter weg liegen als nur die paar Meter bis zur Stadtgrenze. Oder, anders, etwas politischer gesagt: Wir haben hier Sorgen, und die sind nicht dieselben wie die von Kolumnisten, die Angst um ihre tägliche Dosis Latte Macchiato mit Hafermilch haben, sollten sie die Stadtgrenze in die falsche Richtung überschreiten. Nein, ich meine echte Sorgen. Eben Sorgen wie: Wie reagiert man am besten, wenn man das nächste Mal am Wahlkampfstand angepöbelt wird? Oder: Was sagt man, wenn beim Nachbarschaftstreffen jemand von „Schokokindern“ schwadroniert und das N-Wort benutzt? Wählt man mit der Erststimme entgegen seiner Überzeugung, aber aus taktischen Erwägungen die junge CDU-Kandidatin, um damit die Chance zumindest zu vermindern, dass eine von alten Männern dominierte CDU-Landtagsfraktion sich dem womöglichen Wahlgewinner AfD als Juniorpartner andient? Oder wie sorgt man mit demokratischen Mitteln dafür, dass die neuen, ziemlich großen AfD-Fraktionen in den kommunalen Parlamenten möglichst wenig tatsächlichen Schaden anrichten können?

So absurd es ist: Wenn’s konkret ist, zerfließen die Grenzen. Je näher man ran kommt, desto komplizierter wird es.

Brandenburg, wie es in Büchern steht

Wie kompliziert, das kann man bei Manja Präkels nachlesen. Die Autorin hat ein Buch geschrieben, einen sehr autobiografischen Roman über ihre Kindheit in Zehdenick, über die alltägliche Gewalt in der Nachwendezeit, über gute Freunde, die zu Nazis werden, über Eltern, die im Schweigen versinken, und einen Staat, der sich immer weiter zurückzieht. „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ wurde zum Gegenstück zu „Deutschboden“ von Moritz von Uslar erklärt, es entwickelte sich ein kleiner Schriftstellerstreit. Präkels warf von Uslar vor, die prügelnden Neonazis, unter denen sie in ihrer Jugend konkret gelitten hatte, als geläuterte Spaßproleten zu verharmlosen. Die große Frage: Das Brandenburg aus welchem Buch ist das echte?

Der Streit fand keinen klaren Sieger, aber eines dürfte sicher sein: Präkels kennt den Streitgegenstand sehr viel besser, nicht nur, weil sie in Zehdenick aufgewachsen ist. Die letzten beiden Jahre war sie nahezu nonstopp unterwegs mit ihrem Buch, sie hat in Ost und in West gelesen, in Städten und Dörfern, in Schulen und Buchhandlungen und Feuerwehrhäusern – und wenn es keine Buchhandlung mehr gab, wie so oft in Brandenburg, und nicht einmal mehr eine Schule, dann eben in einer Bäckerei.

Wir treffen uns in Kreuzberg, im Biergarten eines legendären linken Projekts. Es gibt Bier, aber sonst könnten wir von Zehdenick kaum weiter entfernt sein. Eigentlich wollten wir uns in Perleberg verabreden, da, wo Brandenburg im Nordwesten nicht mehr weiter geht, aber die dort geplante Lesung war abgesagt worden.

Ein Laboratorium für Deutschland

Bei ihren Reisen hat Präkels immer wieder den Riss überquert, der durchs Land geht und in den vergangenen Jahrzehnten immer größer geworden ist, zusammen mit „der sozialen Frage, denn auch die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind größer geworden“, sagt sie. Mittlerweile gebe es Regionen in Brandenburg, „in denen sich zivilgesellschaftliche Strukturen etabliert haben“. Und andere, in denen „es keine prügelnden Nazis auf dem Marktplatz mehr braucht, weil die Ressentiments längst fest in allen Köpfen verankert sind“. Die Spaltung verliefe zwischen „den einen, die Halt suchen in einer haltlosen Welt, und den anderen, die in derselben Welt Chancen sehen“.

Brandenburg, sagt Präkels, sei „ein großes Laboratorium“, in dem gerade ausgetestet wird, wie es weiter geht – in Deutschland, in Europa, in der ganzen Welt, in der rechte Populisten ebenso profitieren von einer Polarisierung der Gesellschaft wie ihr Gegenstück, die mittlerweile bürgerlichen, aber doch halt irgendwie noch modernen Grünen. „Da bricht was auf in Brandenburg“, sagt Präkels.

Ist das, was da aufbricht, noch zu schließen?, will ich wissen. Das weiß auch Präkels nicht. Sie ist sich aber sicher, dass „die Jungen, die Engagierten sich in Bündnissen zusammenschließen und nicht mehr länger zugucken wollen. Die, die bloß hinter der Gardine stehen und schauen, wie gerade der Wind weht, die werden immer weniger.“

An einem Mittwoch gut zwei Wochen vor der Landtagswahl in einem schmucklosen Saal in einem Verwaltungsgebäude in Oranienburg steht die Luft. Der Kreistag Oberhavel tagt. Die Sitzung hat um 16 Uhr begonnen, sie wird bis nach 21 Uhr dauern. Es geht um Tempo 30 in Ortsdurchfahrten, um Machbarkeitsstudien, Aufgabenübertragung, Haftungsfragen, Kommunalrecht, Bedarfslisten und den Nahverkehrsbeirat, sachkundige Einwohner und Benennungsrecht, Ausschüsse und Fachausschüsse und Unterausschüsse. Es fallen Wörter wie Schulwegsicherung, Raumbedarfsplanung, Vorfinanzierung oder Priorisierung. Es gibt Anträge und Änderungsanträge, immer wieder Änderungsanträge. Der Landrat, ein gefürchteter Technokrat, wirft mit Wortungetümen wie „verkehrstechnische Sorgepflicht“, „Pflichtaufgabenerfüllung“, „Aufgabenübertragung“ oder „indisponibler Bedarf“ um sich. Nicht nur am Pressetisch, an dem die beiden Berichterstatter der zwei kränkelnden Lokalzeitungen sitzen, wird hin und wieder hörbar geseufzt.

Auch Marco Schulze an seinem Tisch rechts im Saal hat sich das vermutlich anders vorgestellt. Schulze war mal Profi-Boxer und füllte mit seinen Kämpfen regelmäßig die Ofen-Stadt-Halle seiner Heimatstadt Velten. Der gelernte Fliesenleger wurde von der AfD als Aushängeschild rekrutiert, hier sitzt er in der letzten Reihe seiner Fraktion, neben sich einen ebenso haarlosen Kollegen, mit dem er gerne feixt. Wenn es nichts zu feixen gibt, lehnt er sich auf seinem Stuhl zurück, verschränkt die Hände hinter der Glatze wie ein gelangweilter Schüler. Wenn abgestimmt wird, stützt er die Hand mit dem Abstimmungskärtchen auf dem Kopf ab.

Ja, Lokalpolitik ist nicht sexy. Sondern das langwierige Bohren sehr dicker Bretter. Und ich weiß wieder, warum ich lieber Plakate aufhänge als ein Mandat anzustreben.

Das Gefühl, etwas tun zu wollen

Solche Sitzungen sind gerade Alltag für Julia Schmidt. Macht das Spaß? „Nein, jedenfalls nicht immer“, sagt die grüne Abgeordnete. „Aber solche Sitzungen sind ja nur ein sehr kleiner Teil von Politik.“

Am Montag war Sitzung der grünen Kreistagsfraktion, am Dienstag hat sie das Townhall-Meeting mit Annalena Baerbock moderiert, heute sitzt die neue Sprecherin der grünen Kreistagsfraktion und Nachwuchshoffnung der Oberhaveler Grünen ganz vorne, vom Podium aus gesehen links, aber noch rechts von der Linksparteifraktion, an einem Schultisch zusammen mit ihrem Co-Sprecher, ein Laptop und ein Mikrofon vor sich.

Wir sind nach der Sitzung zum Italiener gegangen. Schmidt hat einen KiBa, einen Kirsch-Bananen-Saft, bestellt, ausdrücklich ohne Strohhalm. Wir reden darüber, warum wir Politik machen, warum sie nicht enden wollende Sitzungen erträgt und ich Flyer verteile. Ich selbst habe vor drei Jahren angefangen, mich zu engagieren – aus einem sehr diffusen Gefühl heraus, etwas, irgendetwas tun zu wollen, tun zu müssen. So pathetisch es klingt: Ich will etwas entgegnen können, wenn mich meine Enkelkinder, das eine heute sieben Jahre, das andere sechs Monate alt, eines Tages fragen werden, was ich denn getan habe damals, als rechte Populisten nicht nur in Deutschland die Demokratie abgeschafft haben.

Schmidt sagt, sie hat „schon immer irgendwas gemacht“. Im Südwesten Deutschlands, wo sie aufgewachsen ist, war sie Schülersprecherin, sie hat sich in der Kirche engagiert. Sie hat Muffins gebacken und Spenden gesammelt für Obdachlose. „Ich will etwas verändern, weil ich nicht in so einer ungerechten Gesellschaft leben will.“ Irgendwann ist sie dann über Freunde in der Grünen Jugend, über einzelne Aktionen „so rein gerutscht“ in die Partei, in die institutionelle Politik. Seit gut zwei Jahren lebt sie nun in Hohen Neuendorf, sie studiert Verwaltungs- und Politikwissenschaften, arbeitet als studentische Mitarbeiterin für eine Bundestagsabgeordnete. Eine ganz normale Geschichte.

Foto: Arnaud Jaegers / Unsplash

Nicht normal ist, wie die zierliche 25-jährige in Windeseile zum Gesicht grüner Hoffnungen geworden ist. Für die Kreistagswahl Ende Mai hatte sie sich eigentlich nur pro forma aufstellen lassen, der Listenplatz war wenig aussichtsreich. Dann holte sie in ganz Oberhavel so viele Stimmen wie keine andere Kandidatin und kein anderer Kandidat. Mehr als langgediente Kreistagsabgeordnete, mehr als jeder AfD-Kandidat. Obwohl sie erst seit knapp zwei Jahren überhaupt hier lebt, obwohl ihr Allerweltsname auch in Hohen Neuendorf völlig unbekannt war bis zur Wahl.

Seitdem wächst in der grünen Partei langsam aber stetig der Glauben daran, dass Schmidt in ihrem Wahlkreis das Unmögliche schaffen könnte: ein Direktmandat für die Grünen im einstmals tiefroten Brandenburg, das nun zur AfD-Hochburg geworden ist.

„Total unheimlich, wie schnell das ging“, sagt Schmidt. Auch ihr ist klar, dass ihr gutes Wahlergebnis vor allem dem Zeitgeist geschuldet ist: „Klar lag das in erster Linie daran, dass ich jung und weiblich bin.“

Generell war bei der Kommunalwahl zu beobachten, dass nicht nur im Speckgürtel, aber dort vor allem, junge Menschen, vor allem Frauen, auf den Listen aller Parteien nach vorne gewählt wurden – von jungen Wählerinnen und Wählern, die ein paar Jahre zuvor frustriert gar nicht wählen gegangen wären. Der Fridays-for-Future-Faktor hat die Zusammensetzung von Stadtverordnetenversammlungen und Ortsvertretungen in Brandenburg verändert.

Und bald auch im Landtag? Bisher ist Politik noch Hobby für Julia Schmidt. Sollte sie es tatsächlich ins Landesparlament schaffen, würden die Anträge und Änderungsanträge zum Fulltime-Job. Kann sie sich ein Leben als Berufspolitikerin vorstellen? Zum ersten Mal an diesem Abend muss Schmidt lange nachdenken. „Vor ein paar Wochen hätte ich noch ,Nein’ gesagt, das war nie mein Ziel“, sagt sie schließlich. Aber, ja, mittlerweile könne sie sich das gut vorstellen. „Aber ich frage mich oft, ob das eine Aufgabe ist, der ich gewachsen bin.“

Manchmal wählt man eben nicht selbst. Manchmal wird man gewählt.