Eden für jeden

Schrebergärten in Berlin

In keiner Metropole der Welt gibt es so viele Schrebergärten wie in Berlin und dennoch sind die Wartelisten für die eigene Parzelle lang. Das einstige Spießeridyll Datsche ist zum Sehnsuchtsort für junge Berliner geworden. Warum? Gärten machen glücklich
Text: Lydia Brakebusch Fotos: Lena Ganssmann

Ich habe im Mondlicht unter freiem Himmel geschlafen und dem Rauschen der Blätter gelauscht. Ich habe den Duft von ­Lavendel eingesaugt, auf Melisseblättern gekaut, mit den Händen in Erde gewühlt und die Spatzen beim Bad im Teich beob­achtet. Eines Nachts hörte ich den Todesschrei eines Vogels – vermutlich hatte ihm die Nachbarskatze die Zähne in den Hals gebohrt. Auch das gehört dazu, wenn man mittendrin ist.

Seit einigen Monaten verbringe ich viel Zeit in einer kleinen Parzelle Glück. Tief in Treptow und doch weit weg von allem. Keine 200 Quadratmeter groß und doch ein ­eigenes Reich. Vielleicht mischt sich in das Rauschen der Blätter auch das Rauschen der nahe gelegenen Schnellstraße, vielleicht schwingt im Keckern der Amsel auch das Rumpeln der Ringbahn mit. Aber wer das Gras zwischen den Zehen spürt, blendet das automatisch aus – so wie alles andere auch. In diesen letzten Monaten war ich näher an der Natur als in den Jahren davor. Mitten in der Stadt.

Die Berliner lechzen nach Grün. Sie haben sich an die Bäume am Landwehrkanal gekettet. Sie haben im Internet für den Erhalt der Prinzessinnengärten gestimmt. Sie ­haben für das Tempelhofer Feld gekämpft, eine beispiellos gigantische Fläche Gras – Luxus für eine Stadt, deren bezahlbarer Wohnraum sich rapide dezimiert.

Die Sehnsucht nach der Natur ist groß. Ein Häuschen in Kleinmachnow mit Hollywoodschaukel und Gemüsebeet können sich aber die wenigsten Berliner leisten. Viele wollen das auch gar nicht. Und Guerilla ­Guardening hin oder her – manchen befriedigt es eben nicht, im Hinterhof eine Samen­bombe abzuwerfen oder den vollgekackten Bürgersteig mit Petunien zu schmücken.

 

 

Bäume statt Beton

Der Schrebergarten ist der perfekte Kompromiss zwischen dem Leben in der Stadt und dem Traum vom Land. Das perfekte Accessoire für den digital-dominierten Großstädter, der die Wahrhaftigkeit ­außerhalb der Datenwolke sucht und der mit Vollbart, Karohemd und Lederboots optisch ohnehin schon ganz auf Naturbursche getrimmt ist.

84.945 Charlottenburg-Wilmersdorfer votierten dieses Jahr in einem Bürgerentscheid für den Erhalt der Kleingartenkolonie Oeyenhausen in Schmargendorf – und damit gegen die Bebauung durch einen Investor, der das Gelände bereits 2008 erworben und nun womöglich Anspruch auf mehrere Millionen Euro Schadensersatz hat. „Bäume statt Beton“ ist das Motto der Oeyenhausener Laubenpieper. Kleingärten statt Mietwohnungen.

Ist das fair? Gibt es ein Anrecht auf den grünen Zweitwohnsitz, wo andere verzweifelt nach einem Erstwohnsitz suchen? Karl-Franz Bothe, Vizepräsident des Berliner Landesverbandes der Gartenfreunde, meint: ja. Deshalb hätte er auch eine moderate Randbebauung des Tempelhofer Feldes favorisiert. Schaffung von Wohnraum bei gleichzeitigem Erhalt der Gärten. Nach der Prognose des Senats wächst die Einwohnerzahl in Berlin bis 2030 um 250.000. Neue Wohnungen sollen gebaut werden, auch auf dem Gelände von Kleingarten­kolonien. Aber auch viele der Neuberliner sehnen sich nach einem Garten, sagt Karl-Franz Bothe. An die müsse schließlich auch jemand denken.

In keiner anderen Metropole der Welt gibt es so viele Kleingärten wie in Berlin: 73.426 Parzellen in 925 Kolonien. Rund 3.000 Hektar und damit drei Prozent der gesamten Stadtfläche sind von den grünen Vierecken bedeckt. Und doch sind die Wartelisten voll. Bis ein potenzieller Laubenpieper an ein Domizil kommt, können schon mal zwei Apfelernten verstreichen.

Der Schrebergarten hat in den letzten Jahren einen Imagewandel hingelegt, von dem jeder PR-Berater träumt. Vom Spießeridyll hat er sich zum Sehnsuchtsort entwickelt. Immer mehr junge Städter und Familien drängen in die Kolonien. Wo einst die Gartenzwerge Spalier standen, scharen sich jetzt Freundeskreise bei elektronischer ­Musik um veganes Grillgut. Kleinkinder planschen in Minipools. Türkische Familien zelebrieren gemeinschaftliche Fest­essen. Ein Kulturschock für manchen Alteingesessenen, der zwischen Geranien und Deutschlandfahne die Beete harkt.

Im August berichtete die „BZ“ über „Berlins erste Lauben mit Integrationsbeauftragtem“. Eine Fotostrecke zeigt, wie Schlichter Aziz Gündogdu zwischen Alt- und Neu-Mitgliedern vermittelt. Am Ende sitzen deutsche Rentner und türkischstämmige Laubenpieper an einem Tisch und der alte Herr schwärmt über die Köfte als beste Buletten, die er je gegessen habe.

 

 

Helene Fischer und Caipirinha

Auch in meinem Idyll prallen Befindlichkeiten aufeinander. Beim sogenannten Arbeitseinsatz, den jeder Pächter jährlich zu leisten hat, werden die öffentlichen Wege der Kolonie gemeinsam aufgehübscht. Schweren Herzens verwandelte ich einen von Sträuchern gerahmten Weg in eine kahle Trauergasse. Obwohl der Arbeitsauftrag, den zwei alte Damen gebetsmühlenartig wiederholten – „Alles, was keine Blüte hat, ist Unkraut!“ –, mir höchst zweifelhaft erschien. Über Geschmack lässt sich nicht streiten, wenn der Kolonie-­Arbeitsminister einem die Heckenschere reicht.

Die Älteren wiederum klagen über mangelnde Präsenz der Jüngeren bei den diver­sen Festivitäten – ein Vorwurf, den zumindest ich weit von mir weisen kann. Auf dem Sommerfest amüsierte ich mich enorm zwischen grauhaarigen Herren und schwarzpinkhaarigen Damen bei Caipirinha und Schlagermusik. Ich belegte den vierten Platz beim Kegeln und gewann bei der Tombola einen Seifenspender und einen Reiseföhn. Die Frau, die mir Letzteren überreichte, lag ebenfalls unter dem Altersdurchschnitt der Feiernden und raunte angetütert, mit glänzenden Augen: „Endlich junge Leute!“

Bis sich der hohe Anteil junger Pächter auch auf die demografische Zusammensetzung der Sommerfeste auswirkt, ist noch viel gegenseitiges Entgegenkommen nötig. Wo den ganzen Abend nur Helene Fischer und die Scorpions laufen, fehlt dem ­coolen ­Neuschrebergärtner die Teilnahmemotivation. Und auch die vorherige Warnung „Wo es keine Kuchen gibt, gibt es auch kein Kuchenbüfett!“ animiert ihn nicht, für die Schlagersause einen New York Cheesecake zu backen. Flexibilität ist auf beiden Seiten gefragt. Warum die Kegelbahn schon um 17 Uhr wieder schließt? Weil das schon immer so war!

Doch manche Kolonie arbeitet stark am Image der weltoffenen Gemeinschaft. Eine Initiative von Kleingärtnern in Prenzlauer Berg veranstaltet am 27. September einen Tag des offenen Gartens zwischen Bornholmer Straße und Esplanade. Es gibt eine Schnitzeljagd für Kinder, gemeinsame ­Apfel- und Birnenernte, einen Flohmarkt und ein Klezmerkonzert. „Kleingärten sind nicht nur Privatangelegenheit, sondern ­sollen allen Kiezbewohnern nützen“, heißt es im Programm. Man wolle die Anlagen künftig immer weiter öffnen, auch bald ­Kitas und Schulen Angebote machen und zeigen, wie wichtig die Gärten für den grünflächenarmen Bezirk Prenzlauer Berg seien. Wer auf der Abschussliste steht, muss sich beliebt machen. Die Zeit rennt.

Die Anzahl der Berliner Gärten mag imposant klingen. Gemessen an der Einwohnerzahl sieht es aber schon weniger opulent aus. Auf 100 Einwohner kommen in Berlin zwei Schrebergärten. In Leipzig sind es sechs, in Dresden vier. 83 Prozent der Kleingärten möchte der Senat erhalten, ­acht Prozent haben eine Schutzfrist bis 2020 (siehe Karte linke Seite). Einige Laubenpieper mussten in diesem Jahr schon ihre Parzellen räumen.

Dabei ist der Erholungsfaktor wichtig für das Wohlbefinden der Städter – schon zu DDR-Zeiten wusste man das zu nutzen. Der Staat regelte die Vergabe der Datschen, nutzte sie, um Bürger zu ­motivieren und ihre Zufriedenheit zu fördern. Auf dem ­eigenen Acker konnte man anbauen, was im Konsum nicht zu haben war.

 

 

Der Garten als Obsession

Bei einem anständigen Großstädter-Trend darf die Nachhaltigkeit nicht fehlen: Grünflächen schaffen Durchlüftung und Feuchtigkeit, wirken sich positiv auf das Mikroklima der Stadt aus. Im Fall der Kleingärten muss sich nicht einmal das oft überforderte und unterfinanzierte Grünflächenamt um die Pflege kümmern. Das übernehmen die Laubenpieper selbst. Immerhin gehört fleißiges Anpflanzen zur Schreberpflicht.

Denn darin liegt für viele der eigentliche Reiz: im Gärtnern. „Es gibt im Grunde nichts, was dem Dichten so nahesteht, als ein Stück lebendiger Natur nach seiner Fantasie umzugestalten“, hat schon Hugo von Hofmannsthal erkannt. Eine ­ganze Philosophie rankt sich um das grüne Idyll. Ob Wladimir Kaminer oder Jakob Augstein – Autoren haben seitenlange Liebeserklärungen ans In-der-Erde-Wühlen verfasst. „Der Garten kann zur Obsession werden“, schreibt Augstein.

Ganz so weit bin ich noch nicht. Aber tatsächlich macht es mich glücklich, nach einem Gartentag die schwarzen Fußsohlen zu schrubben und den Rhabarber vom ­eigenen Beet bestreuselt in den Ofen zu schieben.

Jeder fängt klein an und gegen so manche Gärtnerregel habe ich in den letzten Monaten verstoßen. Dem Vernichten von Schädlingen verweigere ich mich. Unter entgeisterten Blicken und lautem Protest des Parzellenbesitzers habe ich in seinem Garten kürzlich versucht, eine vertrocknete Nacktschnecke unterm Wasserhahn wiederzubeleben. Ohne Erfolg. Die kleinen Atemlöcher wollten sich nicht mehr öffnen.

Ich bin gewillt, mich zu integrieren. Zum nächsten Kolonie-Fest bringe ich eine Thermoskanne Gin Tonic, eine gelatinefreie Torte und eine komplett schlagerfreie CD mit. Mein Ziel fürs Kegeln ist der zweite Platz. Ich rechne fest damit, Spaß zu haben. Denn egal, ob rosa Haare oder braune, ob Geranien oder Klatschmohn, ob Helene ­Fischer oder Daft Punk – eines eint uns doch alle: die Liebe zur Laube.