Schule

Der Berliner Bildungsjammer

Zu wenig Lehrer, zu wenig Platz, zu wenig Geld: In Berlins Schulen herrscht Chaos. Warum ist Bildung in Berlin so wenig wert?

in Berliner Schulen
Der tägliche Wahnsinn in Berliner Schulen
Foto: Saskia Uppenkamp

Vor vier Wochen war Claudia Engelmann auf dem Tiefpunkt angelangt. „Da habe ich ernsthaft überlegt, Berlin zu verlassen“, sagt die 35-jährige Mutter von zwei Söhnen. Der Jüngere ist in der ersten Klasse, der inzwischen achtjährige ­Ältere wurde vor zwei Jahren eingeschult. Damit gingen die Probleme los. An seiner Schule in der Victoriastadt in Lichtenberg engagiert sich Engelmann als Elternvertreterin. Nach fast 20 Jahren in Berlin und zehn Jahren im Kiez erlangte sie einen Einblick in die Zustände an den Schulen der Hauptstadt, der ihr Angst gemacht hat. Sorgenvoll denkt sie an die Schullaufbahn ihrer Kinder.

Integrierte Sekundarstufen, Ganztagsschulen, das jahrgangsübergreifende Lernen JüL, die Inklusion – der Berliner Senat reformiert die Schulstrukturen und ­erstellt schöne Rahmenlehrpläne. Doch deren Umsetzung durch die Bezirke droht an den Räumlichkeiten zu scheitern. Schon jetzt gibt es zu wenig Platz. Bis 2030 sollen in Berlin 3,9 Millionen Menschen leben, und entsprechend mehr Schüler. Und das in Zeiten, in denen der Senat Turnhallen beschlagnahmt, um geflüchtete Familien unterzubringen. In denen die Kinder dieser Familien zunächst in Willkommens- und dann in den Regelklassen lernen sollen. Die Bildung wird zur Nagelprobe, ob Berlin für die Herausforderungen der wachsenden Stadt gerüstet ist.

Grundschule Alt-Lankwitz
Grundschule Alt-Lankwitz: Eines von vielen Beispielen für den Verfall
Foto: Privat, wunschzettel.stiftungbildung.com

Währenddessen müssen sich Schulleiter wegen ­ihrer verfallenden Schulgebäude mit stinkenden Klos und einstürzenden Decken, mit Schul-, Bau- und Grünflächenämtern herumschlagen. Die Kosten für die ausstehenden Sanierungen werden auf zwei Milliarden Euro geschätzt. Den chronischen Lehrermangel geht der Senat mit Abwerbungen aus anderen Bundesländern und der Zulassung von Quereinsteigern an. Wenn Claudia Engelmann vorbringt, dass nun auch noch zu wenig Räume da seien, lautet die häufigste Reaktion von vielen Seiten: „Frau Engelmann, das sind doch Luxusprobleme.“ Engelmann hat inzwischen eine Entscheidung getroffen – sie bleibt. Vergangene Woche wurde sie zur Vorsitzenden des Bezirkselternausschusses in Lichtenberg gewählt. Sie sagt: „Wir Eltern sind die einzige Lobby der Kinder.“

In den kommenden acht Jahren rechnet der ­Senat mit einem Zuwachs von mehr als 38.000 Schülern. Diese Entwicklung mitten im Bauboom folgt auf Jahre schrumpfender Schülerzahlen seit den 90er Jahren – wegen des demografischen Rückgangs und dem Wegzug aus den Ostbezirken der Stadt. In Lichtenberg etwa hatte sich die Schülerzahl zwischen 1996 und 2006 halbiert; 15 Schulen wurden abgerissen. Im laufenden Schuljahr gab es in mindestens in der Hälfte der Bezirke mehr Grundschulanmeldungen als Plätze. Spitzenreiter war Pankow mit 4.864 Anmeldungen auf 3.670 Plätze.

„Wir sind nicht zuständig“

Alle Beteiligten mussten und müssen reagieren: die Schulen etwa mit der Auflösung von Fachunterrichts- und Horträumen, die Bezirke mit der Suche nach ­geeigneten Flächen für Erweiterungsbauten und im besten, aber selteneren Fall neuen Schulgebäuden  und der Senat mit der Bewilligung der finanziellen Mittel. Die Frage ist, ob das Problem vom Senat nach den Versäumnissen der Vergangenheit jetzt ernst genommen wird.

Claudia Engelmann, jugendliche Erscheinung mit Kurzhaarfrisur, Kapuzenpulli und Lippenpiercing, hat gelernt, Ruhe zu bewahren. Der Satz „Wir sind nicht zuständig“ summt ihr inzwischen in den Ohren. Sie hat eine Elterninitiative mit Mitgliedern von elf Lichtenberger Schulen gegründet und beschäftigt sich im Ehrenamt mit den berlinspezifisch verschlungenen Verantwortlichkeiten auf Bezirks- und Landes­­ebene – damit sie etwas entgegensetzen kann, wenn wieder gemauert wird. Ihre Erfahrung: „In Flughäfen, Stadtautobahnen, in Schlösser pumpen die Geld rein. Aber auf Bildung wird offenbar nicht viel Wert gelegt.“

Berlin will Vorreiter für Inklusion und ­moderne Pädagogik sein, doch im Bildungsvergleich vom Institut der Deutschen Wirtschaft belegte das Land erneut den letzten Platz. Mit Abstand. Wird in einer Stadt, die auch für ihre berühmt-berüchtigten Brennpunktschulen ­bekannt ist, Bildung tatsächlich als Luxus wahrgenommen?

Verantwortungs-Pingpong

Offenbar ja, sagt Stefanie Remlinger, bildungspolitische Sprecherin der Grünen im Abgeordnetenhaus. „Die ­Frage nach angemessenen Raumkapazitäten der Schulen wird abgetan als Befindlichkeit einer verwöhnten Bildungsklientel.“ Sie schätzt die benötigten Mittel für Schulbauten in den kommenden fünf Jahren auf 400 Millionen Euro. Remlinger spricht von einem „Verantwortungs-Pingpong“, mit dem sich der Senat, zuständig für Rahmenlehrpläne, Personal und Bereitstellung der finanziellen Mittel, und die Bezirke, die sich um die Gebäude kümmern, gegenseitig ausspielen. „Dabei sind wir jetzt an einem historischen Punkt, an dem wir die Schulen für das 21. Jahrhundert bauen“, sagt Remlinger. Sie fordert deshalb ein „Bündnis für den Schulbau“, mit den Schul-, Stadtentwicklungs- und Hochbau­ämtern auf Bezirksebene sowie Schul- und Finanzverwaltung auf Landesebene.

So genannte ­Modulare Ergänzungsbauten wie dieser in Lichtenberg sind die letzte Hoffnung der Schulleiter >Foto: F. Anthea Schaap
So genannte ­Modulare Ergänzungsbauten wie dieser in Lichtenberg sind die letzte Hoffnung der Schulleiter >Foto: F. Anthea Schaap

 

Laut der Sprecherin der Schulverwaltung Beate Stoffers stehen „mehrstellige Millionenbeträge“ für die Finanzierung von Schulbaumaßnahmen in der ­Investitionsplanung sowie aus anderen Quellen wie dem „Sondervermögen Infrastruktur der Wachsenden Stadt“ SIWA zur Verfügung. Bis 2020 würden an 55 Standorten Grundschulen „vollständig neu gebaut, erweitert oder reaktiviert“.

Man muss wissen: Schon wenn die drei vorgesehenen Züge einer Grundschule, also die Klassen a, b, c der Stufen 1 bis 6 auf bestehende Schulen verteilt werden, ist im Politiker-Sprech eine neue Schule entstanden. Um wie viele Neubauten es sich also wirklich handelt, ist dahingestellt. Im Investitionsplan 2015 bis 2019 stehen berlinweit gerade einmal sieben Schulen, die neu gebaut, und vier Schulstandorte, die reaktiviert werden, für insgesamt rund 250 Millionen Euro.

Der Neubau einer Schule kostet je nach Größe etwa zwischen 10 und 30 Millionen Euro und dauert in Berlin von der Planungsphase bis zur Fertigstellung mindestens sieben Jahre. Hamburg braucht dafür nur zwei ­Jahre. Der derzeit gebräuchlichste Berliner Weg ist der Bau von „Modularen Ergänzungsbauten“ (MEBs), die bestehende Schulen vergrößern. Im Gegensatz zu ­neuen Schulbauten stehen die MEBs schon nach einem halben Jahr. Weil die Zeit drängt, sind sie hoch im Kurs.

Die Luft ist drückend im Flur des Baus, der seit vergangenem Schuljahr die Brodowin-Grundschule in Lichtenberg erweitert. „Kinderkrankheiten“ nennt das Schulleiter Ralph Kaiser. Er deutet auf die weiß ­gestrichenen Wände: In der neuen Generation der MEBs würden dort Belüftungsmöglichkeiten für die Gänge angebracht. Kaiser ist froh über den dreistöckigen Bau, der unübersehbar in leuchtendem Rot auf der ehemaligen Sportanlage seiner Schule steht – auch wenn er ihn anfangs nicht haben wollte. Für den Schulleiter, der die fünfte und sechste Stufe seiner Schule inzwischen in eine Filiale auslagern musste, sind die Vorteile klar.

24 Klassenzimmer mit 60 Quadratmetern kamen mit dem MEB hinzu, mit etwa zwölf halb so großen Gruppenräumen. Gerade spielen dort im ersten Stock Grundschüler im Hortbetrieb eine Runde Tischfußball. Auf der anderen Seite des Flurs schließt Kaiser die Tür zum Klassenzimmer auf. Die Räume sind freundlich und hell, eine riesige Fensterfront gewährt Blick auf den Pausenhof. „Auf der Südseite ist es noch schöner“, sagt Kaiser. Nachteil: Seit er sich an die Klassenräume hier gewöhnt hat, kommt ihm die Ausstattung der Zimmer im Hauptgebäude, die zuletzt 1990 erneuert wurde, noch trostloser vor.

200 Provisorien, teils seit über 50 Jahren

Als die Arbeiter mit ihren Baucontainern anrückten, sei der Aufschrei der Eltern groß gewesen. Die hatten die Container für die künftigen Unterrichtsräume ­gehalten. Die Vorgänger der MEBs, die „Mobilen ­Unterrichtsräume“, MURs, spuken noch in den Köpfen herum. Kein Wunder – fast 200 dieser provisorischen Unterrichtsgebäude sollen laut Schulverwaltung noch stehen. Das Älteste ist über 50 Jahre alt. Dagegen, wie auch im Gegensatz zu manch verrottendem Klassenzimmer, erscheinen die MEBs wie eine Wohlfühloase.

Dennoch wollen sie viele nicht. Auch Thomas Breddermann hat den Kampf aufgenommen. Als Elternvertreter der Zille-Grundschule in Friedrichshain und Vorstandsmitglied des Bezirkselternausschusses möchte er die auf dem Schulgelände geplanten MEBs verhindern. Hier gab es für das laufende Schuljahr 133 Anmeldungen auf 55 vorgesehene Plätze. Die vom Bezirk in Auftrag gegebene „Machbarkeitsstudie“ zur Schaffung von 4,2 Zügen schließt wegen der dringend benötigten Plätze aus, es bei den derzeit 3,2 Zügen der Schule zu belassen. Dort heißt es: „Als weitere Alternative bleibt – neben einer Senkung der pädagogischen Standards – nur eine weitere bauliche Ergänzung.“

Den ganzen Tag im selben Zimmer

Breddermann, mit den langen Koteletten mehr ­alternativ als bürgerlich, macht sich mit seinem Widerstand auch unter den Eltern keine Freunde. Sie wollen mehr Platz, wenn mehr Kinder kommen. Seine Forderung lautet: „Man müsste die Einzugsbereiche verkleinern und in den dabei entstehenden zusätzlichen Einzugsbereichen neue Schulen bauen.“ Schließlich sind die MEBs nur für eine Lebensdauer von 50 Jahren ­gedacht. Zudem ziehen sie hohe sechsstellige Summen nur für die Umgestaltung des Pausenhofs nach sich, wie der Machbarkeitsstudie der Zille-Schule zu entnehmen ist. Die wird erforderlich, weil die MEBs meist auf den bisherigen Freiflächen des Schulgeländes sitzen.

Bei deutlich steigender Schülerzahl sinkt so gleichzeitig der Raum für sportliche Aktivitäten und Pausen. Für die Schulen mit Ganztagsbetrieb sind zudem die Kapazitäten der bestehenden Mensen meist bei Weitem nicht ausreichend. Die Schüler müssen in Schichten essen. Sportunterricht findet oft auf Anlagen in der Umgebung statt. Um diese Umschichtungen zeitlich zu ermöglichen, haben manche Schulen bereits eine „0. Stunde“ eingeführt, so dass die Schüler um sieben Uhr morgens auf der Matte stehen. Und trotz MEBs werden weiterhin Horträume zu Klassenzimmern umfunktioniert. Im Ganztagsbetrieb verbringen Kinder dann den gesamten Tag im selben Zimmer.

Schulleiter der Brodowin-Grundschule: Ralph KaiserFoto: F. Anthea Schaap
Schulleiter der Brodowin-Grundschule: Ralph Kaiser
Foto: F. Anthea Schaap

Schulleiter Ralph Kaiser sagt: „Für Kinder, die im sozialen Verhalten Probleme haben, ist das natürlich Sprengstoff, wenn sie so ­zusammengepfercht werden.“ Und selbst wenn sich eine halbwegs sinnvolle räumliche Aufteilung umsetzen lässt – am Ende ist ein Schulleiter oft für eine verdoppelte Schülerzahl verantwortlich, bei gleicher Menge an Verwaltungspersonal.

»Ich bin froh über den Erweiterungsbau, auch wenn ich ihn anfangs nicht haben wollte«
Schulleiter Ralph Kaiser

Lioba Zürn-Kasztantowicz kam in ihr Amt, als die Schülerzahlen gerade wieder nach oben zeigten. Seit knapp zehn Jahren ist sie Schulstadträtin der SPD in Pankow. Über den Kampf um Raumkapazitäten sagt sie: „Der Senat hat ständig unsere Zahlen angezweifelt.“ Seit Jahren fordere sie gemäß der Wohnungsbaubeschleunigung ein entsprechendes Infrastruktur­beschleunigungsprogramm. Außerdem benötigten die Bezirke mehr Personal für die chronisch überlasteten Schul- und Hochbauämter. Weil sein Hochbauamt der Abwicklung nicht gewachsen war, verzichtete beispielsweise der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg im vergangenen Schuljahr auf die vom Land zur Verfügung gestellten 7.000 Euro pro Schule für Sanierungen.

Zürn-Kasztantowicz fühlt angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen vom Senat inzwischen gut unterstützt. „Aber es reicht nicht“, sagt sie mit Blick auf die langfristig zu erwartenden Schülerzahlen. In einem Infrastrukturplan, der von allen Bezirken im Rahmen der Wachsenden Stadt erstellt wird, errechnet Pankow bis 2020 einen Bedarf von 8,5 neuen Grundschulen – ohne Zuzüge. Ab 2025, mit Realisierung aller Wohnbauprojekte, wäre es ein Bedarf von 16 Grundschulen. Bislang in geringerem Ausmaß betroffen sind die Sekundarschulen und Gymnasien. Doch irgendwann wechseln die Schülerhorden in die Oberstufe. Bis 2025 rechnet der Bezirk mit 3,6 zusätzlich benötigten Sekundarschulen und weiteren fünf Gymnasien.

Miriam Pech, Schulleiterin der mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichneten Heinz-Brandt-­Oberschule in Weißensee und Vorsitzende der Vereinigung der Berliner Schulleiterinnen und Schulleiter (BISSS), sagt, schon jetzt gebe es an ihrer Schule nicht mehr genügend Aufenthaltsräume. „Im Winter sitzen wir alle aufeinander.“ Ihrem Personal kann sie kaum Rückzugsmöglichkeiten bieten. „Die Lehrer sind überlastet“, sagt Pech. Die Schulleiterin möchte jedoch betonen, dass die Schulen kreativ nach Lösungen suchen. Das klingt dann so: „Zum Beispiel dass wir Unterricht im Keller machen.“ Was sie damit meint, ist wahrscheinlich: Wir stellen uns der Herausforderung. Etwas besser klingt diese Variante: „Oder dass wir mit Jugendfreizeiteinrichtungen für die Räumlichkeiten kooperieren.“

Es gibt sie, die engagierten Lehrer, die modernen Lernkonzepte, Schulen mit Theaterschwerpunkt, individueller Förderung. Schulleiter, die für ihre Schüler brennen. Doch ein System, das die Verantwortlichen dazu verleitet, ihre Zuständigkeiten so lange hin und her zu schieben, bis sie möglichst verpufft sind, ist zermürbend für alle. Weil zudem nicht genügend Geld ­investiert wird, werden die Beteiligten von Eltern bis zu Schulstadträten zu Bittstellern.

Der Senat muss die Bezirke in ihrem Gebäudebedarf unterstützen und das Geld für die benötigten Sanierungen und Schulneubauten zur Verfügung stellen. Wenn dann die Grundvoraussetzungen für guten, kreativen Unterricht geschaffen sind, wollen vielleicht auch wieder mehr Lehrer nach Berlin.

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