Mixed-abled Performing Arts

Schwellen übertreten

DasTeam vom integrativen Circus Sonnenstich und andere Profis stellen neue ­Pädagogik für inklusive Performanceprojekte auf der Fachtagung „In.Zirque“ vor

Text: Regine Bruckmann

Wer eine neue Situation betritt, lässt am besten belastende, ältere Gefühle hinter sich. Etwa ist es kurz vor einem wichtigen Arbeitsmeeting nicht förderlich, an die Schulprobleme der eigenen Kinder zu denken. So erklärt Michael Pigl-Andrees den sogenannten „Schwellenübertritt“, einen Begriff, der auch in der Schauspielmethode von ­Michael Chekhov verwandt wird.

Der Sozialpädagoge und seine Frau Anna-­Katharina Andrees, Schauspielerin und Theaterpädagogin, bieten seit 22 Jahren im Circus Sonnenstich Menschen mit Downsyndrom oder anderen Lernschwierigkeiten die Möglichkeit, als Artistinnen mit fantasievollen Shows an die Öffentlichkeit zu treten. Das Paar hat zusammen mit dem Artisten und Physiotherapeuten Felix Häckell inzwischen verschiedene didaktische Methoden entwickelt, um das Lernen sozusagen barrierefrei zu machen: „Mit künstlerischem Blick und sehr differenziert haben wir untersucht: Wie kann sich jeder Mensch frei bewegen und leicht lernen?“

Inklusion und Neuer Circus: „Wabi Sabi“ vom Circus Sonnenstich – Foto: Marc Vorwerk

Außer dem „Schwellenübertritt“ gibt es zum Beispiel die „5 R-Prinzipien“, mit denen so etwas wie „Reagierbereitschaft“ und „Rückweg“ in der Bewegung geübt werden. Besonders wichtig ist die Beziehung zwischen den Menschen. Jede Begegnung, so Pigl, bedeutet idealerweise einen Perspektivwechsel: „Was braucht mein Partner, damit das, was ich ihm sagen will, bei ihm ankommen kann?“

Der Zirkustrainer erzählt von einem jungen Mann, der sich beim Training zuerst immer versteckte und nicht in den Kreis kommen wollte. Erst, als er seine individuellen Vorschläge in die Gruppe einbringen durfte und ihm eine Rolle als „Erfinder“ von Bewegungen zugeschrieben wurde, fand er seinen Platz.

Diese und andere Ergebnisse werden nun bei der Fachtagung „In.Zirque 2019“ in Impulsreferaten vorgestellt und in Workshops geübt. Manche der Vortragenden haben Trisomie 21, aber auch sie sind als Expertinnen in die Tagung eingebunden. Etwa als Bewegungsbegleiter, die helfen, den Impuls einer Bewegung zu lokalisieren und in der Übung den Trainierenden dabei begleiten, eine riskante Bewegung immer stabiler und sicherer ausführen zu können.

Der Cirkus Sonnenstich war zuerst Teil des inklusiven Theaters Ramba Zamba, 2011 hat sich das Team unter dem Namen „Zentrum für bewegte Kunst“ selbstständig gemacht. Mit Partnern in Köln und Dresden wurde das „Netzwerk Zukunft“ gegründet. Die Ergebnisse des zweijährigen Modellprojekts werden nun auf der Fachtagung präsentiert. Und die ist offen und interessant nicht nur für Pädagog*innen. Das Üben des „Schwellenübertritts“ kann in jedem Beruf hilfreich sein.

14. + 15.9., ab 9.30 Uhr, 14.9., 10.30 Uhr, Showcase Circus Sonnenstich, Jugendkulturzentrum Pumpe, Lützowstr. 42, Tiergarten. Teilnahmegebühr 50, erm. 35 €
www.zbk-berlin.de