Berlin lieben

»Schwul knutschen«

Redakteur Stefan Hochgesand liebt das Liebenlassen in Berlin

Foto: privat

2001 Der weltweite Computercrash blieb aus im Jahr 2000. Dafür war mein Hirn ein innerer Computercrash, emo, ich hatte mich zum ersten Mal verliebt, im Cyberchat. Ich war 15 und er 17 Jahre alt. Gefühlt kein Millimeter Monitor und doch 700 Kilometer zwischen uns, er im Nordosten, ich im Südwesten, nicht Berlins, nein, Deutschlands. Uns blieb nichts anderes übrig, als unser letztes Taschengeld zusammenzukratzen und einander mit dem Wochenendticket für 40 Mark zu besuchen. Zehn Stunden Regionalzüge, acht Mal Umsteigen. Kein Weg zu weit, wenn man über beide Ohren verliebt ist und sich dermaßen aufeinander freut, dass man nichts will, als sich nah zu sein, so nah es nur eben geht. Und das blieb auch lange so. Elf Jahre lang waren N. und ich ein Paar. Wir haben viel miteinander erlebt und aneinander erlitten, unser Ende war so schlimm, dass jeder Drehbuchautor Skrupel hätte, sich so was Böses auszudenken.

Und doch denke ich an das meiste sehr gern zurück. Wie: April 2001, mein, unser erstes Mal Berlin. Ich weiß nicht mehr, wo das Hostel lag. Was ich noch weiß: dass wir eines Nachts barfuß durch die Stadt stolperten, was eine ziemlich bekloppte Idee war, weil der tiefschwarze Dreck noch tage-, nächtelang nicht richtig abging. Und dass wir händchenhaltend durch die Stadt zogen, zum ersten Mal und ohne Angst, was eine ziemlich gute Idee war, weil der Zauber davon bis heute hält. „Oh please say to me / You’ll let me be your man / And please say to me / You’ll let me hold your hand / Now, let me hold your hand / I want to hold your hand.“ Lennon und McCartney wussten schon immer, wie der Hase läuft. Wenn du jahrelang denkst, du musst einen Teil von dir verbergen und diese Last von dir fällt – das ist der Superlativ von Freiheit. Ganz anders als im Dorf, wo Nachbarn durch die Rollladenschlitze starren, wer wo wann bei wem ins Auto steigt.

Foto: David von Becker

Es war eine Zeit vor der Ehe für Alle, vor der eingetragenen Partnerschaft gar, die erst im August 2001 kam. Ich hatte mein ­Coming-out früher als Anne Will (2007), Guido Westerwelle (2004) oder Klaus ­Wowereit (Juni 2001), und nicht alle fanden das gut. In der Kleinstadt war Schwulsein noch schwuler als Hausaufgaben. Und Berlin fortan ein Sehnsuchtsort für mich. „And when I touch you, I feel happy inside / It’s such a feelin’ that my love I can’t hide.“ Ich hab meinen Freund jahrelang in Neukölln vor dem türkischen Supermarkt und gegenüber der arabischen Shisha-­Bar geknutscht, und nie hat jemand uns dumm angemacht. Das sollten sich Angstmach-Homos wie Jens Spahn und Alice Weidel mal reinziehen.

Und doch weiß ich, dass Berlin sich in die Tasche lügt, wenn es sich selbst als megatolerante Metropole feiert. Ich muss nur an die Nächte denken, in denen Türsteher mich in Clubs reingelassen hätten, aber meine nicht-weißen Freunde nicht. Obwohl wir klar zusammen in der Warteschlange waren. Ist leider öfter passiert. Dann heule ich eine Nacht lang und denke am nächsten Morgen: Berlin (und Berlin bin auch ich) muss noch hart dran arbeiten, bis sich alle friedliebenden Menschen hier so willkommen fühlen wie ich es einst tat, 2001, sehnsüchtig nach Glück.


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In keinem anderen Laden ist das Publikum so divers und damit so berlinisch wie hier. Punk und Drag und Spice Girls und türkisch und arabisch. Wenn ich hier bin, glaube ich an das Beste in Berlin.

 

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