Groteske

Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes

Julian Radlmaier erzählt selbstironisch von einem verunsicherten Filmemacher

ZITTY-Bewertung: 5/6

Die Laufbahn des Filmemachers Julian ist ins Stocken geraten. Seine Zeit in der Berli­ner Gemäldegalerie nutzt er, um Kunststudentinnen anzuhimmeln, vor allem die ätherische Kanadierin Camille (Deragh Campbell). Vom Typ her ist Julian (den Regis­seur Julian Radlmaier naheliegenderweise selbst spielt) ein Verwandter von Tom Schillings Drifter aus „Oh Boy“ oder dem Slacker in Marko Doringers Selbstporträt „Mein halbes Leben“.
Dass Radlmaiers dffb-Abschlussfilm seinen eigenen überraschenden Weg einschlägt, wird schnell klar: Die Rahmenhandlung erzählt der Protagonist als Voice-Over in Gestalt eines Windhundes. Wie es zu der Verwandlung kam, wird retrospektiv aufgerollt. Julians Weg führt ins Umland auf eine Apfelplantage: Den ­aufgezwungenen Job vom Arbeitsamt kann der eloquente ­Regisseur seinen Kommilitonen und Camille als neomarxistisches „Recherche-Projekt“ in die Welt der Landarbeiter verkaufen. Nun ist auch Camille mit im Boot, die die Hauptrolle als Brigadeführerin übernehmen will.

Selbstkritik im liegen
Foto: Grandfilm

Das Herzstück des Films erzählt vom kommunistischen Selbsterfahrungstrip auf der Plantage. Allein die schräge Idylle ­unter Apfelbäumen bietet wunderbare Bilder. Hier tritt ein bunter Haufen an Utopisten und enttäuschten Angehörigen ehemaliger kommunistischer Länder ­gegeneinander an – den fleißigsten Pflückern winkt eine Prämie. Man bootet sich aus und diskutiert sonst die Möglichkeiten einer Revolte. Bald stößt ein stummer Bettelmönch hinzu und irritiert durch selbstloses Verhalten.

Groteske Wendungen erinnern an poe­tische Anarchisten wie Monthy Python oder Wenzel Storch. Im letzten Drittel zersprengt der Film fröhlich alle Zeitebenen und führt ins Festivalkino in Venedig. Der „Film im Film“ folgt einem Teil der Apfelpflücker auf Pilgerfahrt nach Italien; dort soll die Utopie eines „Kommunismus ohne Kommunisten“ bereits Realität sein.

Mächtig verkopft ist Radlmaiers „Selbstkritik“, ohne jede Schwerfälligkeit. Die Dialoge sind durchsetzt mit Anspielungen aus der Welt der Filmhochschulen und neomarxistischer Philosophie. Gleichwohl wirkt nichts daran aufgesetzt, vielmehr verleihen die Gedankenspiele den Figuren starke Konturen. 

D 2017, 99 Min., R: Julian Radlmaier, D: Julian Radlmaier, Deragh Campbell, Kyung-Taek Lie

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