Berlin

Sender Freies Berlin

Jaafar Abdul Karim produziert in Berlin eine arabischsprachige Talkshow, die gesell­schaftliche Entwicklungen hinterfragt.  Er ist damit in Deutschland Reporter des Jahres gewordenIm fünften Stock eines Fabrikgebäudes in Wedding wuseln Fernsehtechniker und Kameramänner herum. Sie bereiten die Live-Aufzeichnung der Show „Shababtalk“ („Jugendtalk“) der Deutschen Welle vor.

Es ist die erfolgreichste politische Talkshow des arabischsprachigen Fernsehens. Und sie  wird in Berlin produziert – heute in einem Raum, der normalerweise als Moschee dient. Nur der Wandschmuck und die unbeschuhten Füße der Zuschauer erinnern an diesem Sommertag an diesen Umstand.

Ausnahmsweise sind deshalb Frauen ohne Kopftuch willkommen, auch auf die Geschlechtertrennung wird an diesem Tag kein Wert gelegt. Diese würde auch nicht passen – denn die Sendung steht für das kritische Hinterfragen aller gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen nicht nur in der arabischen Welt.

Jaafar Abdul Karim ist in seiner Sendung der Dompteur
Foto: Markus Altmann

Gerade erhielt „Shababtalk“ zum dritten Mal in Folge die Auszeichnung der Arab State Broadcasting Union als beste Talkshow. Der Moderator und Reporter Jaafar Abdul Karim hat die seit 2011 laufende Show mitkonzipiert.
An diesem Tag geht es in der Show um die Angst der Deutschen vor der Islamisierung, die laut einer YouGov-Umfrage 71 Prozent der Deutschen teilen – und um die Frage, woher diese Angst kommt.

Während der Aufzeichnung steht Jaafar Abdul Karim hochkonzentriert am Talk-Rondell. Er lässt den Berliner CDU-Politiker Jens Spahn seine Vision eines Islam-Gesetzes erläutern, die er auch deshalb hegt, damit der deutsche Staat einheitliche Ansprechpartner für Belange erhält, die die Muslime betreffen. Spahn spricht sich für das Gesetz aus. Auch dafür, dass „deutsche Moscheen“ vom deutschen Staat finanziert werden sollten. Der Vertreter des Zentralrats der Muslime, Sadiq Al Mouseillie, hält dagegen, dass die hier lebenden Muslime „natürlich“ bereits ein Teil von Deutschland seien und kein explizites „Islam-Gesetz“ vonnöten sei, dieses Schlagwort tauche nur im Wahlkampf auf. Die Aktivistin Salwa Mohamed spricht das Problem an, dass „Deutsche den Islam immer als die Religion der Fremden“ ansehen würden. Und die Journalistin Tarfa Al Fadly konstatiert, dass die großen Unterschiede zwischen der deutschen und der arabischen Kultur die Integration erschwerten.

Abdul Karim moderiert auf deutsch und arabisch, er wechselt die Sprachen so schnell, dass die Übersetzer ins Schwitzen kommen. Die Gäste reden sich in Rage, Jaafar wirkt als Dompteur. Er unterbricht, entzieht, erteilt das Wort. Minutenlanges Bandwurmsätze-Durcheinandersprechen der Gäste, Standard in deutschen Talkshows, lässt er nicht zu. So gewinnt die Sendung an Tempo und durch seine spitzen Zusammenfassungen auch an Brisanz – kein Wunder, dass „Shababtalk“ für Millionen von arabischen Zuschauern eine ähnliche Bedeutung einnimmt wie deutsche Talkshow-Schwergewichte.

Jaafar Abdul Karim, geboren 1981 in Monrovia, der Hauptstadt des westafrikanischen Liberia, kam vor zehn Jahren für ein Praktikum nach Berlin. Dass es ihn gerade in die deutsche Hauptstadt zog, wo er mit seinem internationalen Team der Deutschen Welle frei und ohne Repressalien arbeiten kann, hat er nie bereut. Seine offene Herangehensweise und die Auswahl polarisierender Gesprächspartner brachten dem studierten Medieninformatiker und Master in „Leadership und Kommunikation“ sogar 2016 die deutsche Auszeichnung „Reporter des Jahres“ in der Kategorie „national“ ein.

„Shababtalk“ kommt frech wie die Berliner Schnauze daher und sucht in Arabien seinesgleichen. Nirgendwo sonst wird über alles gesprochen, was man in der Region sonst gerne unter den Tisch kehren möchte. Vor allem: Junge Menschen bekommen die Möglichkeit, sich ohne einordnende, korrigierende Wertung einer höheren Autorität zu ihren Gedanken, Problemen, Lebensumständen zu äußern.

Nach den Ausstrahlungen greifen Medien von Marokko bis Irak die „Shababtalk“-Themen auf, die von Homosexualität über Frauenrechte, die Wünsche der Jugendlichen an die Regierungen bis hin zur versuchten Ursachenfindung von Terrorismus reichen. Die Sendung, die über Satellit weltweit zu empfangen ist, macht sich dabei die deutsche Pressefreiheit zunutze – anders als die stark reglementierten arabischen Medien.

Wie beeinflusst das Leben in Berlin die Arbeit des ursprünglich libanesischen Shootingstars? Was findet jemand, der in Monrovia, Beirut, Lyon, Dresden und London lebte, an Inspiration in Berlin? Abdul Karim sagt, er schätze „die Direktheit und die Ehrlichkeit der Berliner sehr“. Auch, dass Berlin sehr international, dabei aber sehr friedlich und respektvoll geprägt sei. Trotzdem freut sich der 35-Jährige auch über die Möglichkeit, mal ins Grüne zu gehen. Einfach irgendwo privat zu sein. Denn in der arabischen Welt ist das für ihn kaum möglich.
Wenn Abdul Karim mit „Shababtalk on tour“ im Libanon oder im Irak dreht, hängen Plakate mit seinem Konterfei und dem Aufzeichnungsdatum der Show in den Städten.

Oft ist er von Fans mit Selfie-Wünschen umlagert. Schließlich pflegt er über seine Social-Media-Kanäle den Kontakt zu seinen Zuschauern: jungen Menschen mit eigenen Gedanken, Ängsten und Hoffnungen, auf die die autokratischen Regierungen in den Ländern normalerweise keinen Deut geben.