Was mich beschäftigt:

Sentimentale Stadtneurotiker

Vor ein paar Tagen schrieb mein Kollege Jacek Slaski an dieser Stelle „Fick dich, Kreuzberg“. Er gab sich klassenkämpferisch und schimpfte doch auf das „Party-Proletariat“, er prophezeite die Verdrängung der „Armen, Alleinerziehenden, der Türken“ und ignorierte dabei beflissentlich, dass doch Migranten der zweiten oder dritten Generation gerade die Oranienstraße rocken.

Vom Hasir-Imperium bis zum radikal zeitgenössichen Voo Concept-Store. Aber solche Erfolgsgeschichten sind ja auch nur wieder welche der Verdrängung.

Da mag etwas dran sein. Vor allem aber ist hier etwas dran: Wir sollten endlich anfangen, die Sache mit der Stadt und ihren konkreten wie symbolischen Besitzverhätnissen angemessen komplex zu betrachten. Angesichts des Betreiberwechsels im Weltrestaurant in der Markthalle Neun entschied sich aber die komplette Berliner Tagespresse der Einfachheit halber dazu, ein reales Wirtshaus mit dem gleichnamigen Handlungsort aus einer Romanerzählung zu verwechseln.

Passte aber auch zu gut. Erzählt „Herr Lehmann“ nicht einzig von ein paar Menschen, die keinen Bock auf Veränderung haben? Nach Herr Lehmann kamen dann Techno, das Zwischennutzungsberlin, das Berg­hain und der Prenzlauer Berg. Geschichten mit offenen Enden. Aber noch einmal: Im Gegensatz zu den letztgenannten Phänomenen war „Herr Lehmann“ nur ein Roman.

Foto: pixabay

Ich bin 2004 nach Berlin und auch nach Kreuzberg gekommen. Manteuffelstraße, Ecke Köpenicker. Warum ich da denn hinzöge, fragten die Freunde aus dem LSD-Kiez (wie man damals so sagte), da sei doch so gar nichts los. Wenn ihr wüsstet, mag man ihnen aus der Distanz zurufen. Denn heute wissen ja scheinbar alle, wie toll und wild (und analog und besoffen, und schweinebratenhungrig und indiegitarrenselig und natürlich authentisch) dieser Kiez damals war. In der Markthalle, die noch keine Neun im Namen trug, verlor sich ein einzelner Fischstand zwischen drei Discountermärkten. Aber billig einkaufen, gilt in manchen Milieus ja noch immer als ganz unbedingt links.

Okay, ich habe leichtes Spiel. Mein Plaisir ist das Kulinarische, also von Berufs wegen. Und aus dieser Perspektive erlebe ich Kreuzberg (und ganz sowieso Neukölln) durchaus noch immer als urbanes Experimentierfeld. Zwei Freunde von mir haben vor rund zwei Jahren in der Lausitzer Straße eines der besten Restaurants der Stadt eröffnet. In Stockholm, wo sie vorher gekocht haben, hätte das Startkapital nur für einen Espresso­stand gereicht. Apropos Espresso: Ist es denn wirklich so schlimm, dass man hier plötzlich guten Kaffee trinken kann? Und dass viele dieser neuen, oft sehr kleinen Läden enthusiastisch inhabergeführt bis auf die selbstausgebeuteten Knochen sind? Klar, das Bäckersterben – schlimm.

Aber müssen es ausgerechnet Dänen oder Australier sein, die endlich richtig gutes Brot backen? Müssen nicht. Aber wenn sie es nunmal sind, gibt es jeden Grund, sich darüber mächtig zu freuen.

Er könne schon aus Kreuzberg wegziehen, hat der Kreuzberger Musiker Jens Friebe gerade dem „Tagespiegel“ gesagt. Lokalpatriotismus sei doch sowieso nur noch im HipHop wichtig. Wegen der Mär von der Hood und den Homies. Word!

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