Ich Tarzan, du DJane

Sexismus im Techno

Die Berliner Technolandschaft gilt als tolerantes Wunderland, doch hinter dem DJ-Pult geben noch immer Männer den Ton an. Initiativen aus der Szene gehen jetzt in die Offensive

Text: Julia Lorenz

Ein Freitagabend im Dezember, Stattbad Wedding, fünf Uhr morgens. Bässe donnern, die Luft ist stickig in den Gemäuern des stillgelegten Schwimmbads. Hunderte Menschen drängen sich durch die schmalen Gänge, auf der größten Tanzfläche kommt die Masse fast zum Stillstand. In einer Stunde wird John Talabot, Szene-Liebling aus Spanien, ein Set spielen. Abseits der Haupthalle lichtet sich der Andrang. Eine Handvoll Clubgäste ist auf eine kleinere Tanzfläche geflohen. Hinter dem Deck steht Lena Willikens, DJ aus Köln, leicht verschwitzt und hoch konzentriert. Ein Mädchen mit stacheligem Blondschopf tippt ihrer Begleitung auf die Schulter: „Schau mal, da legt ja mal eine Frau auf.“ Anerkennend schiebt er die Unterlippe nach vorn, nickt bedächtig. „Wow“, sagt er. „Und dabei knallt’s hier grad genau wie auf dem Main Floor.“

 

„Jetzt legt die Sekretärin auf“

Die Berliner Technoszene gilt als Raum, in dem geltende Regeln infrage gestellt werden. Das Partyklientel fühlt sich als Avantgarde, distanziert sich stolz von der grauen Mehrheitsgesellschaft. In ambitionierten Clubprojekten wie dem About:Blank verbindet sich Tanzkultur mit politischer Arbeit. Doch auch die Technogemeinschaft ist nicht frei von Ressentiments: Weibliche DJs werden noch immer benachteiligt. Schon seit den Neunzigern wehren sich Frauen aus der Szene gegen Sexismus, doch während die Debatte um die Frauenquote sogar in Unternehmen angekommen ist und in der Poplandschaft weibliche Mogule wie Beyoncé oder Rihanna an der Spitze stehen, tut sich die vermeintlich fortschrittliche Clubszene schwer mit der Gleichberechtigung.

Das bewiesen die Aktivistinnen des Netzwerks female:pressure vor knapp zwei Jahren mit einer Studie, in der sie den Anteil  von Künstlerinnen bei Labels, auf Festivals und in Club-Charts untersuchten. Das ernüchternde Ergebnis des Berichts: Nur zehn Prozent aller Veröffentlichungen gehen auf das Konto weiblicher DJs, auch auf Technofestivals sieht es nicht besser aus.

Auch Monika Kruse musste sich gegen Sexismus behaupten. Kruse, neben Ellen Allien und Marusha eine der wenigen weiblichen DJs, die man außerhalb von Szenekreisen kennt, sitzt in einem Bistro in Prenzlauer Berg, noch skeptisch: Solle man über Ungerechtigkeit nicht lieber mit Label- und Festivalchefs sprechen? Schon ihr Taschengeld habe Kruse in Platten inves­tiert, aber als DJ arbeiten zu können, erschien ihr früher unwahrscheinlich. Weibliche Vorbilder in der Branche gab es nicht. Der Einstieg glückte dank eines Freundes, der ihr den ersten Auftrag besorgte. Es folgten: illegale Partys, die erste Anstellung als Resident-DJ, Loveparade, Berghain. Kruse hat geschafft, was vielen Frauen verwehrt bleibt. Vorurteilen war auch sie ausgesetzt. „Wenn eine Frau Fehler macht, heißt es schnell: Na klar, die kann’s ja doch nicht“, sagt Kruse. Anerkennung wiederum gäbe es oft nur mit Einschränkungen. „Manche Männer merken gar nicht, dass sie dich mit Sprüchen wie ‚Gar nicht schlecht für eine Frau!‘ nicht ermutigen, sondern abwerten.“

Wer elektronische Musik machen will, muss Technik beherrschen, Maschinen bezwingen. Frauenhände, so das alte Klischee, können über Pianotasten gleiten, aber keine Regler bedienen. Künstlerinnen erzählen, dass ihnen Kollegen und Soundtechniker ungefragt ins Mischpult greifen, um die Lautstärke zu korrigieren. „Schau mal, jetzt legt die Sekretärin auf“, habe sich auch Monika Kruse anhören müssen. Ihre blonden Locken versteckte sie zu Beginn ihrer Karriere unter Kapuzenpullovern, schminkte sich nicht, lächelte kaum. Mittlerweile ist sie erfolgreich genug, um auftreten zu können, wie sie möchte. Andere Frauen leiden nach wie vor darunter, unterschätzt zu werden. Kate Miller, Techno-DJ aus Melbourne und seit drei Jahren in Berlin, rasierte sich kürzlich eine Glatze – um nicht mehr als Frau, sondern als Musikerin aufzufallen, wie sie dem „Spiegel“ sagte. DJ Tatiana Alvarez ging noch einen Schritt weiter. Ein Jahr lang trat die Musikerin in Los Angeles unter dem Namen DJ Musikillz auf, verkleidet als Mann. Erst Anfang Dezember ließ sie die Bombe platzen, nun etabliert genug, um nicht mehr wegen ihres Geschlechts benachtei­ligt zu werden.

Ena Lind und Zoe Rasch

Allein unter Kumpels

Stärker noch als männliche Kollegen werden Frauen in der Musikbranche auf ihre Optik reduziert. In Frankreich kürte der Radiosender NRJ kürzlich Paris Hilton zur „DJane-Newcomerin des Jahres“. Das Erotikmodel Micaela Schäfer kassiert über 3.000 Euro pro Nacht für Auftritte, bei denen sie nackt hinter dem Mischpult steht – und die Play-Taste drückt. Das Handwerk wird zur Nebensache, das DJ-Deck zur Projektionsfläche für alkoholselige Fantasien.

Noch immer folgt die Branche Regeln, die Männer gemacht haben. Zoe Rasch und Ena Lind wissen, was das bedeutet. Beide Frauen sind seit Jahren im Technogeschäft unterwegs – Rasch als Bookerin, Lind als Musikerin. Um Frauen in der elektronischen Musikszene den Rücken zu stärken, haben sie im letzten Jahr Mint gegründet. Bekannt geworden ist die Initiative und Förderplattform vor allem durch die gleichnamige Partyreihe, die Rasch und Lind abwechselnd im Bi Nuu und im Farbfernseher veranstalten. Das Prinzip: Weibliche DJs bestreiten den Abend, männliche Gäste sind ausdrücklich erwünscht.

In Produktionsworkshops, die Ena Lind unter dem Titel „Mint Campus“ anbietet, können angehende DJs an ihrer Technik feilen. „Frauen müssen ihr Handwerk besonders gut beherrschen, um ernst genommen zu werden“, sagt Lind. „Deshalb arbeiten wir in den Kursen mit CDs und Vinylplatten, nicht mit Computern.“ Wie auch in den Clubnächten dürfen in den Workshops nur Frauen an die Decks. Ob das keine schlechte Vorbereitung auf den Cluballtag sei – und ungerecht obendrein. Nein, sagt Zoe Rasch. „Viele Frauen sind dazu erzogen worden, vorsichtig und leise zu agieren, Männern hingegen wird nahegelegt, vorzupreschen. Stille Talente trauen sich in einer Frauengruppe oft mehr.“

Mo LoscheiderDie Berufserfahrung habe Rasch und Lind gezeigt, wie wichtig Kontakte sind. „Die Technoszene ist eine Kumpelgesellschaft“, sagt Rasch. Und das nicht nur in Berlin: Auf der Forbes-Liste der 15 am besten bezahlten DJs findet sich keine Frau. Dass männliche Booker vor allem ihre Freunde unterstützen, wolle Rasch nicht verurteilen – „das machen ja alle so“. Nur müsse dem Männernetzwerk ein starkes Frauenbündnis entgegengesetzt werden. Rasch und Lind veranstalten deshalb alle zwei Monate ein „Netzwerkdinner“, bei denen sich Frauen, die an den Stellschrauben der Technoindustrie drehen, austauschen und zusammenschließen können. „Mir ist klar, dass man uns dafür kritisieren wird, nur Frauen zu fördern“, sagt Ena Lind. „Aber darüber, dass 95 Prozent der Künstler auf Techno-Labels Männer sind, beschwert sich niemand.“
Mo Loschelder  Foto: Udo Siegfriedt

Die Pionierinnen sind vergessen

Offener Sexismus ist heute ein No-Go, erst recht in der Technoszene, die sich naserümpfend vom dumpfen Chauvinismus in Großraumdiscos abwendet. Kaum ein Labelchef würde zugeben, bewusst keine Frauen unter Vertrag zu nehmen, kein DJ behaupten, einer Kollegin nichts zuzutrauen. Wenn es Frauen nicht einmal gelingt, im weltoffenen Musikbetrieb Fuß zu fassen, so die weit verbreitete Logik, muss es ihnen an Ehrgeiz mangeln – oder an Kompetenz.

Unsinn, sagt Matias Aguayo. Gemeinsam mit Avril Ceballos leitet Aguayo seit fünf Jahren das Label Cómeme, Künstler vonBuenos Aires bis Moskau sind bei ihnen unter Vertrag, darunter viele weibliche DJs. „Wer behauptet, keine talentierten Künstlerinnen zu finden, strengt sich nicht genug an“, sagt Aguayo. Die Musikbranche sei eine Machoszene, in der talentierte Frauen oft untergehen. Statt nur von Künstlerinnen mehr Wagemut zu fordern, müssen auch die Entscheidungsträger der Musikindustrie umdenken, sagt Aguayo: Ein Labelchef sollte sich aktiv auf die Suche nach zurückhaltenden Talenten begeben. Denn die meisten Demos kämen nach wie vor von Männern. „Wer denkt, die Zustände ändern sich von allein, nur weil es geniale Künstlerinnen gibt, irrt sich“, sagt Aguayo. „Dafür ist zu wenig passiert in den letzten 20 Jahren.“

Davon ist auch Mo Loschelder überzeugt. Mo, seit Jahren eine der einflussreichsten DJs in der Berliner Technolandschaft, versucht schon seit den Neunzigern, gegen die Benachteiligung weiblicher DJs anzuspielen. Eine „DJane“ wollte sie nie sein. „Solange ,D-Tarzan‘ nicht die Berufsbezeichnung für männliche Musiker ist, lehne ich den Begriff ab“, sagt sie.

Dass es Frauen ausgerechnet in der experimentierfreudigen Technoszene so schwer haben, sieht Mo auch als Konsequenz der Geschichtsschreibung: „Die Erfinderinnen des Techno und Electro sind heute vergessen“, sagt sie. Während der Komponist Karlheinz Stockhausen als Pionier der elektronischen Musik gefeiert werde, seien Musikerinnen wie Laurie Spiegel, die schon in den Siebzigern Algorithmen für ihre Kompositionen verwendete, den wenigsten bekannt.

Mo will das ändern. Den Erfinderinnen der Technokultur widmet sie das Festival fil électrique, das sie im nächsten Sommer gemeinsam mit Bettina Wackernagel kuratiert. Konzerte, Performances und Diskussionen sollen daran erinnern, dass die elektronische Musik nicht als Männerdomäne begründet wurde.

Mo sagt, dass Partys und Festivals, auf denen nur Frauen auflegen, keine langfristige Lösung sein sollen. Doch solange die Zehn-Prozent-Quote nicht geknackt ist, solange auf den meisten Technofeiern eine einsame Künstlerin gegen 20 Männer anspielt, hätte das Konzept seine Daseinsberechtigung. „Mein Traum wäre ja, dass irgendwann eine Party stattfindet, auf der nur Frauen auflegen“, sagt sie. „Und niemandem fällt es auf.“

Nächste Ausgabe der Partyreihe von Mint siehe www.mintberlin.de

Website von Mo Loscheider www.media-loca.com/about

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Foto: Promo
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