Hip-Hop

Shaban und Käptn Peng

Es waren einmal zwei Brüder. Sie waren die ungleichsten Brüder, die man sich vorstellen kann. Der eine war eher laut, aber ruhte ganz in sich. Der andere war eher still, aber ständig auf der Suche nach seiner Identität. Der eine kannte sich gut aus mit Instrumenten und Sampler, aber zum großen Glück fehlte ihm noch jemand, der Texte schreiben konnte zu seiner Musik. Der andere feierte Erfolge als Schauspieler, aber schrieb lieber heimlich Kladden voll mit Gedichten.
Man sollte meinen, zwei Brüder wissen alles voneinander, wenn sie so lange miteinander aufgewachsen sind. Johannes Gwisdek aber war überrascht, als er Robert mal einen Instrumental-Track, den er aufgenommen hatte, vorspielte – und sein Bruder plötzlich begann zu rappen.

Handgemachte Holzmusik auf YouTube

Das war vor drei Jahren. Es war der Ausgangspunkt einer Formation, die intelligent und doch unterhaltsam ist, den Gangsta-Rap zu Tode streichelt und dem Studenten-Rap in den Arsch tritt, die tanzbar ist und verwirrend, und dann auch noch nebenbei Tiefenpsychologie und Straßenmusik miteinander versöhnt. Eine Hip-Hop-Combo, wie es noch keine gab. Die aus dem Nichts kommt, um den deutschen Rap zu retten. Es war die Geburtsstunde von Shaban & Käptn Peng, die nun ihr erstes Album „Die Zähmung der Hydra“ veröffentlicht haben.
„Die Namen sind sehr kindisch“, sagt Robert Gwisdek, der Käptn. „Total kindisch“, sagt Johannes alias Shaban. Aber das hat seinen Grund: „Wir machen ja auch kindische Musik.“ Damit hat Robert Recht. Denn wenn der 28-Jährige und sein drei Jahre älterer Bruder, der stets Hannes genannt wird, zusammen mit ihrer Begleitband, den Tentakeln von Delphi, auf die Bühne gehen, dann stehen da schon ein großer Baueimer und ein alter Reisekoffer bereit. „Handgemachte Holzmusik“, nennt es Hannes, jedenfalls klingt es sehr viel anders als die Drum&Bass-Tracks, die er früher allein „als Computer-Autist“ gemacht hat. Wenn die Tentakel dann loslegen, dann klingt das zwar nach Hip-Hop, aber eben auch nach Kinderzimmer – und der Käptn macht den Clown.
Das kann man sich am besten bei YouTube ansehen. Dort haben die beiden Berliner zu vielen ihrer Songs Clips eingestellt, „so Video-Schnickschnack“, wie es Robert nennt. Dass ihnen das Filmemachen in die Wiege gelegt wurde, weil ihre Eltern die nicht ganz unbekannten Schauspieler Corinna Harfouch und Michael Gwisdek sind, kann man sehen. Ebenso, dass Käptn Peng als Robert Gwisdek nicht nur selbst erfolgreich und preisgekrönt auf Bühnen und vor der Kamera steht, sondern auch schon einen Kurzfilm als Regisseur realisiert hat.
Vor allem aber kann man sehen und noch deutlicher hören, dass hinter der eingängigen, lebensfrohflotten Musik sehr viele weitere Ebenen liegen. Denn so wurde hierzulande noch niemals gerappt: Käptn Peng verbindet den rhythmischrunden Flow von Nelly mit dem paranoiden Rollenspiel eines Eminem. Es gibt eigentlich nur einen Zweck, dem die binnenreimgeschwängerten und wortwitzschweren Verse dienen: Eine Struktur zu bringen, so der Käptn, in „das Gewitter, das in meinem Kopf ist“.

Der Rapper als multiple Persönlichkeit

Die Selbstdiagnose von Robert Gwisdek lautet auf multiple Persönlichkeit. Manche Roberts meinen, er sei gar kein Rapper, sondern nur jemand, der zu viel Text in zu wenig Zeit pressen möchte. Viele dieser Roberts haben eine Menge Dichter gelesen, aber können sich auf keinen speziellen einigen. Ein anderer Robert kann dafür Schopenhauer empfehlen, und „Deleuze ist auch gut, der ist auch verrückt“. Die meisten Roberts finden das, was die anderen geschrieben, gerappt und gefilmt haben, schon nach zwei Wochen wieder überflüssig. Deshalb liegen zwei Drehbücher für Langfilme, ein komplettes Buch und haufenweise Gedichte in der Schublade, ohne dass es konkrete Bemühungen gäbe, diese zu verfilmen oder zu veröffentlichen. Ohne Hannes, sagt Robert, „würde ich keinen einzigen Song heraus bringen, weil ich damit nicht klar komme, dass etwas abgeschlossen ist“. Es gibt sogar einen Robert, den die anderen Roberts herauslocken, wenn es auf die Bühne geht, und dem es Spaß macht, da oben dann die Rampensau zu spielen. Die vielen verschiedenen Roberts sind sich nur in einem einig: dass Robert Gwisdek kein Schauspieler ist. „Ich könnte den Beruf nicht lange ausführen und damit glücklich sein“, versucht er zu erklären, „das liegt an der Position, die ein Schauspieler einnimmt. Ich fühle mich einfach nicht wohl darin, die Vision eines fremden Menschen lebendig werden zu lassen.“
Wohler fühlt sich Robert als Rapper. Eingebunden in ein Netzwerk, das in Berlin um die beiden Bruder herum entstanden ist, findet er nun kontrollierbare Kanäle für seine Kreativität. Das Debütalbum erscheint auf dem eigenen Label Kreismusik, die Videoclips unter Kreisfilm, Roberts erste Regiearbeit „Das Heimweh Der Feldforscher“, die erfolgreich über Kurzfilmfestivals tourte, unter Kreislabor. Nur für die seltsamen, selbstgebauten Masken, in denen sie bisweilen auftreten, gibt es noch keine eigene Werkstatt. „Aber es könnte sein, dass es irgendwann Kreisregenbogenzucht gibt“, sagt der Teilzeitfilmemacher. „Im Grunde genommen ist es nur ein Spiel, um den Dingen, die wir eh tun, einen Rahmen zu geben.“

Lieber alles selber machen

Dieser Rahmen, sagt Robert, „ist ein Spielplatz, um mit Familie und Freunden alles selber zu machen von der Musik über die Videos bis zur Gestaltung.“ Die beiden Gwisdeks haben erst gar nicht versucht, ein Label zu finden. „Die Vorstellung, alles selber zu machen, war von Vornherein schöner“, sagt Robert. Sie wollten sich nicht reinreden lassen, obwohl sie selber keine schlechten Erfahrungen mit Plattenfirmen gemacht hatten, weil sie noch gar keine Erfahrungen mit Plattenfirmen gemacht haben. „Aber man hat viel gehört von Freunden“, so Hannes. „Und wenn man sich alles selber beibringen muss, dann passt es vielleicht auch besser zu dem Gefühl, das hinter der Musik steht“, erklärt Robert, „nichts gegen Labels, aber es ging auch darum, sich von möglichst vielen Einflüssen von außen frei zu machen.“
Das weitgehend einflussfreie Ergebnis sind nun Shaban & Käptn Peng und das wirklich und wahrhaftig großartige Debütalbum. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann werden der Hannes und die vielen Roberts eines Tages tatsächlich den bösen Drachen Gangsta-Rap töten, die Prinzessin deutscher Hip-Hop wach küssen und zusammen mit ihr alt und vielleicht sogar glücklich werden.