Reportage

Shisha-Cafés und Hanau: Hinter dem Rauch

Am 19. Februar tötete ein Rechtsextremist in Hanau im Umfeld zweier Shisha-Cafés neun Menschen. Die Lokale, in denen nicht Alkohol getrunken, sondern aromatisierter Tabak geraucht wird, stehen für ein migrantisch geprägtes Deutschland. Um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, sind Shisha-Cafés in Berlin inzwischen geschlossen. Wir haben uns vorher noch zwischen den Rauchschwaden umgesehen.

Nader Khalil (links) und weitere Stammgäste im Shisha-Café Barbar Aga in Neukölln. Foto: F. Anthea Schaap
Nader Khalil (links) und weitere Stammgäste im Shisha-Café Barbar Aga in Neukölln. Foto: F. Anthea Schaap

Die Luft im „Barbar Aga“ an der Neuköllner Karl-Marx-Straße ist trüb, die Musik sanft, der Geruch markant. In einer Nische zieht Nader Khalil, 50, an seiner Pfeife, im Köpfchen ein herber Tabak. Es ist sein Refugium. „Hier schalte ich abends den Kopf frei“, sagt er.

Den Anstoß für unseren Besuch gibt der jüngste Rechtsterror: der Anschlag von Hanau, wo ein Rechtsextremist am 19. Februar zehn Menschen tötete. Es war das jüngste Verbrechen in einer Serie neonazistischer Gewalt, die seit 1990 im ganzen Land hunderte Menschenleben gefordert hat. In Mölln, in Solingen und Hoyerswerda. Bei den NSU-Morden und der Ermordung des CDU-Regierungspräsidenten Walter Lübcke in Kassel.

Der Attentäter von Hanau mordete vor und in zwei Shisha-Cafés. Einige Tage nach dem Kapitalverbrechen in der hessischen Allerweltsstadt wurden Schüsse auf die Fenster einer Shisha-Bar in Stuttgart abgegeben. Und in Berlin fürchteten Betreiber, dass ihre Läden die nächsten Ziele sein könnten. Weil Rassisten ihren Hass auf die Lokale projizieren.

„An der Dämonisierung der Cafés haben Medien und Mitte-Parteien mitgewirkt“, klagt Khalil, eine Respektsperson mit präsidialer Stimme. Tagsüber leitet der Neuköllner das Deutsch-Arabische Zentrum in der benachbarten Uthmannstraße: eine Institution, in der Integrationshilfe und pädagogische Arbeit geleistet werden.

Das Café, in dem er sich regelmäßig erholt, auch an diesem nasskalten Abend im späten Februar, wird geführt von einem 63-jährigen Patriarchen und ist seit 2002 in Betrieb. An den Wänden hängen Souvenirs aus der Levante, kleine Gemälde, die Wüsten, Kamele und weite Horizonte zeigen.

„Vor allem die Politik hat das Shisha-Café-Thema entdeckt, um sich zu profilieren“, sagt Khalil. Sie verortet in den Lokalen bisweilen kriminelles Publikum. Im April 2019 kommentierte der Neuköllner Bezirksbürgermeister Martin Hikel die vielen Razzien in Shisha-Bars sowie Wettbüros und Spielcasinos an den Amüsiermeilen seines Stadtteils mit scharfer Rhetorik: „Das zeigt eine Null-Toleranz. Wir tolerieren keine Art der Regelverstöße.“ Flankiert wurde die Ansage von Durchsuchungen mit großem Polizeiaufgebot – und Schlagzeilen in den Medien.

Jenseits der Vorurteile

In der Blaulicht-Berichterstattung der vergangenen Jahre sind die Cafés meistens Drehscheiben der Clan-Kriminalität, wo die Remmos ihren nächsten Coup planen; zudem Rückzugsorte für Männerbünde aus Intensivstraftätern, Hasspredigern und anderen Stressmachern. „Shisha-Cafés werden zum Brennpunkt“, titelte die Berliner Morgenpost. Und die B.Z. dichtete: „Zwischen süßlichem Rauch und illegaler Welt“. Narrative wie gemacht für Neonazis, die meinen, sie müssten in den Cafés zu Taten schreiten – und dabei der Idee anhängen, sie handelten im Auftrag der Mehrheitsgesellschaft.

Aber was für Orte sind Berlins Shisha-Cafés wirklich – jenseits von Stereotypen und rassistischen Vorurteilen?

Für Nader Khalil, als Zehnjähriger aus dem Libanon eingewandert, sind sie vor allem Komfortzonen. „Wir haben keine Kneipen, wir haben Cafés“, kartografiert er die Ausgeh-Landschaft der arabischstämmigen Community. Dort locken Genuss und Entspannung – ohne Zapfhähne, Pappdeckel und Saufgelage.

Darüber hinaus sind einige Cafés auch Rückzugsorte für Bürgerkriegsflüchtlinge, ob aus dem Irak oder Syrien, die sich in der Anonymität der Großstadt verloren fühlen. In der heimeligen Kulisse finden sie Anschluss – vor allem in Lokalen in Neukölln und im Wedding. „An meinen Tisch kommen immer wieder Geflüchtete, die Hilfe dabei benötigen, sich einen Weg durch den Behördendschungel zu schlagen und Fragen zu ihrem Duldungs- und Aufenthaltsstatus stellen“, erzählt Nader Khalil.

Shisha Cafe Barbar Aga in Neukölln, Mitarbeiter Mohammad Hmade beim Nachlegen der Kohle. Foto: F. Anthea Schaap

Als Ahnen der Schmauch- und Rauch-Etablissements nennt Khalil einen Intellektuellen: den ägyptischen Schriftsteller Naguib Mahfouz, der 1988 den Literaturnobelpreis gewonnen hat. Der Sozialist war Stammgast in den Qualm-Buden von Kairo, vor allem im „Café Riche“, einem Salon der Dichter, Denker und Dissidenten, dem er in seinem Schlüsselwerk „Karnak Café“ ein Denkmal setzte.

Im heutigen Berlin sind Shisha-Cafés aber vor allem die Chill-Out-Areas eines Einwanderungslands. Allein in der Hauptstadt gibt es 300. Darunter etablierte Lokale wie das „Babar Aga“ – aber auch Dreh- und Angelpunkte der jüngeren Generation.

Geschäftsmodell Shisha-Kultur

Die Shisha-Kultur ist dabei längst zum Geschäftsmodell geworden. Der Rapper Massiv, als Mime eines Knastbruders in der Streaming-Serie „4 Blocks“ zum Medienstar geworden, vertreibt eigene Rauchware; „Al Massiva“ heißt der Stoff, der junge Fans zum Quarzen animieren soll. Auch andere Rapper vermarkten Shisha-Sorten, darunter Haftbefehl, die 187 Straßenbande und Alpa Gun. Der Stuttgarter KC Rebell betreibt sogar eigene Lounges und Ladenlokale.

In der Berliner Messehalle steigt jährlich eine Branchenschau, auf der 15.000 Liebhaber die neuesten Rauchwaren begutachten. In diesem Jahr soll die Veranstaltung am 26. am 27. Oktober über die Bühne gehen. Die Shisha-Bewegung ist somit auch Wirtschafts- und Handelsfaktor. Deutschlandweit nuckeln die Konsumentinnen und Konsumenten so exzessiv an den Shishas, dass allein 2018 der Bund 94,5 Millionen Euro Einnahmen aus Steuern für Pfeifentabak eingenommen hat – fast vier Mal so viel wie noch im Jahr 2009.

Die neue Jugendkultur wird in Berlin sogar an den Stadträndern ausgelebt. In Steglitz und im angrenzenden Friedenau etwa. In einem Radius von einigen hundert Metern ballt sich dort die Paffer-Szene. Es gibt das „Statement“, das „Aliyah“ – und das beliebte „Xenia“.

Das Interieur des „Xenias“ erinnert an die Wohnlandschaft in der Warenabteilung eines mittelständischen Möbelhauses: beigefarbene Sessel, Tische aus Buchenholz. Der Stil: Lounge-Chic. Auf großen Flatscreens züngeln Kaminfeuer.

In dieser blitzsauberen Umgebung hat sich Kevin, 19, der das Fach „Infrastruktursysteme“ in Potsdam studiert, in die Polster fallen lassen; neben ihm sitzen seine Begleiterinnen Sammy, 18, und Angelina, 18, beide Schülerinnen.

„Es spricht sich herum, in welchen Lokalen nur Männer abhängen“

Kennerhaft analysiert Kevin den Gusto seiner Tabakmischung. „Erfrischend, fruchtig, mit einem Eis-Touch“, urteilt er. „Dreamberry“ heißt die Sorte, eine von vielen erfinderischen Geschmacksrichtungen. Pistazie-Milch und Raffaelo-Milch, Limette-Minze und Apfelminze gibt es auch. Warum Kevin hier seine Freizeit verbringt? „Schöne Atmosphäre, coole, perfekte Musik“, murmelt er. Im Hintergrund säuseln R’n’B-Tracks.

Internationaler Trend: Jugendgruppe beim Shisharauchen in Moskau. Foto: imago/Itar Tass
Internationaler Trend: Jugendgruppe beim Shisharauchen in Moskau. Foto: imago/Itar Tass

Der Shisha-Hype entfaltet sich dort als Cocooning einer neuen Bürgerlichkeit. Die jungen Männer in den Sitzecken imitieren das alerte Erscheinungsbild von Fußballern der deutschen Nationalmannschaft, die Abbild der deutschen Migrationsgesellschaft ist, dieses Team der Kimmichs, Sanés und Goretzkas. Joop-Hemden, Gelfrisuren, vitale Gesichter. Kevin gibt sich ebenfalls sportiv. Wer deutsche, polnische, türkische Wurzeln hat, lässt sich nicht ausmachen. Auf der Ablage stapeln sich Gesellschaftsspiele: Kniffel, Mensch ärgere dich nicht, Vier gewinnt.

Ein unkompliziertes Umfeld, in das sich auch Frauen mischen. „Es spricht sich herum, in welchen Lokalen nur Männer abhängen“, sagt Angelina, die wie ihr Kumpel Kevin vom „Dreamberry“-Tabak kostet. „Hier herrscht ganz bestimmt kein Männer-Überschuss.“

Der Versuch einer Emanzipation – in einem Kosmos, der manchmal noch testosteronlastig ist. Und damit hin und wieder Besucherinnen abschreckt. Der Hausherr im „Xenia“, der 32-jährige Wassim Khcheich, nimmt deshalb Einfluss auf das Gästebild. Männergruppen haben es an der Tür schwer, außerdem wird jede Woche eine Ladies Night gefeiert. „Manchmal verarsche ich auch männliche Gäste“, kichert der Chef. Ein Mittel, um humorlose Machos zu vergrätzen.

Wie aus der Märchenwelt

In Kreuzberg gibt es sogar ein Café, wo nur Frauen in den Sofas lümmeln: das „Lady Hookah“ an der Urbanstraße. Nabil Takli ist ein Chronist dafür, dass Shisha-Rauchen zum Breitenphänomen geworden ist. Er betreibt das „Sharazad“ in Charlottenburg, ein verschlungenes Wunderland wie aus der Märchenwelt Aladdins. 2018 hat Takli mit Kollegen die erste Interessengemeinschaft seiner florierenden Branche gegründet: die Shisha-Bar-Allianz. Sie verleiht dem jungen Wirtschaftszweig eine politische Stimme. Den Impuls zur Gründung gab eine Gesetzesinitiative der Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD). Darin war angedacht, Shisha-Dampf nur noch in Lokalen zu erlauben, die kleiner als 75 Quadratmeter sind. Ein Raucherschutz, der Unternehmens-Existenzen aufs Spiel gesetzt hätte. Mittlerweile sei das Gesetz auf Eis gelegt, berichtet Takli. Womöglich ein Indiz für die erfolgreiche Lobbyarbeit der Organisation – und dafür, dass einige Lokalpolitiker die Shisha-Cafés mittlerweile als Standortfaktoren und Steuerquellen schätzen.

Ins Zwielicht rücken die Läden dennoch. Alleine in Neukölln kam es zwischen dem 27. Mai und dem 6. September 2019 an 14 Tagen zu Razzien in Shisha-Cafés. 772 Beamte waren dabei im Einsatz; sie schoben 4.398,5 Dienststunden. Die Bilanz der Ermittler: geringe Mengen Drogen. Zudem Beleidigungen und Fahren ohne Führerschein, Bagatelldelikte. Außerdem wurden knapp 200 Ordnungswidrigkeiten festgestellt. Zu den Verstößen zählte, dass es Gäste unter 18 Jahren gab – oder die Kassen nicht immer akkurat geführt wurden.

Geschäftsführer Wassim Khcheich (Mitte) und sein Team. Foto: F. Anthea Schaap
Geschäftsführer Wassim Khcheich (Mitte) und sein Team. Foto: F. Anthea Schaap

Nicht jedes Café ist damit juristisches Musterbeispiel. Aber der Verdacht, die Lokale seien Umschlagplätze der Mafia, wo sich unter den Theken die Koksberge und Kalaschnikows türmen, könnte sich als Popanz entpuppen. Ein Beobachter vermutet: „Regelmäßige Visiten von Zoll, Polizei und Ordnungsamt in der Berliner Clublandschaft würden nicht weniger Gesetzesverstöße zu Tage bringen.“

Was dagegen vereinzelt zu Buche schlägt: der Handel mit unversteuertem Shisha-Tabak. Dieser Trend ist allerdings kein Exklusiv-Problem der Café-Betreiber. Das krumme Geschäft wird vielmehr von Netzwerken aus Händlern, Vertriebsleuten und Gastronomen betrieben. Im vergangenen Dezember haben Fahnder ein solches Gespann auffliegen lassen. Drei Tonnen Ware wurde beschlagnahmt.

Gefühlte Bedrohung

Wie der Anschlag von Hanau die Lokalpolitik beschäftigt, zeigte sich 24 Stunden nach dem rechtsterroristischen Massenmord. Jedenfalls in Neukölln, dem trubeligsten Stadtteil Berlins. Einen Abend lang weilte Bezirksbürgermeister Martin Hikel in Shisha-Cafés an den Kiez-Boulevards, der Karl-Marx-Straße und der Sonnenallee. Allein im „Barbar Aga“, dieser urigen Bastion, blieb er drei Stunden, wach gehalten von schwarzem Tee mit Zucker. Eine Abbitte für die Razzien in den vergangenen Wochen, Monaten und Jahren? Er habe von den Besuchern wissen wollen, ob sie sich bedroht fühlen, erzählt Hikel, und mit Gästen über Terror und Rechtspopulismus geredet – aber auch über die stilechte Einrichtung des „Barbar Aga“.

„Eine eigene Kultur“ seien die Cafés, außerdem Treffpunkte, wo sich junge Leute begegnen, darunter Mitteleuropäer, sagt Hikel. Die häufige Präsenz von Polizisten und anderen Ordnungshütern verteidigt er jedoch: „Regeln haben für alle zu gelten.“

Am 15. März wurden zahlreiche Berliner Shisha-Bars von der Polizei geschlossen, so auch das „Lady Hookah“ in Kreuzberg. Seit dem 18. März gilt eine Senatsverordnung, die allen Shisha-Cafés den Betrieb verbietet, um das Coronavirus einzudämmen. Hayder Hamid, Betreiber des „Lady Hookah“, sagt: „Wenn diese Schließung länger dauert, ist unser finanzielles Überleben in Gefahr.“ Die Shisha-Fans hingegen zeigen sich unbeeindruckt. Sie rauchen zum Beispiel im Mauerpark weiter. Bei schönem Wetter saßen dort vergangene Woche oft mehrere Gruppen um je einen kreisenden Schlauch.