IMMERSIVE SHOW

Das andere Amerika

In die Musik und Mythen des US-Bundesstaats Louisiana führt das immersive Musiktheater „Hoodoo“, ein Hybrid aus Performance, Party und kreolischer Soulmusik. Mastermind ist der Musiker Nick Sample

Text: Friedhelm Teicke

Die immersive Show „Hoodoo“ führt ins kreolisch geprägte Louisiana – Foto: Spyros Rennt

Die Basslinie, cool und erdig, legt den ­Groove unwiderstehlich vor, in den die Drums schnell und vorantreibend einsteigen, unterstützt durch ein markant-pointierendes Thwack der Gitarre und dann singt ­Anita Pointers klare Leadstimme: „Now’s the time for all good men to get together with one another …“.

Yes We Can Can“ heißt dieser Funk, Upbeat und Raffinesse vereinende Song, mit dem sich die Pointer Sisters 1973 eindrucksvoll in die Musikwelt einführten. Die optimistische Hymne der Harmonie und Brüderlichkeit war in einer unter US-Präsident Nixon gesellschaftlich gespaltenen Zeit durchaus politisch. Geschrieben von dem Kreolen ­Allen Toussaint aus New Orleans, versammelt der Song für den Musiker und Show-Erfinder Nick ­Sample alles, was die Magie des luisianischen Hoodoo-Kults ausmacht: „Es ist eine sehr positive Botschaft, an die wir mit unserer Show erinnern wollen, besonders unter der sehr destruktiven Regierung, die wir in den USA heute haben“, sagt er.

Nick Sample hat in seiner Karriere mit sehr vielen Größen der Musikwelt zusammengearbeitet, etwa mit Randy Crawford, Rod Steward, Art Garfunkel, Engelbert Humperdinck und vor allem natürlich mit seinem Vater, dem legendären Jazz-Pianisten Joe Sample und dessen Band Crusaders („Street Life“). Aber ihn langweilte das ewig gleiche Setting von Konzerten. „Musik ist mehr, als Leuten auf der Bühne beim Musikmachen zuzusehen“, erklärt er. „Musik ist immer immersiv, es ist sowohl Gemeinschaftserlebnis, es ist aber auch ein Gefühlsverstärker und Treibmittel für Communities oder Rituale. Die räumliche Trennung zwischen Musikern und Publikum ist eigentlich hinderlich.“

Aus seinen Überlegungen, wie eine Situation entstehen kann, die das trennende Portal auflöst und ein Eintauchen statt nur Anschauen ermöglicht, ist das Konzept für „Hoodoo“ entstanden. Und das erprobt Sample nun in Berlin aus, für ihn, die avantgardistischste Stadt der Welt.

Mittendrin statt nur dabei

Das Leitmotiv der Aktionskunst „Go in instead of look at“, das die Berliner Festspiele zum Motto ihrer Immersion-Reihe genommen haben, steht so auch über diesem Hy­brid aus Performance-Installation, Party­event und Live-Konzert. Ein immersives Musiktheatererlebnis, das sein Setting aus den Mysterien und Magien des sumpfigen Loui­siana schöpft, der kreolischen Heimat von ­Blues, Cajun, New-Orleans-Soul und ­Zydeco.

Inszeniert wird das Spektakel von ­Michael Counts, einer Koryphäe des Immersiven Theaters und, laut „New York Times“, ein „verrücktes Genie“. Counts erschafft belebte Parcours-Theater-Welten, die man wie eine Ausstellung oder einen Club durchläuft. Auch „Hoodoo“ soll, laut Sample, funktionieren wie „eine Geburtstags- oder Haus­party, zu der man eingeladen ist. Man trinkt, isst, trifft Leute, hört Musik und Geschichten in Vignettes, also kurzen impressionistischen Szenen, die sich auf einen Moment oder Charakter konzentrieren.“

Sample und seine Frau und Co-Produzentin Victoria Lucai, langjährige Assistentin von Quentin Tarantino, haben dafür in Berlin Schauspieler gecastet, die Musi­ker aber aus den USA mitgebracht: Es ist die Creole Joe Band von Nicks berühmtem ­Vater Joe Sample. Und selbstverständlich spielen sie auch „Yes We Can Can“.

Das erinnert nicht zufällig an Barack Obamas Wahlslogan „Yes, we can“. Zuversicht statt Furcht, Einheit statt Zwietracht und Spaltung wie sie Obamas Amtsnachfolger betreibt. Doch „Trump ist nicht allein, er konnte auf eine ultrakonservative Bewegung aufsetzen“, sagt Sample. „Was wir dagegensetzen, ist die Kreativität, das ist unsere positive Message. Unsere Show ist ein Botschafter des anderen Amerikas, des Meltingpot-Amerikas, das nicht trennt, sondern zusammenführt.“

Nick Sample, Sohn der Soul-Jazz-Legende Joe Sample, hat sich das Spektakel ausgedacht – Foto: Produktion

10.4.–19.5., Mi–So 18.30 – 23 Uhr, Spiegelpalast am Bahnhof Zoo, Hertzallee 41, Charlottenburg, Regie: Michael Counts; mit Nic Allen, Alex MacDonald, Lola Gulley, John Fontenot, Josh Washington u.a., Eintritt 45 €
www.hoodoo.berlin