liedermacherin

Sie punktet und punktet

Balbina hat mit Alltagspoesie samt sehr speziellen Wortspielen Fans wie Grönemeyer gewonnen. Jetzt hat sie sich neu erfunden – auch mit Rammstein

Auch das Styling ist bei Balbina besonders
Foto: Christoph Kassette

„Alle warten auf das Licht.“ Ein großer und wahrer Satz, der so auch in der Bibel stehen könnte, denn Gott soll seinen buckligen Gehilfen bei der Erschaffung des Universums einst ja auch den Auftrag gegeben haben: „Es werde Licht.“ In den sechs Berliner Wintermonaten kann man lange darauf warten – auf Gott sowieso, der lässt sich hier ja selten blicken. Der Satz kommt übrigens auch nicht in der Genesis vor, sondern bei Rammstein, jener Berliner Band, die in der Welt fast so berühmt, mindestens aber so blutrünstig ist wie das Alte Testament.

„Sonne“ heißt das Lied, an dessen Anfang der Satz steht – so wie das Licht selbst am Anfang aller Dinge zu stehen scheint, denn ohne Licht kein Leben. Und was wären wir Menschen ohne das Licht, das von oben kommt, ohne die Sonne, die Rammstein-Sänger Till Lindemann aus den Augen und den Fäusten scheint? Richtig, nichts. Die Sonne ist unsere Energiequelle, unsere Hoffnung, „der hellste Stern von allen“.

Balbina weiß das natürlich. Deshalb ist es kein Zufall, dass sich die in Neukölln aufgewachsene Sängerin in ihren dunklen Stunden ausgerechnet diesen Song vorgenommen hat, um Kraft zu schöpfen und zu sich selbst zu finden. Es gibt schließlich kaum etwas Tröstlicheres als die frohe Botschaft des Refrains: „Hier kommt die Sonne.“ Und Trost hat die 36-Jährige auch gebraucht. Denn lange sah es in ihr so aus wie in Berlin an einem durchschnittlichen Januartag: alles in grauen Nebel getaucht. Auch wenn ihre Karriere von außen betrachtet so schön glänzte und geradezu bilderbuchartig schien.

Seit ihren Anfängen beim Independent-Hip-Hop-Label Royal Bunker und ihrem Debüt-Album „Bina“ im Jahr 2011 nahm alles immer größere Dimensionen an: ihre Bekanntheit, ihre Shows, ihre Perspektiven. 2015 veröffentlichte sie ihre zweite Platte bei Four Music, einem Tochterlabel von Sony, und ging mit ihrem Vorbild Herbert Grönemeyer auf Tournee. 2017 trat sie mit dem Babelsberger Filmorchester auf. Doch zugleich war da das Gefühl, sich für sich selbst rechtfertigen zu müssen, nicht hineinzupassen in die Strukturen eines Major-Labels, überhaupt weit weg zu sein von sich selbst – „in der Welt der vergessenen Dinge“, wie sie es in ihrem Song „Weit weg.“ formuliert. Aus dem Schwere-Gefühl der Ungewissheit und des Unverstandenseins heraus sind die neuen Songs entstanden, die von einer Befreiung erzählen: raus aus den Fesseln der Fremdbestimmung und rein ins Abenteuer eines Neuanfangs unter eigenem Label „Polkadot“.

Bei einer E-Zigarette auf dem Balkon der Hotelsuite, in der das Zitty-Interview stattfindet, lässt Balbina den Blick über ihr geliebtes Wilmersdorf schweifen: dort ihre Lieblingskneipe, dort ihr Lieblings-Feinkostgeschäft, dort die Boutique, in der sie noch bis vor ein paar Jahren als Verkäuferin gearbeitet hat – in der Herrenabteilung wegen der großen Fensterfront. „Ich bin ein Sonnenjunkie“, sagt sie.

Für ihr neues Album hat sie nun eine eigene Version von Rammsteins „Sonne“ aufgenommen, die den Geist des Originals atmet und doch ganz anders klingt: Aus den brachialen Gitarrenriffs werden hymnische Chöre, aus Lindemanns abgründigem Darth-Vader-Bass die Stimme Balbinas, auch sie unnachahmlich tief. Sie beschwört ihre Sonne geradezu herauf, um sich an ihr zu berauschen. Rammstein gefällt das. Zumindest hat die Band Balbinas Coverversion in den sozialen Medien geteilt und in die offizielle Rammstein-Playlist aufgenommen.

„Ich bin jetzt jemand anders“, singt die neue Balbina. Und wirklich: Auf dem neuen Album „Punkt.“ erleben wir eine Künstlerin, die sich nicht mehr so leicht in Wortspielen und Alltagsbeobachtungen verliert. Es sei ihr diesmal weniger um „konstruiert glatte tonale Perfektion“ gegangen, erklärt Balbina, als darum, möglichst nah bei sich und ihrer Emotion zu sein. Auf Englisch zu singen, wenn es sich richtig anfühlt wie in „Bluenote“. Das R zu rollen, nicht einfach um Rammstein zu imitieren, sondern aus einer Emotion heraus, um bestimmte Dinge zu betonen. Nicht zu zaudern, sondern anzupacken. „Ich bin ja in der privilegierten Situation, etwas ändern zu können, wenn ich unzufrieden bin.“

Die Tochter polnischer Einwanderer verteidigt Wörter wie Wanderlust gegen die Vereinnahmung durch rechtsnationale Dummköpfe

Ein Vorbild in Sachen Kompromisslosigkeit ist ihr wieder einmal Herbert Grönemeyer gewesen, der passenderweise einen Part des Songs „Machen.“ eingesungen hat. Balbina schätzt ihn als einen Künstler, der sich seiner Verantwortung bewusst ist und Dinge äußert, die unbequem sind: „Er ist einer der wenigen Musiker, die sich unbeirrt und jeden Tag aufs Neue gegen Rechtspopulismus einsetzen.“ Geradezu fassungslos ist die Sängerin darüber, wie die „toxische Substanz“ des rechten Denkens in das Fundament unserer Demokratie eindringe. Wenn etwa Alexander Gauland, Ehrenvorsitzender der AfD, zur Party der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ ins Edelrestaurant Borchardt eingeladen werde. Auch die deutsche Sprache, in die sich die Tochter polnischer Einwanderer schon als Kind verliebt hat, verteidigt sie gegen die Vereinnahmung durch rechtsnationale Dummköpfe, indem sie sich einen Begriff wie „Wanderlust“ zu eigen macht. In ihrer Interpretation steht er für nichts anderes als die Lust an der Fremde. Also für all das, was ein Gauland hasst.

So tut Balbina das, was wir alle viel häufiger tun sollten: klare Kante zeigen gegen rechte Idiotie; Emotionen zulassen und kompromisslos eigene Wege gehen, auch wenn das bedeutet, dass man sich von großen Geschäftspartnern trennen muss. Einen Punkt machen, nicht allein um mit einer unangenehmen Sache abzuschließen: „Der Punkt ist für mich das Ursymbol dafür, dass eine neue Geschichte beginnt“, sagt sie. „Ich liebe den Punkt für das, was er bewirken kann.“ Und: Ist nicht auch das Universum aus einem Punkt heraus entstanden?

Balbina muss jedenfalls nicht länger auf das Licht warten, sie hat es in sich selbst gefunden. Deshalb kann sie auf der Bühne wieder strahlen. Ihre Geschichte geht weiter, auch wenn dieser Text hier endet. Mit einem Satzzeichen, über das man sonst leicht hinwegliest, das aber das wichtigste aller Satzzeichen ist: mit einem Punkt.

Balbina: „Punkt.“ (VÖ: 10.1., Polkadot/BMG)
Konzert: Fr 24.4., 20 Uhr, mit dem Babelsberger Filmorchester im Admiralspalast, Friedrichstr. 101, Mitte, VVK ab 37 €