Mixed-abled-MusikTHEATER

Sieben … aber einmal auch der helle Schein

Das inklusive Theater Thikwa zeigt mit viel Ironie und selbstbewusstem Charme ein ­„unmoralisches Songplay“ rund um die sieben Todsünden. Die Songs ­stammen von „Die Popette“ Betancor

Sieben sündige Lieder: Mereika Schulz, Mirjam Smejkal, Heidi Bruck, Rachel Rosen, Max Edgar Freitag (v.li.)

Die Sieben gilt als magische Zahl. Ihr wird ungeahnte Mystik zugesprochen. Das beginnt bereits bei der biblischen Genesis, in der Gott sich am siebenten Tage von der aufreibenden Welt­erschaffung ausruht, und endet in der Apokalypse, die die Zahlenmystik auf die Spitze treibt: sieben Siegel, sieben Posaunen, sieben Schalen des Zorns Gottes, das Lamm mit den sieben Hörnern und den sieben Augen, der siebenköpfige Antichrist.

Und nicht zuletzt die Sieben Todsünden, jene Charaktereigenschaften, für die man laut der Katholischen Kirche für alle Zeiten in der Hölle schmort: Hochmut, Gier, Wollust, Neid, Völlerei, Zorn und Trägheit.

Das Theater Thikwa widmet sich diesem Kanon und der Zahl Sieben in ihrem „unmoralischem Songplay“ mit erfrischender Ironie und selbstbewusstem Charme, schließlich sind in unserer eher säkularen westlichen Welt die Todsünden lässliche Laster geworden, sogar die Katholische Kirche hat die Hölle ja inzwischen offiziell abgeschafft.

Und so ist der Sündenkanon hier vor allem eine vergnüglich-musikalische Angelegenheit, der Susanne „Die Popette“ Betancor zu Texten der Thikwa-Performer die Lieder geschrieben hat, hübsch skurrile Songs zwischen Kunstlied, Kammerpop und Dada-Chanson.

Den Arbeitsprozess dahin legen Regisseurin Antje Siebers und ihre musikalische Leiterin Bärbel Schwarz gewissermaßen als Running Gag offen, indem sie ihre vergeblichen Versuche präsentieren, mittels ­Video-Botschaften der offenbar durch Umzug häufig verhinderten Betancor den Stand der Proben und Änderungswünsche einzelner Songpassagen mitzuteilen.
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Laune macht auch das Thikwa-Ensemble, das schon gleich zu Beginn mit dem Rezitat des pathetischen Karat-Songs „Über sieben Brücken musst Du gehn“ zeigt, dass dieser Abend eher läster- als lasterhaft wird. Denn dass diese Spieler, behindert oder nicht, ihre sieben Sinne beieinander haben, wird offensichtlich, derart lust- und spielfreudig stürzen sie sich ins subversive Zahlenspiel um ihre eigenen Leidenschaften und Laster. Und so wird ausgerechnet ein Hasslied auf Pferde zu einem Höhepunkt des Abends. Von wegen „manchmal wünsch ich mir mein Schaukelpferd zurück“, wie es so brav bei Karat heißt.

Die Kehrseite einer neoliberalen Welt, in der Habgier, Neid und Eigennutz längst zum Motor eines turbokapitalistischen Systems geworden sind, lässt die Inszenierung eher subtil durchschimmern, etwa wenn die „Geiz ist geil“-Mentalität hochgenommen wird. Doch der Abend will ja kein Buch mit sieben Siegeln sein sondern glänzend unterhalten – aber dabei durchaus ein wenig zur Besinnung darüber anregen, was moralische Werte heute im Einzelnen bedeuten könnten. Also durchaus ganz passend zur Weihnachtszeit. FRIEDHELM TEICKE

13.–16.12., 20 Uhr, Theater Thikwa, Fidicinstr. 40, Kreuzberg. Regie: Antje Siebers; mit Heidi Bruck, Max Edgar Freitag, Rachel Rosen, Stephan Sauerbier, Mereika Schulz, Bärbel Schwarz, Mirjam Smejkal. Eintritt 16, erm. 10 €

SIEBEN … aber manchmal auch der helle Schein – Ausschnitte. from theater thikwa on Vimeo.

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