Clubleben

Sieben Nächte wach

Die beste Party für jeden Wochentag – ein Selbstversuch

» Hallo Montag”, steht auf einem Leuchtschild über der DJ-Kanzel. Darunter wird ­eifrig ­getanzt. Von Tim zum Beispiel, 19, der hier seine Freilassung aus dem Gefängnis feiert. Oder Natalie, 32, die eben „mit einer Frau auf der Toilette rumgemacht und danach dreimal gekotzt“ hat, wie sie stolz erzählt. Berliner Partys sind voller Freaks. Und beide ­hören nie auf. Der hart gefeierte Montag ist erst der Anfang einer Woche, in der an jedem Tag Hunderte bis Tausende in den Clubs dieser Stadt tanzen. Berlin ist die Stadt, die nie schläft, heißt es. Wir haben uns das mal angeschaut. Und versucht, die beste Party für jeden Tag zu finden.

Die Auswahl ist gigantisch. 176 Berliner Veranstaltungen listet das Technopartyportal residentadvisor.net für die Woche unseres Tests. Wie soll man da rauskriegen, welche die besten sind?

Sieben Tage – viele Stempel Foto: F. Anthea Schaap

Zum Glück haben wir Kontakt zu einigen Partyexperten, die als Freischaffende, im Nachtleben oder gar nicht arbeiten und uns für jeden einzelnen Wochentag fundiert erprobte Empfehlungen geben können. Was beim Test dieser Tipps herauskam, könnt ihr hier lesen. Viel Spaß!


Montag

Vorglühen. Panda Pi, 21, stößt am frühen Abend dazu. Er kommt, auf ­Umwegen, mit zwei englischsprachigen Touristinnen aus dem Sisyphos. Um 11.30 Uhr ging dort die Musik aus. „Das Finish war richtig gut“, sagt er.

Panda Pi sei sein Künstlername. Er mache zwar ­keine Musik, oder sonst etwas Künstlerisches, „aber ­jeder kann einen Künstlernamen haben“, sagt er. ­Feiern, das heißt auch: Spiel mit Identitäten. Für eine Nacht sein können, wer man will, so verrückt sein, wie man will. Das normale Leben hinter sich lassen. Entsprechend wird sich beim Vorglühen aufgebrezelt: ­Einer schmeißt sich sein Disco-Glitzerjäckchen über, eine zieht sich aus und wickelt sich in ein Tuch, jemand wirft sich in ein Blümchen-Minikleid. Das Kleid bleibt am Ende doch zuhause, dafür legen sich alle noch eine Schnur mit Feuerzeug daran um den Hals und machen sich auf den Weg.

Rund um die Lohmühleninsel ist alles voller ­junger Menschen, die in die sechs Clubs dort ziehen. Männer in Jeans und T-Shirt, Frauen, die bauchfrei sind und schwarze Halsbänder tragen, Frauen wie Männer in ­weißen Markensportschuhen. Aus dem Club der Visionäre schallt fetter Bass. Vor der Tankstelle steht ein Drogenhändler, der Passanten Kokain und Ecstasy verkauft.
Wir gehen in die Ipse. Der Eintritt ist frei, für eine Technoparty heutzutage sehr ungewöhnlich, die meisten kosten 10 bis 20 Euro. Die Tanzfläche direkt am Flutgraben ist idyllisch von Baumkronen überwachsen, darunter prangt das „Hallo Montag“-Schild. Tim, 19, fragt, ob nicht jemand MDMA kaufen wolle. Er habe bis ­heute ein Jahr im Gefängnis gesessen, weil er mit einem ­halben Kilo Speed erwischt wurde.

Streit auf der Lohmühleninsel

Drogen sind auf dieser, wie auf allen anderen Tanzflächen dieses Tests, eine Selbstverständlichkeit. ­Ständig kommt jemand vorbei, der sie anbietet oder danach fragt. Regelmäßig sieht man Gruppen aufs Klo gehen, oder Menschen, denen die Drogenwirkung eindeutig anzusehen ist. Natürlich gibt es auch welche, die nüchtern feiern gehen, aber die meisten nehmen doch ­irgendetwas zu sich. Alkohol zumindest: 88 Prozent der Besucher von Berliner Technopartys haben in den ­letzten 30 Tagen getrunken. 62 Prozent haben ­Cannabis und rund 50 Prozent Speed und Ecstasy konsumiert, rund ein Drittel nahm auch Kokain und Ketamin, 12 Prozent waren auf LSD und 9 Prozent auf GHB oder GBL – so eine Studie des Senats, die im Februar veröffentlicht wurde.

Die Charité erforscht Ketamin

Politik und Polizei gehen mit dem Drogenkonsum ungewöhnlich entspannt um. Die rot-rot-grüne Regierung fährt einen akzeptierenden Ansatz, will die Mündigkeit fördern statt Nutzer zu verfolgen – und den Konsumenten sogar die Möglichkeit bereitstellen, ihre Drogen chemisch analysieren zu lassen. Die Polizei sieht für gewöhnlich von Razzien ab. Eine der letzten war vor 15 Jahren in einem Club namens ­Casino. Das Licht ging an, es kam eine Durchsage: „Hier spricht die Polizei, bleiben Sie stehen, das ist eine Razzia.“ 30 ­Sekunden später war der Boden voller Tütchen mit ­Drogen, die ­keinem Besitzer mehr zuzuordnen waren. Die Polizei musste ohne Verhaftung wieder gehen. 2017 gab es noch einmal eine Razzia im Yaam, aber nur, weil die Polizei dazu gezwungen war. Ein gerade verhafteter mutmaßlicher Cannabishändler hatte behauptet, seine Ware dort bezogen zu haben.

Tim scheint also zumindest für heute vor dem Gefängnis sicher zu sein. Er findet es „richtig geil“ hier. Natalie, die so aufgeregt von ihrem Abenteuer auf dem Klo berichtete, will noch mit einer Freundin weiter ins KitKat ziehen. Heute passt ihr Mann auf die drei Kinder auf und sie hat vor, ihre freie Zeit so richtig zu genießen.

Das Kitkat haben auch viele Experten empfohlen. Hier findet heute ein beinahe historischer Montags­rave statt. Die Veranstaltung namens „Electric Monday“ war einst im SO36 beheimatet und früher dafür berühmt, Menschen, die das Wochenende im Nachtleben arbeiten, eine Ausgehoption für ihren Feierabend zu bieten. Das Kitkat ist eine Kombination aus Techno- und Sexclub. Das gilt allerdings vor allem für die Samstagnacht, heute gibt es keinen Dresscode und es hat auch kaum jemand Sex. Aber dafür stehen viele halbnackt und schweißüberströmt auf der Tanzfläche. Und an mehreren Stellen stehen oder liegen Menschen, die sich zu dritt oder viert küssen.

Madi, Lilly und Anna, zwischen 23 und 26, haben bereits einen dreitägigen Partymarathon hinter sich. Die drei sind nur dafür von Australien nach Berlin gekommen, weil die Clubs hier so berühmt, so besonders seien. Die meisten der heutigen Gäste sind nur zum ­Feiern in der Stadt. Techno verbindet in Berlin inzwischen Nationen. Während viele Berliner denken, dass die Zeit der großen Freiheit vorbei sei, ist für die ­Gäste aus aller Welt deren Dimension immer noch beeindruckend. Rebecca. Nini, Ani und Tara, zwischen 18 und 19, sind aus Irland. Sie wollten etwas Verrücktes machen und hatten gehört, das Kitkat sei ein Sexclub. So etwas gäbe es bei ihnen nicht.

Raimund Reintjes von der Clubcommission, der ­Interessenvertretung der Berliner Clubs und Veranstalter, sagt: „Ohne die Touristen hätten wir nur halb so viele Clubs, das ist ja eine Bereicherung. Und weil es viel Publikum gibt, ist es auch für viele Künstler attraktiv, sich hier Stallgeruch zu holen. Wenn der Anteil an Touristen zu groß wird, wirkt sich das allerdings negativ auf die Partys aus. Da gibt es dann den Zooeffekt, wenn zu viele nur mal gucken wollen.“

So gegen 7 Uhr verlasse ich die Party im KitKat. Es war faszinierend, wie enthusiastisch Berlin am Montag feiern kann, mit Armen in der Luft und Freudenschreien über die Musik. Das Kitkat ist der klare Sieger für den ersten Tag.

Foto: F. Anthea Schaap

Dienstag

Nachmittags geht die Feierei wieder los. Der Club der Visionäre startet sein Dienstagsprogramm, getanzt wird ab 21 Uhr. Ich starte später, mit den gleichen Menschen wie gestern in den gleichen Club. Diesmal wird in der Ipse nur auf dem ­Indoor-Floor Musik gespielt. So leise, dass man sich ­direkt vor den Boxen ganz normal unterhalten kann. Ein Zugeständnis an die Forderungen der Anwohner.

Es ist relativ leer, vielleicht 50 raven vor dem DJ und 15 dahinter, aber die Musik begeistert sie wohl trotzdem sehr. Eine tanzt im Stringbadeanzug, einer dreht sich ganz verträumt, eine reicht eine Spektralbrille herum, die um jede Lichtquelle Herzchen zaubert. „So sieht unser Dienstag aus“, sagt die Besitzerin. Im Chillout-Bereich über der Tanzfläche hockt eine einzelne junge Frau und starrt leer vor sich hin. In den anderen Rückzugsecken, die rund um die Tanzfläche verteilt sind, sitzen kleine Gruppen und unterhalten sich. Über dem Eingang zu den Toiletten steht: „One place, one dream.“

Wir reisen weiter zur nächsten Teststation, zum Crack Bellmer, einer Bar auf dem RAW-Gelände, in der eigentlich jeden Tag getanzt wird. Wir kommen um 5.30 Uhr an. Drinnen läuft nur noch Plingelplangelmusik und niemand darf mehr rein. Das Personal will Feierabend machen. Die beste Party wird das so nicht. Aber es war sowieso unwahrscheinlich. Bars, die auch betanzt werden, gibt es in vielen Städten und auch in Berlin mehrfach.

Erst Crack, dann Suicide, heißt ein Sprichwort ­unter Partymenschen, sagen mir die Mitreisenden. Also ­folgen wir dem und ziehen weiter in den Suicide Circus. Eine Touristenattraktion, direkt an der Brücke auf der Warschauer Straße, beinah jeder Berlinbesucher kommt an dem Laden mal vorbei. „Ganz komisches Publikum, da hab ich sogar mal eine Schlägerei gesehen, das gibt es auf Partys sonst nicht“, sagt einer meiner Begleiter.

Unterwegs stoße wir auf eine Teledisko. Eine Telefon­zelle, in der man für 2 Euro einen Song lang ­raven kann. Die Zelle ist besetzt, aber die Musik dringt bis nach draußen, zwei Frauen und ein Mann tanzen ekstatisch dazu. Herrlich überengagiert. Wir betreten die Zelle und raven zu „Barbie Girl“ von Aqua. Dabei drücken wir Knöpfe, die eine Nebelmaschine, ein Stroboskop und Lichteffekte auslösen. So richtig Spaß macht es nicht, aber das liegt vielleicht auch an unserer ­Musikauswahl. Vor der Tür warten die Mittzwanziger, die vor uns drin waren. Sie sind aus Dänemark hergetrampt und haben noch eine Handvoll Kleingeld, für das sie noch einige Runden in der Teledisko zu drehen gedenken, bevor sie sich auf den Weg ins Hostel und dann nach Hause machen.

Um zum Suicide Circus zu kommen, müssen wir uns durch eine Wand aus Drogenhändlern drücken. Sie bieten uns aufdringlich Ecstasy, Kokain und ­Marihuana an. Im Club ist die Musik ausgegangen, es geht nur noch auf dem Open-Air-Floor weiter, auch hier kann man sich vor der Box unterhalten, wohl der hellhörigen Nachbarschaft zuliebe. Die Bedrohung durch die immer dichtere Bebauung, die Nutzungskonflikte in der enger werdenden Stadt, sind dem Party­leben anzumerken.

Um kurz nach 7 Uhr, die Tanzfläche draußen ist noch gut gefüllt, reisen wir schon wieder ab. „Der DJ hat sich echt allergrößte Mühe gegeben, uns loszuwerden“, sagt einer aus meiner Reisegruppe. Eine fügt hinzu: „Die Leute haben mir nicht gefallen. Voll der Männerüberschuss. Und den Frauen hat man angemerkt, dass sie schon zu oft angebaggert wurden.“ Für heute Abend war die Party im Suicide Circus dennoch die beste Option. Draußen tanzen ist einfach schöner und hier kann man das die ganze Nacht lang tun.

Foto: F. Anthea Schaap

Mittwoch

Den Mittwochmorgen verbringe ich auf einer privaten Afterhour. Ein Diskussionspunkt: Einige Clubs legen angeblich überdosierte Personen einfach vor die Tür, anstatt den Krankenwagen zu rufen. „Weil sie nicht mit Drogen in Verbindung gebracht werden wollen“, heißt es. Und: „Das ist doch Körperverletzung! Die leben davon, dass da Menschen Drogen nehmen, dann müssen sie sich auch um die kümmern.“

Und wo geht es heute abend hin? „Mittwoch ist in Berlin traditionell der schwierigste Ausgehtag“, sagt ein Experte. Im Suicide Circus wird heute wieder ­getanzt und im Crack Bellmer, beide haben gestern nicht wirklich überzeugt. Aber es gibt ja noch den Tresor. Seit den 90ern ist dessen Bonito House Club genannte Mittwochsveranstaltung die beste Wahl für diesen Wochentag. Eine Weile war das Publikum als besonders Brandenburg-lastig verrufen, doch laut Raimung Reintjes von der Clubcommission hat sich das geändert, seit die Veranstalter vor allem international unbekannte, aber ambitionierte Berliner DJs und damit auch deren Publikum buchen. Das Problem: Nach dem Schlafen bin ich megafertig. Ich kann nicht mehr. Der Bonito-Houseclub muss ungetestet weiterhin die beste Wahl für einen Mittwoch sein.

Foto: F. Anthea Schaap

Donnerstag

Heute gibt es zwei Optionen. Das Golden Gate, dessen Donnerstagsreihe fast ein Jahrzehnt die eine ­Partygarantie für den Wochentag war, und den Salon zur wilden ­Renate, der mit Bordel des Arts und House of the Red Doors inzwischen zwei sehr gute Donnerstagsveranstaltungen anbietet.

„Immer voll, immer gute Party und fantastisch heiße Menschen“, sagen mehrere Experten. Vor der Tür steht eine sehr lange Schlange, um die Ecke sitzt ein Händler für Partydrogen am Straßenrand. Der Club umfasst vier Tanzflächen auf zwei Stockwerken, ­Räume von ehemaligen Wohnungen. Abrisshauscharme, ­relativ eng, viele Rückzugsmöglichkeiten. Wenn der 17. Bauabschnitt der A100 kommt, ist es vorbei mit diesem Laden, doch durch den Planungsstopp des ­aktuellen Senats ist er zumindest für die nächsten drei Jahre gesichert.

Zum Club gehören auch ein Garten, in dem ­allerdings keine Musik läuft, und ein Backstagebereich. Ein neugewonnener Bekannter will uns da gerne reinbringen. Wir lehnen ab. Wir bleiben lieber da, wo alle tanzen können.

Der stampfende Beat treibt die Menge vorwärts wie eine große Maschine, die Hände schwirren mit den Höhen, die Füße marschieren mit dem Bass. Patrick 29, und David, 23, sind aus Österreich und zum Raven übers Wochenende hier. Sie sind schwer begeistert. „Mega geil“ sei es, sagt Patrick. „Ich habe noch nie eine so abgefuckte Party erlebt“, so David. Patrick antwortet: „In Berlin ist alles egal.“

Gegen 6 Uhr verlassen wir die Party, die noch bis Freitagabend 24 Uhr laufen wird, um auch noch das Golden Gate auszutesten. Der kleine Einraumclub unter der S-Bahn nahe Jannowitzbrücke ist wie jeden Donnerstag gerammelt voll. Mäßiges Tanzen geht ­gerade noch, sich durch die Menge durchbewegen fast nicht mehr.

Die Stimmung ist fantastisch, aber man muss Schweiß und Körperkontakt schon sehr mögen, um sich hier wohlzufühlen. Es gibt zwar auch einen Outdoorbereich, aber der ist auf einer Verkehrsinsel auf einer vierspurigen Straße gelegen, also wenig heimelig. Ich bin verwöhnt von der Weitläufigkeit und dem Abwechslungsreichtum der Renate. Klarer Sieger für den Donnerstag.

Foto: F. Anthea Schaap

Freitag

Inzwischen ist … wie bitte? Freitag? Das war die gefühlt kürzeste Werkwoche, die ich je erlebt habe. Dass sie in Wahrheit ziemlich ­lange war, merke ich daran, wie wenig Energie ich noch habe. ­Dabei geht es jetzt erst richtig los. Das Wochenende steht bereit. Die Experten allerdings geben auf. „Da kannst du eigentlich überall hingehen: ­Grießmühle, ­Sisyphos, Kater, Mensch Meier, about blank …“ Sie selbst feiern Freitag- und Samstagabend vor allem ­privat. Zu voll, zu beliebig seien die Clubs, ist die einhellige Meinung.

Anruf bei der Clubcommission: Was ist die beste Party für Freitag Abend? Raimund Reintjes empfiehlt angesichts des Lineups das Ritter Butzke. Der Club ­wurde einst von den Pyonen gegründet, die auch das Festival Nation of Gondwana organisieren, eines der ersten Technofestivals rund um Berlin. Einige Jahre war er als touristisch verschrien, doch 2018 stellen Touristen in den meisten Clubs sowieso einen Großteil der Gäste.

Ich treffe Raimund Reintjes um 0 Uhr vor dem Club. Werner Graf, der Vorsitzende der Berliner ­Grünen, kommt auch mit. Die Grünen haben wichtige Teile der Partypolitik des aktuellen Senats initiiert, darunter das Drugchecking, die Analyse von Substanzen, die Nutzer einreichen, und die noch in dieser Legislatur kommen soll, den Lärmschutzfonds und die stadtweite Suche nach Freiflächen für Open-Airs.

Die Clubkultur ist in der Berliner Politik inzwischen ein intensiv diskutiertes Thema, alle Parteien im Abgeordnetenhaus haben einen Zuständigen dafür. Meine beiden Mitfeiernden sollen mir erzählen, warum die Partys für Berlin so wichtig sind und ob es möglich ist, sie trotz steigenden Drucks auf dem Immobilienmarkt zu erhalten. Und auch: Warum der Staat ein Hobby ­unterstützt, das schon allein qua Lärm und Schlafent­zug gesundheitsschädlich ist.

Im Club sind zwei von vier Tanzflächen geöffnet. Der Ölfasslager genannte Hauptfloor und der Open-Air-Bereich. Handgemalte Schilder weisen die Wege dorthin, der Draußenfloor ist, seit der Eröffnung der Bar 25 im Jahr 2004 ein hochbeliebter Stil, aus rohen Brettern zusammengezimmert, ein großer Teil ist auch von Holz überdacht.

Wir setzen uns zum Reden nach draußen. Wenn man nach oben schaut, sieht man eine hohe Fassade mit einem Baugerüst davor. Auch hier wird saniert. ­Potenzielle Nutzungskonflikte nicht ausgeschlossen. Also: Wird Berlins Partyszene die Gentrifizierung überleben? Reintjes sagt: „Die Szene ist noch sehr lebendig, immer wieder entstehen neue Orte für elektronische Musik. Es gibt einen vitalen Untergrund aus einer ­neuen Generation von Machern. Aber es wird natürlich schwieriger. Die Clubkultur ist ein zartes Pflänzchen, das man nicht der Gewinnmaximierung unterwerfen darf.“

Und warum ist die Berliner Clubkultur der Politik so wichtig? Graf: „Die Berliner Clubs sind besonders, weil sie bunt und vielfältig sind und von der Liebe zum Feiern und zur Musik geprägt, weniger von dem Willen, Geld damit zu verdienen.“ Aber schon auch, weil sie ein wichtiger Wirtschaftsfaktor sind? „Ja.“

Aber diese Feierei ist doch ziemlich gesundheitsschädlich! Graf: „Man kann alles übertreiben. Und auf Partys den Kopf freizukriegen, kann auch gesundheitsfördernd sein. Berlin verbinden viele mit Freiheit, ­viele wollen die mit wilden Partys ausleben. Wir wollen, dass sie das geschützt tun und deshalb Drugchecking einführen.“ Reintjes: „Immer wieder kommt das Beispiel mit der Berghain-Toten, über die der ,Spiegelʻ berichtet hat. Im Fußballstadion sterben auch Menschen. Und die Technoszene ist auch nicht der einzige Ort, an dem Drogen konsumiert werden. Das gibt es sogar im ­Bundestag.“

Reintjes und Graf waren beide in ihrer Berlin-­Anfangsphase jedes Wochenende aus, Reintjes kam 1992 hierher, Graf 2002, inzwischen feiern sie nur noch ein bis zwei Mal im Monat (Reintjes) beziehungsweise drei Mal im Jahr (Graf).

Graf ist 37, Reintjes 50 Jahre alt, viele der heutigen Gäste sind nicht viel älter als 18. Techno vereint offensichtlich jung und alt. Reintjes sagt: „Techno vereint auch Menschen verschiedenster sozialer Milieus. Die Egalität gibt es immer noch, aber inzwischen ist sie oft abhängig von der Fähigkeit, 15 Euro Eintritt zahlen zu können.“

Zwei Frauen mit leuchtenden Hulahoop-Reifen ­eröffnen den Draußen-Floor, wir gehen drin tanzen. Im Ölfasslager läuft anfangs Schneckno – langsames ­Techno, ein relativ neuer Trend. Es ist die perfekte ­Musik für heute, Tag fünf meiner Reise durch die Berliner Clubs. Später läuft kein Schneckno mehr, „aber die Musik bleibt warm“, so Reintjes. Ich gehe noch vor Sonnenaufgang, Reintjes kurz nach mir, Graf bleibt noch bis um sieben Uhr.

Foto: F. Anthea Schaap

Sonnabend

Die besten Optionen sind vermutlich die, die von jetzt bis Montag durchgängig Programm machen. Kater Blau, Sisyphos, das sogar gestern schon angefangen hat, und Berghain. ­Ankunftszeit egal, es ist immer Party. Und weil die ­gefühlt unendlich ist, sind die Gäste auch nochmal extra entspannt. Es bleiben wenige wirklich drei Tage lang, aber es zu können, ist interessant. Es ist ein großer kultureller Freiraum. Eine Welt ohne Zeit, die man erstmal nicht mehr verlassen muss.

Fast alle für die Geschichte befragten Partygäste sind sich einig, dass die sicherste Option für eine richtig gute Party am Samstagabend selbst das Berghain ist. Gerade wenn man nur einmal für ein Wochenende zum Feiern herkommt, muss man dort eigentlich hingehen. Oder es zumindest probieren.

Die Tür des Berghain ist legendär hart. Im Internet gibt es die Seite Berghaintrainer.com, bei dem man mittels Gesichts- und Spracherkennung das Aufeinandertreffen mit den Türstehern simulieren kann. Eine App namens Istherealineatberghain verriet früher sogar, ob dort aktuell eine Schlange vor der Tür steht. Vermutlich nicht wenige der Anstehenden haben in Vorbereitung ihres Berlinbesuches stundenlang den Test absolviert und sich durch Technoforen geklickt, um ihre Chancen an der Tür zu erhöhen.

Die Gäste in der Berghain-Schlange sind alle, wirklich alle, in schwarz gekleidet, wie auf einer Beerdi­gung. Sie stehen ganz still und brav, viele scheinen voller Angst. Jetzt nur keine Aufmerksamkeit erregen und riskieren, dass Vorbereitung und Anstehen umsonst waren. In einer Gruppe Touristen, die gerade ­begonnen hat, fröhlich auf Englisch vor sich hinzuplappern, macht einer „Schhh.“ Langsam rücken wir der gefürchteten Entscheidung näher. Die Türsteher ­gucken verschlossen. Die englischsprachigen Jungs werden ­abgewiesen. Eine Begründung bekommen sie nicht. Bedröppelt ziehen sie ab. Die drei haben sich ­Monate auf das Event gefreut, jetzt ist ihr Traum geplatzt. Sie haben, so erzählen sie später am Telefon, andere Clubs abgecheckt, ob sie irgendwo erwünschter sind, und sind nach einem weiteren Fehlschlag im Sisyphos in der Griessmühle gelandet. Die Party sei nett gewesen, aber die zweifache Abweisung habe ihnen durchaus die Freude daran verdorben.

Hinter der Berghain-Tür sind die Wände schwarz ­gestrichen. In einer Kontrollschleuse werden die ­Taschen abgetastet, teils sogar Portemonnaies auf Drogen geprüft. Dann erweitert sich der Gang zur ­Halle mit Garderobe. Im Erdgeschoss gibt es seit letztem Jahr ­einen Floor namens Säule mit eher experimenteller Musik, die wahre Sehenswürdigkeit liegt eine ­breite Treppe weiter oben: Die „Kathedrale des Techno“, wie die Haupt-Tanzfläche oft genannt wird. Die Decke ist irre weit oben, die Musik brachial. Neben dem Dancefloor ist ein unbeleuchteter Durchgang. Immer wieder verschwinden Menschen in dem labyrinthartigen Darkroom, um dort Sex zu haben. Auch oben, in den Sitznischen der Panorama Bar, des zweiten, housigeren Floors, ist immer mal wieder jemand zugange. Es sorgt für absolut kein Aufsehen.

Neben dem Club gibt es auch einen Freibereich, aber der ist noch nicht offen. Das Berg­hain ist allerdings auch ohne Outdoor-Area weitläufig genug, so dass es leicht fällt, viele Stunden hier zu verbringen. Ich gehe gegen acht Uhr durchgeschwitzt nach ­Hause. Es war ein solides Rambazamba. Aufgrund der großen Einigkeit in der Umfrage teste ich für Samstagabend auch gar keine andere Option.

Foto: F. Anthea Schaap

Sonntag

Es ist der ­berlinerisch­ste aller Partytage. Dass heute einfach bis Montag durchgefeiert wird, als wäre der Samstagabend nicht schon lange vorbei, dafür ist diese Stadt berühmt. Laut Raimund Reintjes von der Clubcommission sind Berghain und Sisyphos am Sonntag „ganz weit vorn“. Das Berghain hatte ich schon und außerdem ist der Open-Air-Floor im Sisyphos deutlich attraktiver. Und ich will heute tagsüber draußen tanzen, wie sich das für einen Sommerpartysonntag gehört.

Also fahre ich nach kurzem Schlaf ins Sisyphos. Der Club ist ein gutes Stück außerhalb des S-Bahn-Rings, also erstaunlich weit draußen, dafür dass er so gut funktioniert. Als ich dort ankomme, windet sich die ­Schlange im Zickzack durch den Eingangsbereich und bis vor die Tür.

Ich bin sehr froh, dass ich über eine Freundin Privilegien für heute erhalten habe: Ich stehe auf der Gästeliste und darf mich in eine viel kürzere Extraschlange stellen. Am Einlass muss ich Aufkleber auf  Vor- und Rückkamera meines Telefons kleben. Fotografieren ist hier strikt verboten, wie in Berghain, Kater Blau, ­KitKat und Salon zur wilden Renate auch. Die Idee ­dahinter: Hier dürfen Dinge passieren, die draußen niemand ­sehen soll. Und es ist auch ein Statement gegen den Trend, sein Leben im Internet zu produzieren. Es heißt: Genießt den Moment, er lässt sich sowieso nicht festhalten!

Hinter dem Eingang des Sisyphos sieht man schon den Strand genannten Open-Air-Bereich. Ein ausgeklügeltes Boxensystem sorgt für tanzbare Lautstärke, fern der Boxen nimmt der Schalldruck jedoch schnell ab. Die Musik ist typisch Open-Air: Der DJ legt die sonnigen Hits auf, die auch tagsüber auf Festivals gespielt werden. In einem Teich direkt neben der Tanzfläche schwimmen Goldfische. Manchmal tanzt ein Gast im Wasser, die ­Fische scheinen unbeeindruckt davon. Auch diese Tanzfläche ist aus Holz konstruiert. In einer Art Baumhauslandschaft auf einem Hügel liegt der Chillout-­Bereich. Hinter der Tanzfläche steht ein abgesperrtes Hüttendorf, die Sisyphos-Macher wohnen dort. Über der Tanzfläche spannt sich der Himmel. Was selten ist. In der Ipse ist der Himmel von Bäumen verdeckt, im Suicide Club ist ein Fallschirm davorgespannt, im Ritter Butzke schaut man eine frischsanierte Fassade hoch.

Auf dem Weg zu den furchtbar riechenden Klos steht die Ruine eines Kleinbusses. Sie ist dichtgedrängt mit Feiernden besetzt, die sich alle auf einmal quer durch den ganzen Bus zu unterhalten scheinen. Von diesem Weg aus kommt man linkerhand in die Hammerhalle – berühmt dafür, dass man dort gut in der aggressiven, sehr lauten Musik versinken kann – und rechterhand in den Wintergarten, wo es heller ist, mehr gelächelt wird und die Musik irgendwas zwischen fröhlich und ziemlich durchgeknallt ist.

Unter den Experten gibt es, was den Sonntag betrifft, zwei Fraktionen. Die, die ins Sisyphos gehen, und die, die im Kater Blau feiern. Im Kater Blau, angeblich eine „bunte, schillernde Märchenwelt“, gäbe es neben dem Mainfloor namens Heinz Hopper und dem zweiten Floor Acidbogen auch einen hübschen Outdoorfloor. Die Chillmöglichkeiten seien fantastisch: Hängematten und Netze zwischen Booten. Doch der Floor namens ­Kiosk, angeblich „das Herz“ des Clubs und vor allem die einzige Option, in der man noch bis Dienstag feiern konnte, sei vor wenigen Wochen geschlossen worden. Nun sei im gesamten Club deutlich weniger los, er habe an Reiz verloren, sagen selbst die Kater-Freunde. Also bleibe ich bis zum Closing der Draußentanzfläche um etwa 22 Uhr im Sisyphos. Ist wirklich nett hier. Später höre ich, dass auch die Party im Kater richtig gut gewesen sein soll und ärgere mich, nicht mehr hingegangen zu sein. Die Partys im Kater und im Sisyphos ­laufen ­beide bis zum nächsten Mittag. Abends steht dann wieder „Hallo Montag“ über dem Ipse-Outdoorfloor. Und das Sieben-Nächte-Spiel könnte von vorne beginnen. So wie jede Woche in der Partyhauptstadt Berlin.

Foto: F. Anthea Schaap