Aus dem Allgäu in den Wahnsinn

Siegfried Langer

Im Thriller-Debüt „Vater, Mutter, Tod“ lässt Siegfried Langer in seiner Wahlheimat Berlin ermitteln

 

Siegfried Langer wurde 1966 im Allgäu geboren. 1996 zog er in die Hauptstadt und verdingte sich als Banker, Schauspieler und Autor. Heute lebt er in einer WG in Schöneberg. Seinem Romandebüt „Alles bleibt anders“ (2008) folgt jetzt „Vater, Mutter, Tod“. In diesem Psycho-Thriller mit Sogwirkung sieht sich Kommissar Manthey bei seinen Ermittlungen in Berlin und Umgebung mit allerhand menschlichen Abgründen konfrontiert.

Beschreiben Sie Berlin anders, als andere Autoren, die von hier kommen?
Als ich 1996 nach Berlin kam, war die Mauer bereits verschwunden. Für mich war also der Westteil genauso Neuland wie der Ostteil. Möglicherweise gehe ich deswegen mit dieser Stadt tatsächlich anders um als meine Kollegen, die mit der Mauer leben mussten.

Wie haben Sie sich als Zugezogener das Lebensgefühl und die typische Berliner Kiez-Mentalität erarbeitet?
Erarbeiten würde ich es nicht nennen. Da ich ursprünglich unfreiwillig nach Berlin kam und ohne Freundeskreis dastand, habe ich mich einfach ins Hauptstadtleben hineingestürzt. Ich bin sechs Mal umgezogen, mit offenen Augen und Ohren erlebt man da so einiges.

Ihr erfolgreiches Romandebüt war Science Fiction und erschien in einem Kleinverlag. Wieso jetzt der Genrewechsel?
Mein Herz schlägt sowohl für den Thriller als auch für die Science Fiction. Nach „Alles bleibt anders“ habe ich mich dann – ganz profan – für das Genre entschieden, für das es meines Erachtens das größere Lesepublikum im deutschsprachigen Raum gibt.

Egal ob im Allgäu oder in Ostfriesland – Krimis mit Lokalkolorit sind beliebter denn je. Liegt das nur daran, dass die morbide Faszination in der Nachbarschaft beginnt?
Ich glaube, es liegt am meisten daran, dass deutsche Verlage endlich den Mut haben, das Segment auch deutschen Autoren zuzutrauen. Dies sah vor zehn Jahren noch völlig anders aus.

Woher kommt dieses Vertrauen auf einmal?
Die stetig anwachsenden Ausgaben für Lizenzen aus USA, Großbritannien und Skandinavien ließen den Mut und das Vertrauen der deutschen Verleger wachsen. Gleichzeitig sind in den letzten Jahren Schranken in den Köpfen verschwunden, sowohl bei den Entscheidern in den Verlagen als auch bei den Lesern.

Vermutlich hoffen die Leser der Lokalkrimis sich selber oder ihre alltägliche Umgebung wiederzuentdecken?
Ja, sie genießen es, ihnen bekannte Orte in Romanen wieder und neu zu entdecken. Gleichfalls verschafft es ihnen ein wohliges Schaudern, dass das Verbrechen direkt in der Nachbarschaft wohnen könnte: in einer Berliner Mietskaserne, in einem Bauernhof im Allgäu oder zwischen den Dünen der Ostseeküste.

Berlin ist ja Deutschlands größte Provinzstadt, die gern eine Weltstadt wäre. Fließt diese Stimmung ins Buch ein?
Ich halte Berlin für keine Provinzstadt. Berlin ist pulsierend und inspirierend, zuweilen auch anarchisch und chaotisch. Berlin ist ein Mekka für Künstler und Architekten, eine Heimat für Andersdenkende, Abenteurer und Freaks. Und alle sind willkommen. Das einzig Beständige an unserer Hauptstadt ist ihre permanente Wandlung.

Gleich zu Beginn Ihres Romans kriegt ein kleiner Junge ein Brotmesser ab. Wie drastisch darf oder muss ein Thriller heutzutage sein?
Das ist in der Tat sehr schwer zu beantworten. Worüber der eine milde lächelt, darüber kräuseln sich beim nächsten bereits die Fußnägel. Ich selbst bin alles andere als zart besaitet und muss mich daher eher etwas beherrschen, um niemanden zu verschrecken.

Sind Klischees ein Problem für literarische Polizeiarbeit?
Im Vordergrund meines Romans stehen die Protagonistin und ihre Psyche. Die Polizeiarbeit ist in „Vater, Mutter, Tod“ zwar nicht nebensächlich, aber zumindest zweitrangig. Und ich glaube, dass es mir dabei gelungen ist, einen Kommissar zu schaffen, wie es ihn so noch nicht gab.

Wo entspannen Sie sich, wenn Sie nicht gerade schreiben?
Ich wohne am Nollendorfplatz, und da wimmelt es ja nur so von Kneipen und Restaurants, und da ich gerne esse und Weizenbier trinke … Im Moment fühlt es sich hier wieder an wie im Urlaub. Mit dem Fahrrad bin ich allerdings im Sommer auch viel unterwegs. Und im Fitnessstudio. Und beim Tanzen. Die Kalorien müssen dann ja leider auch wieder runter.

 

Siegfried Langer: „Vater, Mutter, Tod“. List, Berlin 2011. 327 Seiten, 8,99 Euro. Lesung am 15.10. um 20 Uhr in der Dorotheenstädtischen Buchhandlung

 

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