PARALELLWELTEN

Simulations-Experten

Die Gruppe Talking Straight ahmt gesellschaftliche Rituale nach. Die einjährige Residenz am Gorki endet mit einem „Life“-Labor ­

Im Superwahljahr 2017 erstellte Talking Straight im Gorki eine „Parteitags“-Matrix – Foto: Ute Langkafel / Maifoto

Text: Anna Opel

„Talking Straight“ heißt auf Deutsch ­„sagen, was Sache ist“. Der Name ist ironisch gemeint, denn das gleichnamige Künstlerinnen-Kollektiv macht das Gegenteil. In einer erfundenen „Fremdsprache“ unterwandert die Truppe soziale Realität. Die Bundeswehr simuliert Katastrophen, Talking Straight simu­liert die Utopie als Gegenmodell zur katastrophalen Realität.

Seit 2014 entwickelt die Gruppe in wechselnden Konstellation (derzeit: die Performerinnen Alicia Agustín, houaïda, Antje Prust, Ausstatterin Shahrzad Rahmani und Videokünstlerin ­Camille Lacadee) ­ihren ­immersiven Ansatz der „critical white­ness“. Statt mit Brachialkritik gehen sie mit feinem Sinn für die Absurditäten des Alltags ans Werk.

In subversiven Lectures, nachgestellten Parteitagen und Seminaren fragt die Truppe, was das sein soll: die Mitte der Gesellschaft? Kunst, Politik, Wissenschaft, Start-up-Szene – jeder Kosmos pflegt seinen sozialen Habitus, sein Abgrenzungs­ritual. Die Scheuklappen dieser Normen unter Mitwirkung des Publikums zu befragen ist „Kern des künstlerischen Schaffens von Talking Straight“, meint Antje Prust im Gespräch und erklärt die konsensorientierte Arbeitsweise: So lange reden, bis man sich ­einig geworden ist. „Das antipatriarchale Autorinnenkonzept ist genuiner Teil unseres Selbstverständnisses. Geniekult und Künstlerego brauchen wir nicht.“

Beim Stückemarkt des Theatertreffens 2016 performte Talking Straight in einem achtstündigen Marathon ein internationales Festival inklusive Grußwort, Aufführungen, Publikumsgesprächen und Preisverleihung. Fremdsprachenbedingt verstand man kein Wort, erhielt stattdessen Einblick in die eigenen Erwartungen. Inhalt und Sinn, ­Semantik, alles also, was ein Festivalpublikum erwartet, wurde kategorisch verweigert. Die gut geölten Gepflogenheiten des Betriebs traten umso deutlicher und ­witziger zutage. Für den freundlich durchtriebenen Kommentar zum Festivalgedöns wurde Talking Straight damals prompt mit dem Autorenpreis des Stückemarktes ausgezeichnet und hinterließ bleibenden Eindruck.

Seit April 2017 hat die Truppe nun am Studio Я des Maxim Gorki Theaters residiert. Die kontinuierliche Arbeitssitua­tion nutzte sie, um in verschiedenen Schritten das Wachstum eines multidisziplinären Konzerns zu simulieren, inklusive Gründungsmythos und Entstehung immer ­neuer Wirtschaftszweige und Unterabteilungen. Darauf angelegt, „sich bald selbst ad absurdum zu führen“, schließt Antje Prust.

In „Talking Straight will set us free“ simulierte das Performance-Kollektiv einen Staatsakt und verwandelte sich in eine Sicherheitsagentur, die bei Premieren des Gorkis für Irritationen sorgte. Das Superwahljahr 2017 kommentierte die Gruppe mit der Simulation eines Parteitags.

Mit „Life“ lagert das Kollektiv aktuell an den angesagten Ufern des Posthumanen. Die Erde und das popelige mensch­liche ­Leben vom großen Kosmos her gedacht. Am kommenden Wochenende kann sich das Publikum unter Anleitung von „Talking Straight Life“ in einem Parkours mit den Fragen von Endlichkeit und Lebensglück auseinandersetzen.

28.–30.6., 19 Uhr, Studio Я, Hinter dem Gießhaus 2, Mitte, von und mit Talking Straight, Eintritt 12, erm. 6 €