Berlin

Sinn finden.

Jeder sucht ihn, sie haben ihn gefunden: Diese Berliner wissen, was der Sinn des Lebens ist. Und die Sinnforscherin Tatjana Schnell erklärt, wie man dorthin kommt

Foto: Irina Ratskevich, photocase.de

Foto: Irina Ratskevich, photocase.de

Protokolle: Martin Schwarzbeck, Robin Thießen, Julia Lorenz, Stefan Tillmann

»Der Versuch einer Antwort«

Die empirische Sinnforscherin Tatjana Schnell über ihre Forschungsergebnisse zur ewigen Frage, wie man ein sinnerfülltes Leben führt

Tatjana Schnell ist Psychologie-Professorin an der Universität InnsbruckFoto: Wendy A. Hern

Tatjana Schnell ist Psychologie-Professorin an der Universität Innsbruck
Foto: Wendy A. Hern

Frau Schnell, was ist der Sinn des Lebens?
Sinnstiftung geschieht schon, wenn wir den Gegenstand vor uns als Tisch wahrnehmen. Wenn wir etwas einordnen können in etwas Übergeordnetes. Tisch hat einen Bedeutungsüberschuss gegenüber einer Platte auf Stangen, das impliziert sofort, was man damit machen kann. Und wenn man sagt, „Mein Leben hat einen Sinn“, dann ist das auch die Gewissheit: Aus einer übergeordneten Perspektive scheint mir das sinnvoll, was ich alles so tue. Sinnsuche ist der Versuch, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie will ich leben?

Und wie führt man ein sinnvolles Leben?
Wir können anhand unserer Forschungsergebnisse sagen, dass das individuelle Sinnempfinden davon abhängig ist, ob man sich für etwas einsetzt, das über die privaten Angelegenheiten hinausgeht, etwa für die Gesellschaft, die Natur oder eine höhere Macht. Wir nennen das Selbst-Transzendenz. Ein weiteres Merkmal, das sich in sinnerfüllten Leben oft zeigt, ist die Generativität: Das Weitergeben von etwas Bleibendem, wie biologischen Nachfahren, aber auch Erfahrungen, Wissen oder kulturellen Werten. Generell ist es wichtig, dass das eigene Handeln als bedeutsam erlebt wird, eine inhaltliche Ausrichtung hat, die im Einklang mit anderen Lebensbereichen steht, und dass man Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder irgendeinem größeren Ganzen erlebt. Und ganz wichtig: Sinn entsteht im aktiven Weltbezug. Wir müssen aktiv werden, um Sinnhaftigkeit zu erfahren.

In welchen Gruppen findet man besonders sinnerfüllte Menschen?
Für Fundamentalisten jeglicher Couleur wird die eigene Orientierung meist nicht in Frage gestellt, sie sind deshalb in der Regel emotional stabil und leiden seltener unter mangelndem Selbstwertgefühl. Die Zugehörigkeit ist sehr stark in diesen Gruppen. Solche Kontexte können sehr sinnstiftend sein. Aber prinzipell kann jeder Sinn erfahren, der sich aus Überzeugung einer Sache widmet und dabei das Gefühl hat, am richtigen Platz zu sein, etwas bewirken zu können – sei es in der Familie, der Schule, der Kunst, dem Ehrenamt, der Religion, der Wissenschaft.

Und typische Sinnsucher wie Yogis?
Wenn ich nur meditiere, um Stress abzubauen und wieder funktionsfähig zu werden, wird das nicht sinnstiftend sein. Wenn ich es aber nutze, um mir meiner selbst bewusst zu werden, zu verstehen, was ich tue und warum, dann kann das ganz andere Auswirkungen haben.

Macht es glücklich, wenn das Leben einen Sinn hat?
Man spürt vor allem, wenn dieser Sinn bröckelt und infrage gestellt wird. Das ist ähnlich wie Gesundheit: Erst wenn eine Krankheit auftritt, bekommt man ein Gefühl dafür, was Gesundheit bedeutet. Früher war das viel eindeutiger. Durch den Kontext, in den man hineingeboren wurde, war vieles vorgegeben: woran man glaubt, welchen Beruf man ergreifen kann, welche sozialen Kontakte möglich sind. Hielt man sich daran, so gab es meist keine großen Brüche im Lebenslauf, die die Sinnfrage aufkommen ließen. Heute ist das ganz anders. Wir können – wir müssen sogar – wählen: Schule, Ausbildung, Beruf, Beziehungen, Weltanschauung. Wir können die Sinnfrage auch ignorieren – und uns durch das Leben treiben lassen, gelenkt, beschleunigt oder gedämmt durch die Einflüsse der Konsumgesellschaft. Wer jedoch einen Sinn gefunden hat, der hat damit einen eigenen Weg entdeckt. Auf dem kann man gehen, rennen … und sich hinsetzen und den Augenblick genießen.

Interview: Robin Thießen

Mehr: www.sinnforschung.org und im Buch Tatjana Schnell „Psychologie des Lebenssinns“, Springer Verlag, 29,99 €


Religion

»Eine Schwäche für die Schwächsten«

Ute Gniewoß grenzte sich mit ihrer Berufswahl auch von ihren autoritären Eltern abFoto: F. Anthea Schaap

Ute Gniewoß grenzte sich mit ihrer Berufswahl auch von ihren autoritären Eltern ab
Foto: F. Anthea Schaap

Ute Gniewoß, 59, ist Pfarrerin in der Gemeinde Heilig-Kreuz-Passion in Kreuzberg

„Kunst oder Theologie: Als ich mein Studium begann, konnte ich mich nicht entscheiden. Lange hatte ich das Gefühl, Pfarrerin könne kein Erwerbsberuf sein. Es kann schließlich immer passieren, dass man seinen Glauben verliert – und dann? Am Ende habe ich doch gemerkt, dass ich die Theologie liebe, und es nie bereut. Seit meiner Jugend war die Kirche der Raum, in dem ich Befreiungserfahrungen machen konnte. Ich komme aus einer nichtreligiösen, sehr autoritären Familie, die den Nationalsozialismus nie aufgearbeitet hat. Damals mag ich noch nicht die Spache dafür gehabt haben, aber ich hatte schon immer eine Wut: eine Wut auf Ungerechtigkeit, oder aber, anders formuliert, eine große Liebe für Menschen, die von anderen missachtet werden. Für mich war stets klar, dass der Gott der Bibel eine Schwäche für die Schwächsten hat.

Es ist der Glaube daran, der meinem Leben Sinn gibt. Ob ich ein glücklicher Mensch bin, kann ich pauschal nicht beantworten; Glück ist für mich etwas Momenthaftes. Wenn ich mit den richtigen Menschen am richtigen Ort bin, dann sind das für mich Momente des Glücks – das kann in einem persönlichen Gespräch passieren oder eben im Gottesdienst, in der Natur oder auf einer Demo. Das Charmante an meinem Beruf ist ja, dass man ständig interessante Bekanntschaften macht. Überhaupt spielt die Gemeinschaft in der Kirche eine große Rolle für mich. Dass man jenseits der biologischen Familienverhältnisse echte Verbindungen und Beziehungen miteinander eingehen kann, erfüllt mich mit Vertrauen und Hoffnung.

Die Tatsache, dass ich als Frau diesen Beruf frei wählen konnte, von meiner Arbeit gut leben und in meinem Denken unabhängig sein kann: All das hat für mich sehr viel mit Selbstverwirklichung zu tun. Und das ist historisch – sowohl in der Kirche als auch in der deutschen Gesellschaft – noch recht neu. Dafür nehme ich auch in Kauf, dass das Privatleben manchmal hintenansteht. Wenn man Pfarrerin ist, durchdringt der Beruf alle Lebensbereiche. Das ist das Schwierige, aber auch das Tolle.“

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Lehre

»Das ist ein Riesenlob«

Thomas Bauer ist Lehrer geworden, weil er seine eigenen Lehrer früher so gut fandFoto: Eileen Bauer

Thomas Bauer ist Lehrer geworden, weil er seine eigenen Lehrer früher so gut fand
Foto: Eileen Bauer

Thomas Bauer, 32, unterrichtet an einem Gymnasium in Marzahn-Hellersdorf

„Die Arbeit mit Kindern macht mich glücklich und zufrieden. Wenn so eine Stunde gut gelaufen ist, ich Wissen und Kompetenzen lebendig vermitteln konnte und die Schüler nicht mitgemacht haben, weil sie müssen, sondern weil es ihnen Spaß macht, und wir vielleicht sogar noch eine hitzige Diskussion führen, dann gehe ich da mit einem großen Lächeln raus. Es ist auch immer wieder schön, wenn ich Schüler in Bezug auf ihre persönliche Lebensplanung beraten kann. Trotz der ganzen Dinge, die rund um das System Bildung nicht funktionieren. Die sind mir relativ bewusst.

Ich bin seit 2011 Lehrer. Meine Fächer sind Sport, Geographie und Politik. Ich engagiere mich in der Gewerkschaft und im Personalrat und bin stolz auf mein Standing im Kollegium und darauf, dass ich von den Schülern positive Rückmeldungen bekomme.  Vertrauenslehrer zu sein, ist ein Riesenlob.

Zu Hause am Schreibtisch zu sitzen und Klausuren zu kontrollieren, hebt meine Stimmung zum Beispiel nicht unbedingt. Die Prüfungen nehmen einen großen Teil meiner Zeit ein. Ich halte wenig davon und auch von Noten. Der Unterricht selbst ist mir viel wichtiger.“

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Kunst

»Das größte Vergnügen«

Mark Lammert stellt aktuell in der Galerie Pankow aus, mehr Infos: www.marklammert.deFoto: Galerie Pankow / Enkidu Leyendecker

Mark Lammert stellt aktuell in der Galerie Pankow aus, mehr Infos: www.marklammert.de
Foto: Galerie Pankow / Enkidu Leyendecker

Mark Lammert, 56, malt

„Mein Leben ist sinnvoll, weil ich tun kann, was ich möchte: malen. Das ist für mich eine Notwendigkeit wie Essen und Trinken. Ich schaffe es nur beim Malen, die Welt in mir zu strukturieren. Das heißt aber auch, ich habe eine Verantwortung: Die Welt nicht damit zu belästigen. Mit einem schlechten Bild zum Beispiel. Es geht auch um die kunstgeschichtliche Frage, was es in diesem Bereich schon gibt und was man noch glaubhaft malen kann angesichts der Bilderflut, der wir ausgesetzt sind. Es ist eine Last, die ich zu tragen habe, aber auch das größte Vergnügen, das ich kenne.

Meine Kunst muss bei mir etwas auslösen. Wenn ich merke, es hat für mich keine Wirkung, dann kann ich auch nicht erwarten, dass es auf irgendjemanden eine Wirkung hat. Um es banal zu sagen, wenn ein Blau mit einem Grau oder ein Rot mit einem Grün oder welche Farbkombination auch immer funktioniert, ist das schon erst einmal eine Wirkung. Ich arbeite ja hart an der Grenzlinie des Figürlichen und natürlich versucht man, da etwas zu machen, was nach vorne offen ist. Wenn man unerwartete Dinge zusammenmontiert, kann man Räume für Assoziationen öffnen. Natürlich gibt man da seine Verunsicherung genauso mit wie Skepsis und Zweifel. Das halte ich übrigens für politisch.

Ich habe das große Glück, dass ich bei gelegentlichen Ausflügen die Möglichkeit hatte, Räume fürs Theater zu machen. Dass ich die Möglichkeit habe, Malerei an der Universität der Künste auch zu lehren. Man könnte das als Zigarettenpause bezeichnen, eine Unterbrechung, die wohltun kann. Aber als Lehrender lernt man auch. Das macht Sinn.“

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Engagement

»Ich glaube an die Liebe«

Heike Witte hat gerade als Teil von "Pankow hilft" den Pankower Ehrenamtspreis verliehen bekommenFoto: Claudia Bühler

Heike Witte hat gerade als Teil von „Pankow hilft“ den Pankower Ehrenamtspreis verliehen bekommen
Foto: Claudia Bühler

Heike Witte, 40, hilft in einem Flüchtlingsheim und koordiniert die Helfer

„Vor der Wende habe ich in Hohenschönhausen gelebt. Da gab es keine Ausländer. Und als ich 2014 das erste Mal in das Flüchtlingsheim in einem ehemaligen Hotel in Weißensee kam, um Spenden abzugeben, fand ich es gewöhnungsbedürftig. Es roch ungewohnt, die Mentalität der Menschen war anders und so viel Elend habe ich noch nie gesehen. Mir war unbehaglich. Aber ich bin wiedergekommen und habe bei der Kleiderausgabe geholfen. Jeden Donnerstag. Pegida wuchs und ich wollte mich nicht nur dagegen positionieren, sondern was unternehmen. Ich habe eine Agentur für Eventservice, dadurch bin ich es gewohnt, mich auf unterschiedlichste Menschen einzustellen. Das hat mir geholfen. Anfangs musste ich mich mit Händen und Füßen verständigen, weil ich nur sehr wenig Englisch spreche. Ich habe zu den Bewohnern immer gesagt: „Hallo, Guten Tag, wie geht es dir?“ Nach einer Weile kamen sie auf mich zu und sagten: „Hallo, Guten Tag, wie geht es dir?“ Mit der Zeit sind die Gespräche immer länger geworden.

Hinter dem Hotel ist ein ehemaliger Biergarten. Ich hatte die Vision: Menschen könnten hier glücklich sein. Die Bewohner halfen mir bei der Arbeit. Und über eine Facebookgruppe, die ich gegründet habe, fanden sich auch Helfer von außerhalb. Für die Kleiderkammer, für Amts- und Arztbesuche oder eben den Garten. Der wurde zu einem Ort der Begegnung, wo Menschen sich die Hand reichen und miteinander etwas schaffen. Im Sommer haben fünf internationale Topmanager hier einen sozialen Tag absolviert. Die kamen in Lackschühchen und haben einen Sandkasten ausgehoben. Mit ihnen standen sieben Flüchtlinge und ein Dutzend Kinder in der Grube. Danach haben Bewohner und Helfer zusammen gegrillt, wie jede Woche. Hier hat sich was Zauberhaftes entwickelt durch diese Grillfeste, bei denen auch Politiker, Journalisten und Schauspieler waren und Leute sich in lockerer Atmosphäre kennenlernen konnten.

Heute hat „Mit Herz für Flüchtlinge“, die Facebookgruppe, die ich gegründet habe, 5.500 Mitglieder, die sich berlinweit engagieren. Es ist nicht immer leicht. Der Deutschunterricht, den ich gebe, ist ein ziemlicher Kraftakt. Aber ich wachse daran. Als ich 13 war, ist die Mauer gefallen und ich musste mich in ein neues System integrieren. Ich weiß, wie schwer das ist, und freue mich, wenn ich anderen dabei helfen kann. Ich glaube, für alles, was man gibt, bekommt man etwas zurück. Der Lohn für mein Engagement ist ein gutes Gewissen und ein erweiterter Horizont. Ich glaube nicht an Gott, ich glaube an die Liebe.“

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Familie

»Ein Moment der Verbundenheit«

Die beiden Autoren (Mitte) haben über ihr Familienleben gerade ein Buch geschrieben: "Stresst ihr noch oder liebt ihr schon?", Gütersloher Verlagshaus, 17,99 €Foto: Gene Glover

Die beiden Autoren (Mitte) haben über ihr Familienleben gerade ein Buch geschrieben: „Stresst ihr noch oder liebt ihr schon?“, Gütersloher Verlagshaus, 17,99 €
Foto: Gene Glover

Alexa Hennig von Lange, 43, und Marcus Jauer, 42, sind Eltern von insgesamt fünf Kindern

„Sinn erfüllt sich in dem Moment, indem man im Einklang mit dem Leben ist. Und in einer Familie ist das Leben definitiv oft extrem spürbar – zumindest in seiner absoluten Fülle und Unberechenbarkeit. Ständig passiert etwas, die Pläne ändern sich, ein Kind wird krank, ein Apfelsaftglas kippt um, jemand schreit – eben die ganze Bandbreite. Um da nicht durchzudrehen, geht es gar nicht anders, als genau darin den Sinn zu erkennen. Denn: Wir Eltern befinden uns ja bereits mitten drin. Unsere Kinder auch. Wenn wir mit unseren Kindern an der Supermarktkasse stehen, macht das Sinn. Wenn wir versuchen, ihnen abends die Zähne zu putzen, macht das Sinn. Auch, wenn daraus gerade nichts Handfestes entsteht. Aber wenn man es im turbulenten Miteinander tatsächlich schafft, sich und die anderen trotzdem noch wahrzunehmen, entsteht irgendwann dieser eine kostbare Moment, in dem alle in derselben Stimmung sind, ein enormer Moment der Verbundenheit – ohne dass man ihn vorher sucht oder darüber nachgedacht hat. Das ist der Sinn. Das ist das Leben.“

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Aktivismus

»Wir könnten alle Hungernden viermal ernähren«

Raphael Fellmer hat fünfeinhalb Jahre ohne Geld gelebtFoto: Martina Kohniva

Raphael Fellmer hat fünfeinhalb Jahre ohne Geld gelebt
Foto: Martina Kohniva

Raphael Fellmer, 33, rettet Lebensmittel

„2012 habe ich ,Foodsharing‘ mitgegründet, mittlerweile retten und verteilen 23.000 Ehrenamtliche bei 3.000 Betrieben überschüssige, aber noch verzehrbare Lebensmittel. Im Januar werde ich mit meinem Startup Sharecy einen Laden mit abgelaufenen oder ausrangierten Lebensmitteln eröffnen, die bei Großhändlern und Landwirten übrig bleiben, aber noch genießbar sind.

Ich glaube, dass jeder Mensch mindestens eine Berufung hat. Und wenn man das mit Feuer und Freude macht, inspiriert das andere Menschen. In Deutschland gibt es zahlreiche Organisationen, Tafeln und Firmen, die sich mit Herz für krummes, nicht so perfektes Gemüse einsetzen. Ich fühle mich sehr in eine Community eingebunden, wo alle ihr Bestes geben, um die Welt auch für zukünftige Generationen nachhaltig zu verändern. Unserer ökologischer Fußabdruck ist viel zu groß. Man sollte bei sich selbst anfangen, den zu reduzieren. Von dem, was weltweit an Essen weggeworfen wird, könnten vier Mal alle 800 Millionen Hungernden ernährt werden.

Ganz wichtig ist es, Mut zu haben, aus der Komfortzone und konditionierten Denkmustern zu treten, auch wenn es mit Unbequemlichkeiten verbunden sein mag. Ich wünsche mir, dass wir alle erkennen, was uns bewegt. Das klingt manchmal so leicht, aber ist damit verbunden, sich zu öffnen, – auch gegenüber dem Scheitern, weil ja nicht alles immer funktioniert. Es kann auch sehr gesund sein, wenn man sich entscheidet, einen Weg nicht weiterzugehen. Ich lebe nun nicht mehr im Geldstreik, ernähre mich aber weiterhin vegan und größtenteils von geretteten Lebensmitteln und arbeite immer noch viel unentgeltlich. Ich bin großer Verfechter des Grundeinkommens und glaube, dass es total schön wäre, wenn viel mehr Leute von der ewigen Hast nach dem Geld befreit wären. Das ist manchmal ganz schön limitierend.“

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Begleitung

»Ich mache das für mein Jenseits«

Hussam Khoder begleitet Menschen, die sterben - und ihre AngehörigenFoto: F. Anthea Schaap

Hussam Khoder begleitet Menschen, die sterben – und ihre Angehörigen
Foto: F. Anthea Schaap

Hussam Khoder, 45, ist der erste deutsch-arabische Sterbebegleiter Berlins

„Ich mache das seit zweieinhalb Jahren, ehrenamtlich, und bin sonst Laborassistent in Wilmersdorf. Zugleich bin ich stellvertretender Vorsitzender einer Moschee der Moscheengemeinde in Wedding. Dort bieten wir schon seit Längerem Krankenbesuche an. Ich habe einen 93-jährigen Opa, der an Alzheimer-Demenz und einer schweren Lungenerkrankung leidet. Den begleite ich schon seit mehreren Jahren. Für mich ist es nichts Besonderes, jemandem zu helfen, der krank ist. Denn ich bin Moslem und der Glaube schreibt mir das eigentlich sogar vor, zu helfen, wo ich kann.

Ich verwirkliche mich damit selbst, aber mache das sozusagen auch für mein Jenseits. Gute Taten werden mir eine große Hilfe sein, um ins Paradies zu kommen. Ich glaube ganz fest an diese Dinge. Wir kümmern uns teilweise auch um Angehörige. Unsere Aufgabe ist es auch, diejenigen zu entlasten, die sich sorgen. Eine nahestehende Person wie die Gattin oder den Gatten zu begleiten, kann ein 24-Stunden-Job am Krankenbett sein.

Man sollte Geduld, Vielfältigkeit und die Fähigkeit zum Zuhören mitbringen. Es ist für mich sogar ein Ausgleich für mein stressiges, anderes Leben. Wenn ich bei den kranken Menschen bin, komme ich richtig zur Ruhe. Jeder wird mal einen Menschen in irgendeiner Weise begleiten, seien es die Eltern, Großeltern oder Freunde. Es ist eine große Lebenserfahrung, auch durch die Eindrücke, die man für das eigene spätere Leben sammeln kann.“

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Wissenschaft

»Ich will Menschen retten«

Lutz Kloke spielt in seinem Labor nicht Gott. Dafür ist er viel zu bodenständig.Foto: Dirk Hasskarl, fotografie/hasskarl.de

Lutz Kloke spielt in seinem Labor nicht Gott. Dafür ist er viel zu bodenständig.
Foto: Dirk Hasskarl, fotografie/hasskarl.de

Lutz Kloke, 35, druckt Mini-Organe

„Ich habe im Rahmen meiner Doktorarbeit an der TU Berlin ein Startup namens Cellbricks gegründet, das sich mit Organdruck mit Hilfe von 3D-Druckern beschäftigt. Ich arbeite mit primären humanen Zellen und Zelllinien, zum Beispiel Leberzellen, der 3D-Drucker bringt sie mit einer Art natürlicher Druckertinte in Form. Bisher drucke ich nur Mini-Organe, die zum Beispiel Tierversuche ersetzen könnten und die Arzneimittelentwicklung günstiger machen. Ich träume davon, ein Organ herzustellen, das transplantiert werden kann und so einen Menschen rettet. Das ist die übergeordnete Vision, die alles antreibt. Aber das dauert noch zehn bis 20 Jahre, bis die Entwicklung soweit ist. Vorher drucken wir vermutlich Haut oder Knorpel. Sachen die nicht unbedingt lebensverlängernd sind, aber trotzdem Menschen heilen. Das wäre schon richtig super.

Die Arbeit ist extrem knifflig, nicht sonderlich gut bezahlt, und trotzdem ist es ein wahnsinnig tolles Gefühl, sowas machen zu können. Ich bin ein bodenständiger Ostwestfale. Darum würde ich niemals sagen, dass ich Gott spiele. Die Vorstellung der Menschen hat oft etwas Frankensteinartiges, im Hintergrund zucken die Blitze, ich sitze in meinem dunklen Kellerverlies und spiele wild lachend auf der Orgel. Aber im Vergleich zur Natur ist das, was ich tue, wie mit Legosteinen bauen. Man kann ein paar Millionen Jahre Evolution nicht einfach aushebeln, nur weil es eine tolle neue Technologie gibt. So einfach lässt sich die Natur nicht austricksen. Man braucht viel Durchhaltevermögen und ein tolles Team.“

8-rating-kloke

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