PORTRÄT

Sprachliche Wu(ch)t

Die israelische Theaterautorin Sivan Ben Yishai schreibt in ihren neuem Stück gegen stereotype ­Frauenbilder an. Jetzt hat „Papa liebt Dich“ am Gorki Premiere

Seit fünf Jahren in Berlin: Sivan Ben Yishai – Foto: Arno Declair

Text: Anna Opel

Konfrontation ist ihre Spezialität. ­Zuletzt hat die israelische Dramatikerin Sivan Ben Yishai ein „übersetztes Klagelied mit furchtbarem Akzent“ sowie eine Dankesrede für die Bühne geschrieben. In ihrem kraftvollen Lamento „Your Very Own ­Double Crisis Club“, präsentiert im DT bei den Autoren­theatertagen 2017, spricht sie davon, was Gewalt einer Stadt antun kann und sucht nach der geeigneten Form, von totaler Zerstörung zu erzählen.

Zur Eröffnung der ­Radikalen Jüdischen Kulturtage im November am Gorki Theater inszenierte Sasha ­Marianna Salzmann Ben Yishais ­„Geschichte vom Leben und Sterben des neuen Juppi Ja Jey Juden“, eine Polemik über die Kulturförderung mit ihrer zynischen Darling-Politik.

Grundsätzlich verweigert die israelische Künstlerin, die in Tel Aviv und Jerusalem Theaterregie und Szenisches Schreiben studiert hat, die schlichten, krassen Storys – oder auch den Dank. Verweigert einfach alles, was ihr als Attribut übergestülpt wird. Sie schreibt ihre Stücke nicht in ihrer Muttersprache Hebräisch, sondern auf Englisch, umgeht vertraute Gefilde, um auch sprachlich einen Perspektivwechsel zu provozieren.

Beim Gespräch in einem Café in ­Mitte kündigt die 40-Jährige an, dass sie ab dem kommenden Jahr Interviews auf Deutsch führen werde. Seit fünf Jahren lebt sie in ­Berlin, ­versteht und spricht die Sprache, streut gern Begriffe ein, formuliert aber, wenn es auf ­Präzision ankommt, auf Englisch.

Mit klugen Worten erklärt Ben Yishai, die zugleich selbstbewusst und nachdenklich auftritt, ihre Aversionen gegen die ­Instrumentalisierung zum ewig Anderen, zur Vorzeigemigrantin: „Ich bekomme einen Platz in der Gesellschaft, wenn ich den ­Erwartungen entspreche, das ist ein Tauschgeschäft und genau darüber rede ich.“ Von ihrer Weigerung, auch als Frau ständig in die Rolle „des Anderen“ gedrängt zu werden, und von einem Utopia, in dem Frauen nicht die mangelhafte Variante der Norm, sondern frei und selbstbewusst sind, handelt ihr neues Werk „Papa liebt dich“. Mit ­einem starken fünfköpfigen Frauen­ensemble wird es in Suna Gürlers ­Regie im Maxim Gorki Theater zur Premiere kommen.

Kampf der Frauen als Generationenporträt: Stella Hilb, Vidina Popov – Foto: Esra Rotthoff

Zwar gehört das Stück thematisch in Ben Yishais Tetralogie „Let The Blood Come Out“, der Ton ist aber nachdenklicher als in den früheren Texten. Geschrieben als Auftragswerk des Gorki Theaters schieben sich in „Papa liebt Dich“ die Assoziationen ineinander: Ein Zug fährt durch die Nacht, darin neun „Queens“ in grauen Kostümen nebeneinander auf eine Bank gequetscht. In diesen Anblick vertieft, erinnert sich die ­Betrachterin, wie sie als Tochter zwischen den Eltern steht, dem selbstgewissen ­Vater und der vom Leben zerfetzten Mutter, ­einem schmallippigen Chamäleon.

Perspektivwechsel im Zug

Den Verbindungen zwischen Geschichte, Politik und Biografie beizukommen, das ­betrachte sie als ihre Arbeit, erklärt Ben ­Yishai: „Das Setting ist der Zug. Dann kommt die Vergangenheit dazu, das kollektive Bewusstsein des Zweiten Weltkriegs, das mich mit dem deutschen Publikum verbindet, auch wenn wir aus unterschiedlichen Perspektiven darauf schauen.“

Das Bild der geliebten, gedemütigten Mutter überblendet die Eindrücke, die ein kleines Mädchen beim Betrachten eines Fotos aus dem Zweiten Weltkrieg hat: nackte Frauen mit erhobenen Armen vor ihrer Erschießung. Die MeToo-Debatte war längst im vollen ­Gange, als Ben Yishai den Text schrieb.

Auf die Frage, woran sie gerade ­arbeite, holt sie einen vollgekritzelten Block aus der Tasche. „Krieg im Frieden“ heißt ein von der Robert-Bosch-Stiftung gefördertes Projekt. Das Gorki, das Neue Institut für Dramatisches Schreiben und das ­Literarische Colloquium Berlin haben DramatikerInnen aus Deutschland, der Türkei, Israel und der ­Ukraine eingeladen darüber zu schreiben, für wen der Frieden in ihren Ländern Krieg bedeutet. ­Sivan Ben Yishai, die bewusst Heimatlose, schreibt über ­Israel. 

16.–18.2., 6.+7.3., 20.30 Uhr, Maxim Gorki Theat­er, Studio Я, Hinter dem Gießhaus 2, ­Mitte. Regie: Suna Gürler, Text: Sivan Ben Yishai; mit Vernesa Berbo, Stella Hilb, Vidina Popov, Elena Schmidt, Linda Vaher. Eintritt 16, erm. 8 €

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