Musik

Sophie Hunger: »Lieber ins Berghain als rumfliegen«

Die Musikerin Sophie Hunger, Schweizer Weltstar im Berliner Exil, ist mit ihrem neuen, überraschend elektronischen Album endgültig in ihrer Wahlheimat heimisch geworden. Ein Gespräch über die Faszination Berghain, gute Erziehung, Raum für Erschöpfung und Berlin als Fluchtpunkt vor dem Neoliberalismus

Ist das Ihre Berliner Platte?
Zum Teil. Sicherlich ist der Sound von Berlin beeinflusst, aber aufgenommen habe ich das Album ja in London.

Vor vier Jahren kamen Sie aus Zürich nach Berlin – das ist deutlich zu hören, so elektronisch war Ihre Musik noch nie.
Ja, das hätte ich auch nicht gedacht, bevor ich hierher gezogen bin: Elektronische Musik ist die Realität dieser Stadt. Sie dominiert alles. Das ist wirklich krass. Im Gegensatz dazu ist eine Band-Kultur mit Live-Clubs, in denen man regelmäßig auftreten und als Band auch davon leben kann, quasi nicht vorhanden. Oder ich habe sie noch nicht entdeckt. Ich will das auch gar nicht werten, aber sogar in Zürich, obwohl das kleiner ist als Neukölln, konnten ein paar Bands von Live-Auftritten leben.

Sophie Hunger
Sophie Hunger
Foto: Marikel Lahana

Sind Sie überrascht, wie sehr Sie sich durch den Umzug musikalisch verändern haben?
Nein. Berlin hat nun mal diese klare Schlagseite. In Paris, wo ich ja auch noch ein Zimmer habe, gibt es auch eine große elektronische Musik-Szene, aber die steht neben dem Variete, der Rockmusik und anderem. Hier kommt man an der elektronischen Musik nicht vorbei, wenn man ausgeht. Aber eigentlich hatte ich mich ja schon mit „Supermoon“…

Ihr letztes Album von 2015.
… vom klassischen Folk verabschiedet. Ich war ein wenig müde von der Singer/Songwriter-Sache, ich war auf der Suche nach etwas Neuem. Aber da fehlte mir noch das Handwerkszeug in der elektronischen Musik, die Kenntnisse in Software und Aufnahmetechnik. Das habe ich bei einem Kurs in Los Angeles gelernt – und als ich zurück nach Berlin kam, konnte ich plötzlich aufnehmen, was ich alles gehört hatte in der Stadt. Zeitgleich bin ich in einen Clique reingeschlittert, die viel elektronische Musik gehört hat und zum Tanzen aus ging.

Gehen Sie oft aus?
Ja, die ganze Zeit. Ich drehe durch bei gewissen Berliner Theaterstücken und Schauspielern, aber ich gehe auch viel zu viel essen mit meinen Freunden und ich lungere gern in Clubs rum.

Auch im Berghain?
Ja.

Wie war der erste Besuch im Berghain? Ein Erweckungserlebnis wie für viele andere?
Tatsächlich war es so: Okay, alle gehen da hin, da muss ich wohl auch mal hingehen. In meiner kleinen Arroganz dachte ich aber: Ich war ja nun schon mal in einem Club, was soll da jetzt so toll anders sein? Aber ich muss zugeben, dass ich so etwas noch nie gesehen hatte. Schon der Klang der Haupthalle, das fühlt sich an wie ein weiches Bersten. Am meisten berührte mich aber die Kultur im Club, und damit meine ich nicht irgendwelche sensationellen sexuellen Beobachtungen. Diese Masse an Menschen, die auf engstem Raum, zum Teil unbekleidet, aufeinander kleben, alle trinken aus Gläsern, nicht alle nüchtern – aber es gibt keine Scherben, keine Aggression, keine Hierarchie. Es hatte für mich was von royaler Höflichkeit. Wenn ich von jemandem versehentlich berührt wurde, kam sofort eine Entschuldigung oder ein Augenkontakt. Wenn sich im Flugzeug nur die Hälfte der Leute so benehmen würden, man müsste annehmen die Welt wäre noch zu retten.

Stimmt, in Flugzeugen geht es sehr rücksichtslos zu.
Ich verstehe das auch nicht, warum Menschen in dem Moment, da sie ein Flugzeug betreten, ihre ganze Scham und Erziehung verlieren. Darum: Lieber ins Berghain als rumfliegen. Das Berghain ist eigentlich eine gelebte Utopie. Wer glaubt, dass die Menschen Regeln brauchen, damit sie sich nicht gegenseitig umbringen, der muss nur mal ins Berghain und sehen, mit welchem Respekt dort die Menschen miteinander umgehen, obwohl es keine Regeln gibt.

Auf dem neuen Album singen Sie im Song „Electropolis“: „In Deinen Sünden Trost zu finden/ Berlin, Du deutsches Zauberwort“. Ist das die Befreiung, von der Sie sprechen? Dass man in einem Club wie dem Berghain zusehen kann, wie andere jene Sünden begehen, die man sich vielleicht selber gar nicht traut?
Das ist eine schöne Interpretation. Ich hätte es nicht in diese Worte gefasst, aber das steckt da sicher auch drin. Ich habe das so empfunden: Berlin ist eine Stadt, in der man in Ruhe scheitern darf. Darin liegt natürlich ein großer Trost. Im Ultrakapitalismus muss man immer mehr leisten, immer effizienter sein, davon sind wir doch alle müde, oder? Ich erlebe Berlin als einen ein Ort, der dieser Erschöpfung Raum gibt – und dazu gehört auch der Exzess, der Ausbruch aus dem Turbokapitalismus. Dass man sich hier nicht fühlen muss wie ein Versager, obwohl man an diesem Wirtschaftsmodell versagt hat, das ist sehr tröstlich.

Sie allerdings sind als Pop-Star ganz gut angekommen im Kapitalismus.
Aber auch was das Musikgeschäft betrifft, ist Berlin anders. Wenn man in London mit anderen Musikern unterwegs ist, dann geht es immer darum, bei welchen Projekten die gerade spielen. Die kommen immer gerade aus dem Studio, von einer Probe, und da geht es auch immer wirklich um Geld, da werden Tickets und Platten verkauft. In Berlin ist das ganz anders: Da trifft man Musiker eher beim Fußballspielen im Park. Hier ist es eher peinlich, jemanden zu fragen: Hey, was hast Du denn heute gemacht? Wer in Paris oder London viel arbeitet, wer gerade von der Session kommt, bei der berühmten Band mitspielt und gestern Abend bei der Jools-Holland-Show im Fernsehen war, der ist ein guter Musiker. In Berlin funktioniert dieses Belohnungssystem irgendwie nicht.

Berlin als Fluchtpunkt vor dem Neoliberalismus?
Ein bisschen empfinde ich das so. Das Berlin, das ich erlebe, ist aber nicht nur Verweigerung, nicht nur Kapitulation, sondern auch ein Gegenentwurf. In der Clubkultur, in dem, was zum Beispiel die Volksbühne unter Castorf versucht hat, da steckt für mich nicht nur Ablehnung drin, sondern auch der Versuch, etwas Eigenes zu schaffen. Ein Leben sich auszudenken, dass das wahre Leben übertrifft. Und genau da will ich auch zuhause sein.

Aber ist das nicht vorbei? Castorf ist weg, Berlin wird immer teurer…
Ja, aber wenn man da draußen jemandem erzählt, dass man aus Berlin kommt, bekommen immer noch alle dieses spezielle Leuchten in den Augen. Und das hat in den vergangenen zwei Jahren sogar noch zugenommen, ist mein bescheidener Eindruck. Alle sagen zu mir: I love Berlin!

Hier ist ja eher der Kater ausgebrochen…
Ja, aber die Details, die Gentrifizierung, die steigenden Preise, das alles ist im Ausland noch nicht angekommen. Die Faszination gibt es immer noch. Alle vertrauen noch auf Berlin als Bollwerk für einen anderen Lebensentwurf. Klar, das Monetäre ist das eine: Aber es geht ja vor allem um eine Haltung. Und das freigeistige, das anarchistische Berlin, das spüre ich schon noch in der Stadt, dieses Feuer brennt noch.

Sehr Berlin ist auch die Idee, unbedingt eine Bar zu eröffnen, wie Sie sie im Song „I’ve Opened a Bar“ entwerfen.
Ja, das ist sehr Berlinerisch. Ich habe keine Ahnung, wie man eine Bar führt, aber meine Bar wäre natürlich die beste Bar der Welt.

Was fasziniert Sie so sehr am Konzept Bar?
Eine Bar ist für mich wie eine Kirche, in der alle zusammen kommen, um sich ihrer Schuld zu entledigen. Man verbringt in Berlin schon sehr viel Zeit in Bars. In Zürich würde man eher an den See oder auf den Berg gehen, um sich zu treffen. Aber Bars sind besser, Bars sind die Lösung aller Probleme. (lacht)

Wann eröffnen Sie denn Ihre Berliner Bar?
Ich habe sechs Jahre in der Gastronomie gejobbt. Das ist ein Knochenjob. Ich werde nie eine Bar aufmachen. Nur in der Fantasie.

Live: Sa 15.9., 20 Uhr, Kesselhaus, So 16.9., 20 Uhr, Festsaal Kreuzberg, Mo 17.9., 20 Uhr, Heimathafen Neukölln, Di 18.9., 20 Uhr, Columbia Theater, Mi 19.9., 20 Uhr, Kantine am Berghain.

Sophie Hunger Live in Berlin: