Letzte Hoffnung

„SOS Mediterranée“ und „Sea-Watch“ agieren auch von Berlin aus

Seenotretter auf dem Mittelmeer riskieren Kopf und Kragen, um Geflüchtete vor dem Ertrinken zu retten. Ihre Extrem-Arbeit droht ins Vergessen zu geraten. Ein Hausbesuch bei den Idealisten von „SOS Mediterranée“ und „Sea-Watch“ – die auch von Berlin aus agierenManchmal singen sie sogar. Männer, Frauen, Kinder. Sie singen vor Erleichterung und Erschöpfung. Wenn sie aus ihren Schlauchbooten klettern, erschöpft und erleichtert. Wenn das Rettungsschiff Aquarius sie an Bord nimmt. Wenn sie endlich in Sicherheit sind. Geflüchtete vor der Küste Libyens, im Mittelmeer.

Vor allem aber fließen Tränen. Bei Geretteten und Rettern gleichermaßen. Sie weinen und sie lachen. So erzählt es Hanna Krebs. Dann zeigt sie ein Video auf ihrem Handy: afrikanische Frauen, die einen Choral anstimmen. Hanna Krebs ist Pressesprecherin der Hilfsorganisation „SOS Mediterranée“. Die 31-Jährige hat Rettungseinsätze an Bord der Aquarius miterlebt, einmal sogar die Geburt eines Babys. Seit sie zurück in Berlin ist, in der Geschäftsstelle von „SOS Mediterranée“ im Sudhaus Neukölln, geht es ihr darum, solche Einsätze überhaupt erst möglich zu machen.

Unterstützung der Rettungsaktionen im Mittelmeer: #Seebrücke-Demonstration in Berlin
Foto: Christian Ditsch / Christian-Ditsch.de / Imago

Während alle darüber diskutieren, ob Hans-Georg Maaßen im Innenministerium tragbarer ist als an der Spitze des Verfassungsschutzes, geht das Sterben im Mittelmeer weiter. Nach Aussage der Seenot-Retter sind Anfang des Monats wieder hundert Flüchtlinge ertrunken. Die nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) werden kriminalisiert, man wirft ihnen vor, dass sich die Menschen überhaupt erst auf den gefährlichen Weg über das Meer machen würden, weil die Rettungsschiffe dort kreuzen. Rechte springen nur allzu gerne auf diesen Zug. Fast täglich erreichen „Sea-Watch“ in seiner Zentrale am Prenzlauer Berg Drohungen. Per Mail oder auch per Postkarte. „Ihr seid Kriminelle“ oder „Angela Merkel, Königin der Schlepper“ steht auf ihnen. Manchmal werden die Drohungen aber auch sehr viel deutlicher. Die Mitarbeiter wollten schon eine Morddrohung des Monats prämieren. Die bösen Postkarten baumeln als makabres Mobile von der Decke.

Seit Italien und Malta die Häfen blockieren, spitzt sich die Lage für die Flüchtlinge zu, ist Hanna Krebs überzeugt. „Obwohl in den letzten Wochen kein Rettungsschiff vor der libyschen Küste unterwegs war, fliehen die Menschen nach wie vor über das Meer.“ Studien vom UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, bestätigen diese Entwicklung.

Für Seenotrettung als Menschenrecht demonstrieren Zehntausende in Berlin und anderen deutschen Großstädten bei den lose aufeinanderfolgenden „Seebrücke“-Kundgebungen – zuletzt Anfang September. Dort bieten Rettungswesten für Kinder als Demo-Bestandteil einen erschütternden Anblick, umso mehr, wenn man weiß, dass diese oft nicht zum Einsatz kommen, weil die Rettung verhindert wird. Schweigen breitete sich bei der letzten „Seebrücke“ in Berlin aus, als eine Medizinerin von „Ärzte ohne Grenzen“ sehr sachlich den Vorgang des Ertrinkens beschrieb.

Eine der wichtigsten Aufgaben der Seenotrettung wird von Berlin aus gesteuert – das Fundraising, erzählt „SOS Mediterranée“-Pressesprecherin Hanna Krebs. Die NGO funktioniert nur mit Spenden. „Jeder Euro zählt“, sagt Hanna Krebs. Gegründet wurde die Organisation 2015 vom deutschen Kapitän Klaus Vogel und der französischen Menschenrechtsaktivistin Sophie Beau. Das Gespräch mit ZITTY findet in der „Bräustube“ im Sudhaus Neukölln statt, in alpenländischem Interieur mit hölzernen Tischen und Eckbänken. Hanna Krebs, eine zierliche Brünette mit großen braunen Augen und einem gewinnenden Lächeln koordinierte an Bord der Aquarius die Arbeit mit der Presse. Der Alltag auf dem Schiff sei straff durchorganisiert, jedem komme eine konkrete Aufgabe zu. „Sogar die Journalisten halfen mit, die Flüchtlinge mit Essen zu versorgen. Man wird einfach zu einer großen Familie, weil man sich ja so im Inneren einer Seifenblase befindet.“

„Das geht nicht ohne Tränen“

Wichtigste Frage an Bord: ob Boote mit Flüchtlingen unterwegs sind. Es wird darüber gesprochen, welche anderen NGOs in den Gewässern unterwegs sind und wer am nächsten dran ist an den Schlauchbooten. Dabei kommt es zu dramatischen Situationen: „Wir näherten uns einem Schlauchboot, das sich plötzlich wieder entfernte. Die Menschen dachten, wir seien von der libyschen Küstenwache und wollten ihnen das Boot kaputt fahren.“ Die Erleichterung, als die Flüchtlinge merkten, dass es sich wirklich um die Aquarius handelte, sei unbeschreiblich gewesen. Auf die erlösende Freude, gerettet worden zu sein, folge eine „riesengroße Erschöpfung“, erzählt Hanna Krebs. „Die Menschen schlafen einfach ein.“
Im August irrte die Aquarius tagelang übers Mittelmeer, weil kein Land dem Schiff eine Anlege-Erlaubnis geben wollte – ehe sie auf Malta einlaufen durfte. Die Aquarius ist 77 Meter lang und hat Kapazitäten für 550 Menschen. „Aber es gab auch schon Notfälle, bei denen wir 1.000 Menschen mit an Bord hatten.“ Zur Besatzung gehören neben dem Team von „SOS Mediterranée“ Seeleute der Bremer Reederei Jasmund Shipping, Mediziner und Journalisten. An Bord befindet sich eine Notfallklinik. 11.000 Euro pro Tag kostet die Aquarius an einem Tag auf See.

Weiterhin am Auslaufen gehindert wird auf Malta die Sea-Watch 3, berichtet Ruben Neugebauer, Aktivist, Rettungsflieger und Mitbegründer der Organisation „Sea-Watch“ mit Sitz in Berlin. „Und zwar ohne Rechtsgrundlage. Es wurden keine technischen Voraussetzungen genannt, weshalb wir nicht auslaufen dürften und die Niederlande haben die korrekte Registrierung unseres Schiffs bestätigt.“ Weil die Rettung von Menschen in Seenot verhindert wird, sei das Mittelmeer zum „rechtsfreien Raum“ geworden. Ruben Neugebauer, schmales Gesicht, blaue Augen mit offenem Blick, trommelt mit den Fingern auf dem Tisch im Besprechungsraum von „Sea-Watch“. Dort stapeln sich dutzende der orangefarbenen Rettungswesten, hängen Plakate an den Wänden, die erleichtert lächelnde Gerettete auf dem Schiff zeigen. Auch Ruben Neugebauer hat die Momente der Rettung intensiv erlebt. „Die Anspannung fällt von allen ab, nicht nur von den Flüchtlingen. Und das geht nicht ohne Tränen ab.“ Mit einigen der Geretteten ist er nach wie vor in Kontakt.
35.000 Menschen seien seit der letzten Jahrhundertwende offiziell im Mittelmeer ertrunken, sagt Neugebauer. Das betreffe aber ausschließlich die gefundenen Leichen. Die Zahl der tatsächlich Ertrunkenen schätzt er deutlich höher ein. „Von der zivilen Hilfsflotte gerettet, wurden allein 2017 rund 39.000 Menschen.“ Noch größer als das Massengrab im Mittelmeer sei aber das in der Sahara. Seit das Militär die Straßen in der Wüste kontrolliere, werde versucht, die Region auf anderen Wegen zu durchqueren. Ein oft tödliches Unterfangen. „Für diese Toten ist die europäische Politik verantwortlich“, ereifert sich der 29-Jährige. Neugebauer ist ein Kämpfer, ein Rebell. Hauptberuflich arbeitet er als Foto-Journalist. Eigentlich. Denn sein Engagement bei „Sea-Watch“ lässt kaum andere Beschäftigungen zu. Neben Hauptinitiator Horst Höppner gehörte Neugebauer 2015 zum Gründungsteam von „Sea-Watch“.

1,5 bis 2 Millionen Euro koste es im Jahr, 10.000 Menschenleben zu retten, hat Neugebauer überschlagen. Je nach den Umständen und der Schwierigkeit der Rettung. „Das heißt, die Rettung eines einzelnen Menschenlebens auf dem Meer kostet etwa 200 Euro.“ Aber Seenotrettung sei auch nicht die Lösung: „Es müssen legale Einreisewege über Land geschaffen werden“, findet er. Ursprünglich habe sich „Sea-Watch“ mit dem ersten gleichnamigen Schiff als „schwimmende Telefonzelle“ verstanden. „Wir wollten zeigen, was auf See passiert. Aber da die EU ihren Job nicht macht, haben wir schließlich selbst die Rettung übernommen.“ Am Retten hindern lassen sich die Macher von „Sea-Watch“ nicht. Gerade wird ein anderes Schiff organisiert und ein anderer Hafen. Ebenso wie bei der Aquarius habe man dann einen längeren Anfahrtsweg. Den Hafen, von dem die Sea-Watch Richtung Libyen aufbrechen wird, nennt er bewusst nicht – „denn wir wollen Störungen vermeiden“. Die Sorge ist berechtigt. Gerade wurde der Aquarius ihre panamaische Zulassung entzogen – auf Druck Italiens. Wohin die 58 Geflüchteten an Bord gebracht werden sollen, war bei Redaktionsschluss unklar. Aktuelle Infos zum Schiff gibt’s im Online-Logbuch, unter onboard-aquarius.org.