MaerzMusik

Sound-Pionierin Catherine Christer Hennix im Interview

Sie ist eine der Erfinderinnen klanglicher Drones: die Sound-Pionierin Catherine Christer Hennix, 69. Bei der MaerzMusik wird sie gleich mehrmals performen

Frau Hennix, Sie werden als Klangkünstlerin und Komponistin der Minimal Music zugeordnet – ein weit gefasster Begriff.
Minimal Music bedeutet heutzutage so viel. Meine Idee war ursprünglich, einfach mehr mit weniger zu machen. In den 1970er-Jahren in Schweden hatte ich eine Band namens The Deontic Miracle. Wir waren zu dritt und waren lauter als eine ganze Rockband.

Tatsächlich?
Ja. Manchmal sagen die Leute, ich sei zu laut. Aber das Publikum muss für eine komplette Erfahrung alle Levels durchlaufen.

Für ihre schwebenden Drone-Klangflächen, die auf körperliche Wirkung zielen, ließ sich Catherine Christer Hennix von islamischer Musik inspirieren

Foto: Laura Gianetti

Der Auftakt der Maerzmusik wird ihr Stück The Electric Harpsichord sein. Das ist Legende, weil sie es 1976 nur einige wenige Male und – bis zu seiner Veröffentlichung 2010 – nie wieder aufgeführt haben. Wieso hielten Sie das Stück so lange zurück?
Ich hatte zwischenzeitlich kein Studio, nicht mal ein Keyboard. Niemand hat mich gefragt, es aufzuführen. Das ganze Equipment war einfach nicht zu finanzieren.

The Electric Harpsichord ist sehr psychedelisch. Ist ihre Musik generell wie ein Drogen-Trip?
Naja, so wie jede Kunst, jedes Gedicht, Buch oder Hörspiel ein Trip ist, der unser Bewusstsein erweitert. Aber es gibt keine Story. Die Story bist immer du selbst.

Was heißt das?
Es gibt nicht den einen Sinn. Jeder soll seinen eigenen Sinn in der Musik finden, ausgehend von seinen ganz persönlichen Erfahrungen. Die Vorstellung, der Komponist könnte auf den Zuhörer mit seiner Komposition Einfluss nehmen, ist eine erstaunliche Idee. Die Grundlagen meiner Musik habe ich in orientalischer, vor allem islamischer Musik gefunden. Und in Indien gibt es eine Theorie namens „Rasa“, nach der ein Komponist seine inneren Gefühlswelten auf den Zuhörenden mit den Mitteln seiner Musik überträgt. Aber keiner glaubt wirklich daran, es ist reine Theorie, wenn auch eine wünschenswerte.

Ihre Musik scheint den Körper ganz konkret in Vibration zu versetzen.
Jede Musik ist Vibration. Der ganze Kosmos ist eine einzig vibrierende Unendlichkeit. Vibration ist ein universales Phänomen, es existiert die ganze Zeit. Auch wenn du schlafen gehst, die Vibration geht weiter. Sie kümmert sich nicht um das, was wir tun, sie ist immer da. Das Universum geht niemals schlafen, es ist immer wach und in Funktion.

Wie wichtig ist für Ihre Musik der Raum, der sie umgibt? Und wie wichtig ist es für Sie, den Ort der Performance genau zu kennen?
Das ist außerordentlich wichtig, denn der Raum ist grundsätzlich mein Instrument, neben den Lautsprechern. All meine Musik ist verstärkt und nicht rein akustisch. So sind die Lautsprecher meine Instrumente, auch wenn die Kontrolle darüber Instrumente und der Computer haben – und noch andere technische Details, die zwischen Mikrofon und Lautsprecher vermitteln. Es geht da nicht allein um die Akustik eines Raumes. Es geht um immanente Vibrationen eines Raumes. Modale Musik hat oft die Form eines Gebetes. Und -Räume wie Kirchen oder Synagogen sind speziell für diese Form der Musik, das Gebet, kreiert worden. Man hat speziell für diesen Sound diese Häuser gebaut. Aber für modale -experimentelle Musik gibt es in Westeuropa kein Haus, wo wir damit hingehen können. Denn in unserer Gesellschaft hat diese Art von Klang keine Bedeutung.

Sie sind nicht nur Komponistin und Sound-Künstlerin, sondern auch Mathematikerin und Philosophin. Was verbindet die Philosophie und die Musik?
Ja, ich philosophiere, aber ich bin keine Philosophin. Die Leute nennen mich nur so. In der Mathematik gibt es eine Menge an tiefen philosophischen Problemen. Und die Musik ist ein physikalisches Phänomen. So ist alles miteinander verbunden. Fragen aus der Mathematik können ebensogut aus der Musik kommen. Dazwischen steht die Physik – wie funktionieren die Lautsprecher, die Mikrofone. Im früheren Quadrivium…

… der mittelalterlichen Einteilung mathematischer Fächer…
…war Musik genauso Bestandteil wie die Mathematik. Heute ist Musik reines Entertainment, ein kommerzielles Produkt. Ein Großteil des europäischen Systems meidet jegliche östlich geprägten Einstellungen. Ich mag überhaupt keine Musik, die -heute entsteht, alles ist ziemlich schrecklich meiner Meinung nach. Die heutige Musik ist spirituell erschöpft. Das ist fast beängstigend. Auch in der Akademie oder in den Institutionen vermitteln sie keine Praxis, die irgendwie spirituell ist. Und wenn, dann sehr schwach. Man muss die Musik wieder in Kontexte stellen, die eine spirituelle Kraft besitzen. Nicht nur die Komponisten, Musiker und Zuhörer sollten sich daran -beteiligen, sondern alle, die Gesellschaft als Ganzes.

Sie leben seit Jahren in Berlin, was hat sie dazu bewogen, herzuziehen?
Ich wurde eingeladen, an der Global Music Academy zu lehren. Wir hatten einen Gig hier. Und dann bin ich irgendwie hier hängengeblieben und lebe nun schon seit sechs Jahren in Berlin.

Hat Berlin einen spezifischen Sound?
Aber ja, und was für einen. Ich kann allerdings nicht gerade sagen, dass es ein Sound ist, der einen willkommen heißt. Er ist unterschiedlich an verschiedenen Orten. Es gibt die U-Bahn – eine sehr niedrige Frequenz. Dann gibt es dort, wo ich wohne, einen Helikopter, der immer über das Dach fliegt. Also erst die tiefen Frequenzen und dann dieser schreckliche White Noise. Und er fliegt so unverschämt niedrig. Das alles ist nicht sehr einladend, nicht wirklich geeignet für ein „deep listening“. Ich würde sagen, Berlin ist wie Noise Music. Oder wie Techno, ihr nennt es doch Techno. Hier gibt es Free-Techno-Sound auf den Straßen.

Do 16.–So 26.3., Haus der Berliner Festspiele, Radialsystem, UdK, Silent Green u.a.;  Die Veranstaltungen der MaerzMusik auf zitty.de 

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