Love and Hate

Spätkaufkultur

Love

In einer Bar in Melbourne unterhielt ich mich kürzlich mit einem Australier, der einige Monate in Berlin gelebt hat. Als ich ihn fragte, was er jetzt in Australien vermisse, kam die Antwort ohne Zögern: die Spätis. 

ZITTY-Redakteurin Julia Lorenz glaubt: Der Verkäufer in ihrem Stamm-Späti weiß genauer über ihr Leben Bescheid als ihre Mutter
Foto: Lena Ganssmann

Das Trinken und Draußensein, das Bewohnen und Befeiern der Straßen, die Wegebier-Kultur ist ein Stück Stadtidentität. Ein Berliner Unikum. Aber gerade sorgen die Allround-Läden mal wieder für Diskussionen: Mittes Bürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) kündigte kürzlich an, härter gegen dubiose Beschäftigungsverhältnisse in Spätis und Lädchen vorgehen zu wollen, die am Sonntag öffnen – obwohl das verboten ist, wenn sie mehr als Blumen, Zeitungen, Brötchen und Milchprodukte verkaufen.

Wo von Dassel Recht hat: Gegen Spätibesitzer*innen, die mit krummen Geschäften ihre Kolleg*innen in Verruf bringen, muss man vorgehen. Aber nicht alle Spätibetreiber*innen sind halbseidene Kriminelle – und nicht alle Spätifans benehmen sich daneben. Nachtlebenangebote müssen für alle zugänglich bleiben. Klar kann man die Späti-Gelage am Rosen­thaler Platz als zu laut, zu nervig und prollig kritisieren. Oder man erinnert sich daran, dass hier bis vor zehn Jahren noch das Undergroundleben tobte, während heute vor allem schicke Gastro- und Modeläden das Straßenbild bestimmen. Fielen an einem Ort wie diesem noch die Imbisse weg und die Spätis, die ein paar Stühle vor die Tür stellen – der Platz geriete zur Flaniermeile für Besserverdienende.

Sicher, Maßlosigkeit nervt. Der Ärger vieler Anwohner*innen über Saufexzesse vor ihrer Tür ist oft berechtigt – aber im ewigen Streit um den Eigensinn des Partyvolks gerade den Spätis den schwarzen Peter zuzuschieben, wäre falsch. Denn Spätis sind Orte der Gleichheit; Treffpunkte, an denen zusammenkommt, was in Berlin kaum noch zusammenfindet. Und deshalb bewahrenswert. 

Hate

In dem Stück der Oranienstraße, in dem ich wohne, zwischen Adalbertstraße und Heinrichplatz, gibt es mittlerweile acht Spätis.  Das macht mehr als einen Späti alle 50 Meter. Nun steht bei mir gegenüber ein Laden leer. Die einzige Frage, die sich stellt: Kommt da ein Späti rein – oder ein weiterer Adana-Grill?

Fotografin F. Anthea Schaap würde gern die Luftballons bei der nächsten Späti-Eröffnung in ihrem Kiez mit einem Luftgewehr platzen lassen
Foto: F. Anthea Schaap

Von denen gibt es bisher zumindest erst vier im Kiez. Von den acht Spätis im Viertel haben zwei erst in diesem Jahr eröffnet, mit großem Band-Aufgebot, Luftballon-Schlangen und allem Pipapo. Ob es Zufall ist, dass gerade diese beiden Neuzugänge sehr unfreundlich auf die Nachfragen von Kund*innen reagieren, die etablierten Besitzer*innen dagegen gerne davon erzählen, wie die Lage im Kiez für Spätis so ist? Sind sich die Betreiber*innen vielleicht selber der zunehmenden Spätisierung der Straße bewusst?

Alle Lädchen haben mehr oder weniger dasselbe Angebot: harter Alkohol, Bier und Snacks. Und sie sind alle gleich überteuert. Ich frage mich, wer all diese Läden braucht. Haben die Menschen Angst, auf den zwanzig Metern von einer Bar bis zur nächsten zu verdursten? Sind sie so sehr an das Überangebot in den Supermärkten gewöhnt, dass sie mindestens drei Läden zur Auswahl brauchen, um Samstagnacht noch Kippen kaufen zu können? Oder fällt einfach niemanden mehr etwas anderes ein als Spätis? 

Ich überlege, an dem gerade leeren Laden gegenüber meines Hauses ein großes Transparent aufzuhängen, auf dem alle im Kiez Vorschläge notieren können, was wir hier tatsächlich brauchen würden. Wäre ja toll, wenn es vielleicht diesmal ein Bäcker wird und nicht noch ein dubioser Spätkauf. Wenn ich sonntagmorgens nämlich Brötchen kaufen möchte oder keine Milch mehr habe, helfen mir die „Drinkhall“ oder der „Best Drinkshop“ auf jeden Fall nicht weiter. Aber da sitzen die Touris ja auch schon wieder im EasyJet-Flieger nach Birmingham.

Lest dazu unseren Späti-Report