Bühne-Porträt

Spielen mit allen Konsequenzen

Der Schauspieler Torsten Holzapfel ist in vielerlei Hinsicht besonders. Jetzt spielt er sich in seinem eigenen Stück „Subway to Heaven“. Ein persönliches Porträt des Theater-Thikwa-Urgesteins von seinem Regisseur

Text: Gerd Hartmann

„Ich bin eine Rampensau“, sagt er und grinst hinterhältig. Klar, dass so eine Selbst­aussage gar nicht geht, wenn man sich als ernst­hafter Schauspieler definiert. Aber was bedeutet das überhaupt? Genau diese Frage, die auch eine Beunruhigung beinhaltet, steckt in dem Grinsen. Torsten Holzapfel ist ein Theater­tier. Seit 23 Jahren steht er auf der Bühne. In mehr als 40 Stücken vom Theater Thikwa hat er gespielt, auch mit anderen Namen der Berliner Freien Szene hat er gearbeitet, mit dem Choreografen Ingo Reulecke zum Beispiel oder mit dem Stadt­erforscher Lukas Matthaei.

Aber was ist eigentlich ein Schauspieler? Torsten Holzapfel singt Berliner Gassenhauer, dass einem der Kaugummi zwischen den Zähnen schmilzt, und schlüpft so tief in die Texte von Karl Valentin, dass man sich gar nicht mehr sicher ist, ob die aberwitzigen Logik­ketten nun aufgeschrieben sind oder aus dem Moment entstanden. Spielen als Leben mit allen Konsequenzen. „Ich will den Menschen etwas geben“, sagt Holzapfel. „Ich will zeigen, dass ich jemand bin, dass ich etwas kann. Und dass es danach einen Austausch zwischen mir und dem Publikum gibt.“ Hoppla. Da kommt jemand von ganz woanders. Da hat Kunst direkt mit Existenz zu tun.

In seinem früheren Leben war Holzapfel Anstreicher, kam mit vollgekleckstem Gesicht nach der Arbeit zur Probe beim inklusiven Theater Thikwa, damals in den 1990ern, als Theater mit behinderten Menschen nur als Feierabendbetrieb existierte und das Wort Inklusion noch gar nicht erfunden war. Und brachte sein dickes Paket Geschichte mit. Eine Kindheit in der Besenkammer, Doppelstockbett, Neonlicht, Haferbrei, abgeschottet mit dem Bruder vom Rest der Familie, rausgeholt nur um sich Schläge vom Vater abzuholen, oder wenn Besuch kam oder eine Dame vom Amt. Eine solche holte ihn dann auch raus aus der Familien­hölle, mit neun – in die Psychiatrie. Nur verhaltens­auffällig oder psychisch krank, da waren sich die Ärzte nicht einig, bis einer – da war Torsten Holzapfel schon 20 – ihn in eine Rehabilitations­maßnahme steckte. „Lernen, ins Leben zu kommen“, beschreibt er diesen Schritt. Eine Opferbiografie?„Ich habe mich entschieden, da rauszukommen. Ich wollte nie aufgeben.“ Eine Befreiungs­geschichte.

Da steht er also und will es genau so, einer, der von sich behauptet, er spiele lieber Rollen als sich selbst, weil doch jeder mal jemand anders sein möchte. Ein Romantiker, der Kulissen und das ganze altmodische Illusions-Tamtam mag, das es im Freien Theater nie gibt, und sich dann doch in die Abstraktion wirft, mit seiner ganzen Seele, wenn es gefordert wird. Und dabei immer er selbst bleibt. Ein Multitalent, das als Maler die Vogel­perspektive aus dem Ärmel schüttelt und aus dem Gedächtnis einen Picasso nachmalen kann. Darf man da jetzt Phänomen sagen, oder nur: Das ist ein ganz besonderer Künstler?

Am Rand gibt es in dieser Geschichte ein zweites Theater­tier. Mich. Denn ich suche seit 20 Jahren als Regisseur mit dem anderen raumgreifenden Theatertier ein Auskommen. Jetzt erarbeiten wir gemeinsam eine Performance über die Lebens- und Gedanken­welten dieses außergewöhnlichen Menschen. Und ich ziehe meinen Hut vor so viel Kraft.

„Subway to Heaven – ein Porträt mit U-Bahnen und anderen Nebenwirkungen“, ‚
1.-4.10., 20 Uhr, Theater Thikwa. Regie: Gerd Hartmann; mit Torsten Holzapfel, Martin Clausen. Eintritt 14, erm. 8 Euro.