Fassbrause

Sportmolle auf der Überholspur

Die Fassbrause ist ein Berliner Biergartenklassiker, der ein erstaunliches Comeback feiert – inklusive Trittbrettfahrer

Wahrscheinlich kennt jeder Berliner den frisch-herben Geschmack der Fassbrause aus seiner Kindheit. Weniger süß als Cola, ähnelt sie mit ihrer goldgelben Farbe und der kleinen Schaumkrone dem Bier. So mancher Steppke konnte sich im Biergarten mit einer frisch gezapften Sportmolle, wie die Berliner sie liebevoll tauften, zwischen all den Erwachsenen fühlen wie ein ganz Großer. Für viele war die Fruchtlimonade der Geschmack des Sommers. Nach der Wende geriet der Limonaden-Klassiker etwas in Vergessenheit. Bionade, Club Mate, Fritz-Cola – eine Reihe neuer Erfrischungen ließen die Fassbrause ganz schön alt aussehen. Doch das ändert sich nun gehörig. Es ist ein echter Klassiker, der da seinen zweiten Frühling erlebt. 1908, also vor mehr als 100 Jahren, erfand der Berliner Chemiker Dr. Ludwig Scholvien die Fassbrause, damit sein Sohn im Biergarten etwas Alkoholfreies trinken konnte. Anfangs wurde das herb-würzige Getränk ausschließlich in Fässern verkauft, daher der Name. Zudem enthält es Zutaten, die vor allem in Brauereien verarbeitet werden: Malz und Brauwasser. Das von Scholvien entwickelte Original-Rezept enthält darüber hinaus ein natürliches Konzentrat aus Äpfeln und Süßholz-wurzeln. Die genaue Zusammensetzung ist bis heute geheim. Nur eine Firma in Spandau stellt den Grundstoff her: die Wild Flavour GmbH. Noch bis 1985 hieß das Unternehmen Dr. Scholvien Essenzenfabrik. Der Aroma-Produzent verkaufte das Konzentrat an die Radeberger Gruppe, der die Berliner- Kindl-Brauerei gehört, die wiederum die berühmte Rixdorfer Fassbrause herstellt. Eine Ironie ist, dass die Renaissance der Fassbrause nicht in Berlin, sondern in Köln ihren Anfang nahm. Die Privatbrauerei Gaffel hat im April 2010 mit viel Tamtam die Gaffels Fassbrause auf den Markt gebracht. 5,5 Millionen Liter hat Gaffel im letzten Jahr verkauft und zahlreiche Gastro-Preise gewonnen. Der Erfolg rief Nachahmer auf den Plan. Brauereien wie Bitburger, Veltins oder Carlsberg wollen ebenfalls ein Produkt mit dem Namen auf den Markt bringen.

 

Champagnerersatz auf Hochzeiten

Tatsächlich ist die Kölner Fassbrause eine Fälschung. Sie besteht aus alkoholfreiem Kölsch und Limonadenzusätzen, ist also eine Art Bionade unter anderem Namen. Dennoch vermarkteten die Kölner das Getränk offensiv als Fassbrause und sicherten sich die Internetdomain fassbrause.de. Allerdings beanstanden Lebensmittelkontrolleure, dass es sich bei der Kölner Fassbrause nicht um eine Brause, sondern um ein alkoholfreies Mischgetränk handelt. Da der Name Fassbrause ein Gattungsbegriff wie Cola ist, kann er jedoch nicht geschützt werden. Zudem war er schon immer irreführend. Im Gegensatz zu Brausen, die künstliche Aromastoffe enthalten, besteht die Fassbrause nur aus natürlichen Zutaten und ist daher eine Limonade.
Das Original, die Rixdorfer Fassbrause, hat sein Image der Traditionsmarke geschickt modernisiert. Seit einem Jahr wird sie in der modernen 0,33l Longneck-Flasche verkauft. Gleichzeitig punktet man mit Lokalkolorit. Das neue, minimalistische Etikett zeigt auch weiterhin die Stadtsilhouette von Rixdorf, heute Neukölln. Auch Spreequell hat seit 2010 eine klassische Fassbrause ins Sortiment genommen. Die Traditionslimo ist hip geworden. Der Zeitpunkt scheint günstig. Seitdem es Bionade auch bei McDonald’s gibt, hat sie ihren Underdog-Status verloren. Nach einigen Jahren steilen Wachstums, sinkt der Absatz nun. Dafür kehrt die Fassbrause zurück in die Kehlen der Berliner. 
Und nicht nur dorthin. Denn die Fassbrause ist auch international erfolgreich. In den 60er-Jahren führte Larry Stillman die Scholvien-Fassbrause in den USA ein. Sie wird in Salt Lake City im Bundestaat Utah unter dem Namen Apple Beer produziert. Auf der Internetseite der Firma verweist man auf den
Ursprung des Getränks. Zu sehen ist ein Pferdefuhrwerk mit der Aufschrift Schultheiss. Allerdings schreibt das Unternehmen, bayerische Brauer hätten die Fassbrause erfunden. Von Berlin ist nicht die Rede. Auf der Seite findet man zudem historische Werbesprüche wie „It’s a cousin of root beer, no beer beer.“ Ein Hinweis darauf, warum die Fassbrause außgerechnet in Utah so erfolgreich ist. In dem Mormonenstaat herrschen strengere Alkoholgesetze als im Rest der USA. Das alkohol- und koffeinfreie Apple Beer stieg daher zu Utahs Nationalgetränk auf. Verkauft wird die amerikanische Fassbrause an der gesamten Westküste bis in die Karibik hinein. Dort trinkt man sie unter anderem auf Hochzeiten als Champagnerersatz. Langfristig plant das Familienunternehmen sogar Apple Beer nach Europa zu exportieren. Im Augenblick lägen sie damit voll im Trend. Eines jedoch hat sich trotz der jüngsten Erfolgsgeschichte der Fassbrause nicht geändert: Direkt vom Fass bekommt man sie nur in Berlin.

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