Rundgang

Sprung ins Leben

Jeden Sommer öffnen die großen Kunsthochschulen für das Publikum ihre Türen. Für viele Studenten ist es der erste Kontakt mit dem Berliner Kunstmarkt, dessen Zukunft ungewisser denn je scheint

Das Gebilde ist etwa zwei Meter hoch, kegelförmig und sieht wie eine Litfass-Säule aus. Nur sind die Plakate falsch angeklebt, so dass die weiße Rückseite zu sehen ist. Durch zwei kleine Gucklöcher lässt sich innen ein munteres Stimmengewirr erahnen. Die Arbeit von Silvia Lorenz, Absolventin der Kunsthochschule Weißensee, die kürzlich im Projektraum Kunsthalle in der Nähe der Hochschule ausgestellt war, könnte man als Port­rät dieser Institution deuten. Die bunte Welt in ihrem Inneren wäre die Vielfalt der Handschriften, die in einer Kunsthochschule nebeneinander exis­tieren. Die weiße Außenfläche, das wäre der Schutz, den die Institution ihren auszubildenden Künstlern bietet. Und die Gucklöcher stünden für die Möglichkeit, als Passant einen Blick auf das zu werfen, was in diesem geschützten Raum entsteht.
Einmal im Jahr laden die Berliner Kunsthochschulen zum Abschluss des Sommersemesters die Öffentlichkeit zu sich ein. In der Universität der Künste (UdK) heißt es Rundgang, in Weißensee Tage der offenen Tür. Rund 4.000 Besucher zählt die Kunsthochschule Weißensee jedes Jahr, an der größeren UdK sind es etwa 12.000. Viele Studenten zeigen ihre Arbeiten zum ersten Mal einer breiteren Öffentlichkeit. Was erwarten sie sich davon? „Aufmerksamkeit und Feedback“, sind sich Eric Winkler und Noam Gorbat einig, die in Weißensee Bildhauerei studieren. „Jede Gelegenheit, seine Arbeiten zu zeigen, ist gut“, sagt Eric Winkler. Gerade in Berlin, das von so vielen Künstlern überschwemmt sei, dass man als Einzelner Schwierigkeiten habe, wahrgenommen zu werden.

Kontakt zur Außenwelt
Der gebürtige Ostberliner schätzt an seiner Heimatstadt vor allem das große Angebot an Kunst. Die Wechselwirkung zwischen dem Berlin-Boom und der Entwicklung der Kunstszene sieht er aber durchaus kritisch: „In Berlin unterwandert der Markt die Institutionen, was dazu führt, dass die Grenzen zwischen dekorativem und inhaltlich interessantem Kram verschwimmen.“ Langfristig wolle er sich zwei Standorte aufbauen – einer davon solle schon Berlin sein, denn hier lebe und arbeite er gerne. Am wichtigsten ist Winkler „der Autonomiegedanke“. Er wolle sich nicht um jeden Preis an eine Galerie binden.
Dieses Denken, da ist er sich mit seiner Kommilitonin Noam Gorbat einig, ist geprägt von dem Studium in Weißensee, das nicht kunstmarktorientiert sei und ansonsten vor allem Eigeninitiative fördere. Anders als an der UdK gibt es in Weißensee keine feste Klassenstruktur. Die Professoren sind alle für jeden da. Auch die Grenzen zwischen den Studienrichtungen Malerei und Bildhauerei sind fließend. Es werde Wert darauf gelegt, dass die Studenten Kontakt zur Außenwelt, also auch zur Berliner Kunstszene bekommen, sagt Gorbat: „Wir haben mindestens einmal im Semester ein Ausstellungsprojekt außerhalb der Uni gemacht.“ Die Israelin ist vor fünf Jahren zum Kunststudium nach Berlin gekommen und möchte bis auf weiteres bleiben: „Ich kann mich hier gut konzentrieren.“ Wie Eric Winkler ist sie im Studiengang Bildhauerei eingeschrieben. Sie arbeitet im Bereich Experimenteller Film und plant, für ihr Meisterschülerstudium an die UdK zu wechseln, „weil die für meine Zwecke technisch viel besser ausgestattet ist.“

Superviele Galeristen
„Weißensee ist jottwede“, beschreibt Eric Winkler einen weiteren von ihnen beiden gefühlten Nachteil der kleineren Berliner Kunstausbildungsstätte. Die Hochschule reagiert auf diese Tatsache unter anderen, indem sie für die Absolventenausstellung zu den Tagen der offenen Tür jedes Jahr einen anderen Ort in der Stadt besetzt: einen Ort, der mehr im Zentrum liegt. Dieses Jahr am Kreuzberger Oranienplatz, wo die Weißenseer Absolventen sich in einem leerstehenden ehemaligen Kaufhaus einquartiert haben, das spätestens vor zwei Jahren durch die Berlin Biennale als Kunstort etabliert worden ist.
Der UdK-Rundgang findet traditionell in den altehrwürdigen Hochschulgebäuden wie dem an der Hardenbergstraße statt. „Wir haben ja die Räume“, sagt Solweig de Barry, die hier in der Klasse Robert Lucander studiert und „voraussichtlich nächstes Jahr fertig wird.“ Im geräumigen Foyer der Hochschule laufen die Aufbauarbeiten. Zwei Stockwerke darüber hat Solweig ihren Arbeitsplatz. „Der Rundgang ist wichtig, da kommen superviele Galeristen“, sagt sie. Langfristig könne sie sich eine Zusammenarbeit mit einer Galerie gut vorstellen. Das sei auch im Sinne der Ausbildung: „Natürlich wollen die Professoren, dass wir Erfolg haben.Es werde trotzdem kein übermäßiger Druck aufgebaut, man sei als UdK-Student sehr frei, Struktur gäben die regelmäßigen Klassengespräche, durch die man lerne, sich und seine Arbeiten gut zu präsentieren.

Kaum betuchte Sammler
„Ich bin nach Berlin gekommen, weil es angesagt war“, sagt Solweig de Barry – sie stammt aus dem Elsass. Die Kunstszene, die sie hergelockt habe, beeinflusse ihre Kunst „durchaus“. Es gibt einen großen Austausch mit der Szene, findet auch Marc von der Hocht, der sich das Atelier mit de Barry und drei Mitstudenten teilt. Er hat das Grundstudium in Mainz absolviert und ist dann nach Berlin gekommen. „Ich bin froh, dass ich hier nicht angefangen habe“, sagt er – auf ungefestigte Künstlerpersönlichkeiten könne die Berliner Vielfalt im zerstörerischen Sinn verwirrend wirken. Um Geld zu verdienen, arbeitet Marc von der Hocht als Techniker in einer Galerie. Obwohl er dort immer wieder von den Sorgen des Berliner Kunstmarkts erfahre – alle kommen her, nur nicht das Geld – will auch er hier bleiben: „Ich möchte freischaffender Künstler sein und mich in Berlin etablieren mit meiner Position.“
Wo der Markt ist, spielt keine Rolle dafür, wo wir arbeiten – das ist sowieso der Tenor. Egal, ob man in Weißensee fragt oder an der UdK. Trudy Dahan, die an der UdK gerade ihr Meisterschülerstudium in der Klasse Ursula Neugebauer beendet, artikuliert ihn so: „Reisen ist kein Problem!“ Auch sie will hier bleiben und verlässt sich darauf, dass die Kunststadt Berlin trotz nicht mehr vorhandener Kunstmesse und wenig betuchter Sammler weiterhin globale Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird. Man könne es ja schon beim Rundgang beobachten: Plötzlich ist der Markt da.
Vielleicht ist so ein Idealismus nur im Inneren einer Institution wie einer Kunsthochschule möglich, dieser Litfass-Säule, die außen weiß ist und innen voller Leben steckt – vielleicht ist er auch der Leim, der die ganze Kunstszene in Berlin zusammenhält. Wahrscheinlich beides.