Rezension

Spuren: Die Opfer des NSU

Familie Şimşek: Enver Şimşek wurde am 9. September 2000 in Nürnberg ermordet. Foto: Salzgeber

Im Juli 2018 kam der Gerichtsprozess gegen den rechtsterroristischen NSU nach fünf Jahren Dauer zu einem Ende. Zu viele Fragen blieben offen: nach weiteren Unterstützern der Angeklagten, nach der dubiosen Rolle des Verfassungsschutzes. Ans Licht gekommen waren endlose Ermittlungspannen und die miserable Vernetzung der in den verschiedenen Bundesländern unterschiedlich organisierten Polizei.

Erst nachdem sich die mutmaßlichen Haupttäter Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt 2011 selbst das Leben genommen hatten, konnten insgesamt zehn in den Jahren 2000 bis 2007 ausgeführte Morde – an acht türkischstämmigen Männern, einem Griechen und einer deutschen Polizistin – sowie ein Nagelbombenattentat in einem vor allem von Migranten bewohnten Stadtteil von Köln dem NSU zugeordnet werden. Wie ein roter Faden hatte es sich durch die Ermittlungen zu all diesen Straftaten gezogen, dass die Polizei Rassismus und Fremdenfeindlichkeit als Tatmotiv ausgeschlossen und stattdessen versucht hatte, den Opfern und ihren Angehörigen Verwicklungen in kriminelle Milieus nachzuweisen.

Auch das Gerichtsverfahren brachte den Angehörigen nur wenig Genugtuung, die Strafen für einige Helfer des mörderischen Trios erschienen vielen am Ende als zu mild. Und mit ihren Gefühlen während einer gut 15 Jahre währenden Tortur blieben die Angehörigen sowieso allein.

Hier setzt der feinfühlige Dokumentarfilm der Berliner Regisseurin Aysun Bademsoy an. Er gibt Angehörigen der Opfer eine Stimme. Die Menschen erzählen von ihren Erinnerungen an die Ermordeten, von ihren Gefühlen, wenn sie noch einmal den Tatort besuchen. Davon, wie es ist, wenn Polizei und Boulevardpresse aus Opfern potenzielle Täter machen. Und von ihrer Haltung gegenüber einer Gesellschaft, in der diese Verbrechen möglich waren. Bademsoy stammt aus der Türkei, kam als Neunjährige mit den Eltern nach Deutschland. Eine „Normalität“ ist im Verhältnis der Deutschen und den Migranten und ihren Nachkommen in zweiter oder dritter Generation noch immer nicht eingekehrt.

D 2019, 81 Min., R: Aysun Bademsoy, Start: 13.2