LEIDER WEGEN CORONA ABGESAGT

Künstlerische Manöver

Das Festival „Spy on me#2“ probt den subversiven Umgang mit der digitalen Gegenwart – und muss wegen Coronavirus gleich ganz im digitalen stattfinden – als Livestreams.

Text: Tom Mustroph

Munter hinein in eine toxische Umgebung! So könnte das Motto der zweiten Ausgabe des Festivals „Spy on me“ lauten. Vor zwei Jahren legte das HAU noch den Fokus auf die Kritik an den allgegenwärtigen Überwachungstechnologien. „Auch jetzt ist das Datenabgreifen weiterhin omni­präsent. Aber wir wollen uns fragen, was dies für unser Leben bedeutet und wie wir damit umgehen können“, sagt Annemie Vanackere, Intendatin des HAU und Kuratorin des Festivals.

Programmatischen Einfluss auf das Festival hatte der bildende Künstler und Publizist James Bridle. Bridle foppte die Künstliche Intelligenz eines selbstfahrenden Fahrzeugs mit einfachen Linien auf dem Boden und legte es so lahm. In seinem Buch „New Dark Ages“ malt er eindrucksvoll die Gefahren der Technologie aus. „Wenn wir nicht wissen, was unsere Roboter tun, wie wollen wir dann wissen, ob sie uns schaden können oder nicht?“, fragt er etwa. Bridle plädiert aber auch für eine Aneignung von Technologie, um wieder handlungsfähiger zu werden. Er sucht auch nach Analogien bei anderen Intelligenzen, wie etwa denen von Pflanzen, Tieren und Ökosystemen. Seine Ideen stellt er in einem Gespräch mit Vanackere am 19. März vor.

Von Bridle hat das HAU auch das Bild des Manövrierens im digitalen Raum übernommen. „Künstlerische Manöver für die digitale Gegenwart“ lautet der Untertitel des Festivals. Die Manöver erfolgen teilweise in Form von Tanzstücken, teilweise durch performativ bespielte Installationen.

Die kanadischen Gruppen Sto ­Union und Carte Blanche testen in „P.O.R.N. (Portrait of Restless Narcissism)“ Chat-Situationen und erweitern das Narzissmusprogramm der Partnersuche um Videoclips und Handpuppenspiel (19.-21.3.).

Die Datenklau-Performance „Garden of Tangled Data“ führt in ein High-Tech-Ökosystem – Foto: doublelucky productions

Die Berliner Gruppe doublelucky um Chris Kondek und Christiane Kühl wendet in „Garden of Tangled Data“ das bekannte Geschäftsmodell des Daten­abgreifens in ein Datenspenden um. „Sie betrachten Daten als etwas, was gehegt und gepflegt werden kann“, beschreibt Vanackere den Ansatz. „Das Publikum wird am Anfang gebeten, selbst Daten abzugeben. Und während der Performance sieht man, wie diese Daten miteinander kommunizieren, wachsen und sich verändern“ (25., 26., 28. + 29. März).

Ins Festival kommt auch die Wiederaufnahme von Kat Válasturs Tanzsolo „Rasp your soul“ (26.-28.3.), die Choreografin spürt darin dem Seelenleben eines Avatars nach. Eher auf Cyborg-Trip, also der Verschmelzung von Mensch und Maschine, begibt sich hingegen die dänische Choreografin Mette Ingvartsen („Moving in Concert“, 27.-29.3.).

Über den Kontext der Performance-Fabrik HAU hinaus greift das Projekt „Collectivize Facebook“. Der bildende Künstler Jonas Staal und der Anwalt Jan Fermon arbeiten derzeit an einer Sammelklage vor den Vereinten Nationen für die Übertragung von Facebook in Allgemeinbesitz. Die Veranstaltung am 26. März ist eine öffentliche Anhörung in Vorbereitung dieser Klage. Das ist mal ein großes Manöver. 

19. – 29.3., HAU 1-3, Kreuzberg, Eintritt 0–17 €, Festivalticket (3 Veranstaltungen) 35, erm. 20 € www.hebbel-am-ufer.de