Porträt

Staatsakt, Sonar Kollektiv und Sinnbus

Staatsakt, Sonar Kollektiv und Sinnbus beweisen, dass kleine Plattenfirmen in Berlin überleben können.
Aber ihr Idealismus und die Selbstausbeutung stoßen an Grenzen

Kein Kicker. Keine Tischtennisplatte. Erst recht keine Bar mit schmucker Jukebox. Keins von den schönen Dingen, mit denen Kreative sonst so gerne die Orte schmücken, an denen sie kreativ sind. Hier in einer ruhigen Nebenstraße von Prenzlauer Berg stehen nur ein paar Schreibtische und darauf ein paar Computer. Von hier aus steuert Maurice Summen die Geschäfte des Musik-Labels Staatsakt, wenn er nicht gerade mit der Band Die Türen selber Musik macht oder für Tageszeitungen über Musik schreibt.

Maurice Summen ist also zweifellos kreativ. Aber er würde sich höchstens in einem Anfall von Ironie als Kreativen bezeichnen. Und die allgemein verbreiteten Insignien des Kreativtums, die Kickertische und Tischtennisplatten, die könnte sich sein Label gar nicht leisten. Denn Staatsakt ist, obwohl es durchaus etablierte und von der Kritik überaus geschätzte Acts wie Bonaparte, Mediengruppe Telekommander, Christiane Rösinger oder das Solo-Projekt des Sterne-Sänger Frank Spilker veröffentlicht hat, ein sehr kleines Label.

Genau anderthalb Arbeitsplätze trägt Staatsakt zur Statistik bei. Einen füllt Summen aus, auf dem restlichen Halben sitzt ein guter Freund, der auch noch für ein anderes Label die Promotionarbeit erledigt. Zusammen stemmen sie ungefähr ein halbes Dutzend Album-Veröffentlichungen im Jahr. Die verkaufen sich im Normalfall um die zwei- bis dreitausend Mal, selten erreicht ein Album fünfstellige Verkäufe. Es ist ein Leben von der Hand in den Mund, mehr als die nächsten zwei Jahre plant Summen nicht mehr vor.

Auch das geht nur, weil Staatsakt – wie die allermeisten kleineren Plattenfirmen – auf eine durch Idealismus befeuerte Bereitschaft zur Selbstausbeutung zurückgreifen kann. „Klar will ich Platten verkaufen, aber ich will nicht nur Musik herausbringen, die als Ware funktioniert“, sagt Summen, „ich will immer wieder auch Musik herausbringen, die nur als Musik funktioniert.“

Summen meint: Musik, die gut ist, obwohl das größere Massen an Menschen gar nicht wissen. Oder sogar anderer Meinung sind. Musik wie die von Hans Unstern, dessen wundervolles Debüt „Kratz Dich raus“ vielleicht das schönste deutsche Album des Jahres 2010 war, aber sicherlich auch das eigenwilligste. Jemand wie Hans Unstern, das weiß Summen und jeder, der sich ein bisschen mit Popmusik auskennt, wird niemals große Stückzahlen verkaufen. Aber, das findet Summen, solche Musik muss auch in die Welt, und deshalb wird Staatsakt in diesem Jahr auch das zweite Album des Sängers herausbringen.

Eröffnet hat Staatsakt das Jahr mit dem neuen Album von Summens eigener Band Die Türen. Die sind so etwas wie die Keimzelle der Firma, der Fixpunkt des Labels. Staatsakt wurde 2003 von Summen und seinem Freund und damaligen Bandkollegen Gunter Osburg mit 2.000 Euro gemeinsamem Startkapital gegründet, um die Platten von Die Türen zu veröffentlichen. Und die all jener Bands, in denen Summen, Osburg und ihre Freunde auch noch spielten.

 

Maurice Summen (Staatsakt)

Ist Label-Arbeit heutzutage nur mehr unbezahlte Selbstverwirklichung? Labelarbeit ist zwar schlecht bezahlt, aber in welchem Büro darf man die Musik schon so laut drehen wie in einem Club und jeder im Haus denkt: „Ah, er arbeitet wieder…“

 

Arbeit und Privatleben werden eins

Nicht, dass es nicht Angebote gegeben hätte, bei einer größeren Plattenfirma zu unterschreiben. Aber Staatsakt zu gründen war nicht so sehr Notwendigkeit, sondern vor allem ein Statement. Der studierte Philosoph Osburg und der Schulabbrecher Summen waren mit Punk und dessen Do-It-Yourself-Ideologie sozialisiert worden. Daher stammt vielleicht nicht die Idee, aber doch das Bedürfnis, dass Arbeit und Privates sich durchaus überlappen dürfen, ja sogar sollen, damit der Mensch sich nicht selbst fremd wird.

Ein Thema, dem sich Die Türen auch immer wieder künstlerisch widmeten. „Wenn der Sport der Bruder der Arbeit ist“, sangen sie schon vor fünf Jahren, „dann ist die Kunst die Cousine der Arbeitslosigkeit“. Osburg ist mittlerweile ausgestiegen aus Band und Label, er hat einen lukrativen Job in der Werbewirtschaft angenommen. Ohne ihn ist Staatsakt nicht mehr dasselbe, aber in seinen Grundfesten unerschüttert. „Man steht noch mit den Leuten am Tresen, die man von der Arbeit her kennt“, erzählt Summen, „öfter jedenfalls, als wenn man in einem Steuerbüro arbeiten würde.“

Was ehemalige Punks können, ist in der elektronischen Musik „ganz normal“, sagt Jürgen von Knoblauch. Er ist DJ, Teil des DJ-Konglomerats Jazzanova und Geschäftsführer des Labels Sonar Kollektiv. Für DJs war ein eigenes Label tatsächlich schon immer selbstverständlicher als für eine Rockband: Produzent war man selber, das Studio steckte schon im eigenen Rechner und die Herstellungskosten einer Plattenaufnahme waren vergleichsweise minimal. Professionelle Hilfe brauchte man nur für den Vertrieb, und auch der wird mit der Digitalisierung zunehmend unwichtiger.

Folglich sind in der Techno- oder House-Szene vornehmlich unabhängige Strukturen aus kleineren und kleinsten Labels entstanden. Drei Festangestellte, von Knoblauch eingeschlossen, beschäftigt Sonar, das sich auch ein eigenes Studio leistet. Um diese Keimzelle rotieren gut zwei Dutzend Menschen, Musiker und Produzenten, Grafiker und Internet-Experten, natürlich auch die restlichen Jazzanova-Mitglieder, die verschiedene Aufgaben unternehmen. Eine große Familie? „Familie, das klingt immer so, als würde man es nicht ernst meinen“, sagt von Knoblauch, „aber wenn es nur ums Geschäft ginge, dann gäbe es uns wahrscheinlich schon lange nicht mehr.“

Die Firma als Familienersatz, die Familie als Geschäftsgegenstand. Das hat Vorteile: Jeder kann tun, was er will. Und Nachteile: Jeder kann tun, was er will. Sonar haben gespürt, wie eine Stärke zur Schwäche werden kann. Bis 2008 wuchs die Firma stetig, veröffentlichte schließlich im Jahr bis zu 20 Alben, organisierte den eigenen Vertrieb, brauchte dazu sieben Festangestellte – und funktionierte irgendwann einfach nicht mehr. Die Steuern, die Gehälter, die Festkosten wuchsen, das Engagement des Einzelnen sank, die Ansprüche stiegen. „Ich musste Leute entlassen“, erinnert sich von Knoblauch, „das war richtig bitter“.

Sonar schrumpfte sich gesund. Heute bringt man weniger als halb so viele Platten heraus wie damals, verkauft in der Spitze bis zu 20.000 Einheiten – und ist, so von Knoblauch, „froh, wenn es sich trägt“. Sein Geld verdient er eher mit einen Mix aus DJ-Jobs, Tantiemen, Lizenzen und der Gema.

Ein ganz normale Künstlerexistenz, die von Knoblauch seit ein paar Monaten nun von den USA aus regeln muss. Er ist seiner Lebensgefährtin und deren Job nach Savannah, Georgia, gefolgt. „Man muss nicht unbedingt in Berlin sein“, sagt er am Telefon, die modernen Kommunikationskanäle machen die Labelarbeit auch über einen Ozean hinweg möglich. „Aber wir hätten sicher nicht mit dem ganzen Label hierher ziehen können.“

 

Jürgen von Knoblauch (Sonar Kollektiv)

Das Major-Label klopft an und will Euch kaufen: Wie teuer seid Ihr? Was man halt als Familie so braucht: ein großes Haus mit mehreren Studios, mit einer Plattenpresse und einem Siebdruckraum, Garten mit Trampolinen, Buddelkasten für den Nachwuchs, BVG- Jahreskarten, seniorengerechten Zugängen für die Älteren, etcetera.

 

Berlin, der ideale Standort

Denn gerade Berlin bietet für das Modell Kleinlabel/Großfamilie einen großen Standortvorteil: Die immer noch vergleichsweise geringen Lebenshaltungskosten sorgen nicht nur für billige Büroflächen, sondern auch für den steten Zuzug junger, talentierter und noch zur Selbstausbeutung bereiter Kreativer, auf die in der Hauptstadt aber keine gut bezahlten Jobs warten. In München oder London hätten die meisten von ihnen nach wenigen Monaten ein Auskommen in einer Werbeagentur gefunden. In Berlin gründen sie zwangsläufig eine eigene Mode-Linie, Internet-Start-Ups oder eben Independent-Labels.

„Die Bedingungen in Berlin sind schon sehr günstig“, sagt Daniel Spindler. Er ist einziger hauptamtlicher Mitarbeiter von Sinnbus, einem Label, das über die Stadt hinaus für seine Vielseitigkeit berühmt geworden ist, die vom Postrock von Berliner Lokalheroen wie Bodi Bill über den Electro-Pop von Hundreds aus Hamburg bis zur endlosen Wehmut des Norwegers Einar Stray reicht.

Trotz solch weit gefächerter Veröffentlichungen hat sich Sinnbus das Familiäre aus den Anfangstagen bewahrt, als im Jahr 2000 das Label aus der von der Kritik gefeierten Band SDNMT entstand, damals ganz bewusst als Band-Kollektiv konzipiert. Bis heute arbeiten immer noch vor allem Musiker für Sinnbus, die in Formationen gespielt haben, die auf Sinnbus veröffentlicht haben.

Die Herausforderungen sind überall dieselben. „Privatleben und Arbeit sind nur sehr schwer voneinander zu trennen“, sagt Spindler. Mehr als drei größere Produktionen sind nicht zu stemmen im Jahr, „wenn man es richtig machen will“. Und richtig muss man es machen, denn sollte nur eine dieser wichtigen Veröffentlichungen floppen, wäre das wohl das Ende von Sinnbus.

Trotzdem ist Spindler guter Dinge. Ob es das Label in zehn Jahren wohl noch geben wird? „Ich glaube schon“, sagt er, „Sinnbus wird dann zwar ganz anders aussehen, aber wir alle werden bestimmt noch was Cooles mit Musik machen.“ Kickerspielen können die anderen.

 

Daniel Spindler (Sinnbus)

Ist Sinnbus Familie oder Firma? Eine Famirma. Wir kommen aus einem Kumpelding, das ist immer noch das bindende Element untereinander, aber natürlich haben wir über die Zeit auch auf der nüchternen Seite etwas angezogen.

 

 

Konzerte:

Die Türen: 13.4. / Festsaal Kreuzberg

Jazzanova Live feat. Paul Randolph: 17.2. / Gretchen

Bodi Bill: 16.2. / Kesselhaus

Einar Stray: 21.2. / Waschhaus Potsdam