Platz für alle

Stadtbewohner brauchen kollektive Räume

Stadtbewohner brauchen kollektive Räume, in denen Begegnung möglich ist. Diese werden in Zeiten -steigender Immobilienpreise immer knapper – Berliner Baugruppen finden kreative Lösungen
Text: Felix Denk

Es gibt gar nicht so wenige Sitzgelegenheiten am Heinrichplatz. In den vielen Cafés und Kneipen, die den verkehrsreichen Platz in Kreuzberg einrahmen. Trotzdem füllte die Bank, die da im Sommer plötzlich in der Mitte stand, eine Lücke. Hier kann man sich einfach hinsetzen, ohne etwas bestellen zu müssen.

Im Bauprojekt Spreefeld in Mitte gibt es flexible Grundrisse: die Wohnungen passen sich den Lebensumständen ihrer Bewohner anFoto: Andreas Trogisch / Projekt: die Zusammenarbeiter Gesellschaft von Architekten mbH
Im Bauprojekt Spreefeld in Mitte gibt es flexible Grundrisse: die Wohnungen passen sich den Lebensumständen ihrer Bewohner an
Foto: Andreas Trogisch / Projekt: die Zusammenarbeiter Gesellschaft von Architekten mbH

Architektur ist ja immer eine Antwort auf die Frage, wie unsere Gesellschaft aussieht. Und ein Blick auf unsere Städte verheißt nichts Gutes. Längst sprechen Architekten und Stadtplaner von der Privatisierung der Innenstädte. Das Öffentliche schwindet, die Ökonomisierung des öffentlichen Raumes nimmt zu. Die Folge: Jeder Quadratzentimeter muss irgendwie verwertet werden. Sonst ist er zu teuer.

Sie dürfte da also gar nicht stehen, die Bank am Heinrichplatz, auf der eigentlich immer irgendwer sitzt. Mal kurz zum Ausruhen, mal länger mit Freunden, auf eine Flasche Wein, die man noch im Kühlschrank hatte. Hier trifft sich die Nachbarschaft, während drum herum die Touristen die Kneipen bevölkern. Wer die Bank da hingestellt hat, weiß keiner so genau. Der Wert dieser Bank wird aber derzeit in Architekturkreisen hoch gehandelt. Sie ist der Proto­typ einer Baulösung, an der Architekten und Stadtplaner gerade arbeiten. Es geht um kollektive Räume, an denen eine spontane, unverbindliche Interaktion entstehen kann.

Fragt man Charles Montgomery, sind sie ein Schlüsselfaktor zum Glück. Der kanadische Journalist hat mit seinem Buch „Happy City“ eine umfassende Untersuchung über Städte und ihre Bewohner verfasst. Die These: Wer das Glück sucht, sollte nicht bei sich selbst anfangen, sondern sich seine Umgebung genauer ansehen. Sie beeinflusse, wie wir uns fühlen, in einem Maße, dessen wir uns oft nicht bewusst sind.

An einem Supermarkt geht man schneller vorbei als an einer Reihe von Läden und Lokalen. Und je langsamer sich Menschen bewegen, desto sozialer ist ihr Handeln. In einer kleinteilig bebauten Umgebung steigt die Hilfsbereitschaft. In Seattle etwa fand Montgomery heraus, dass die Menschen einem Touristen, der sich verlaufen hat, in einer Straße mit bunt gemischter Nutzung fünfmal häufiger helfen, als in einer von Bürokomplexen beherrschten Umgebung.

Gerade in den eng bebauten Innenstädten gibt es eine Spannung zwischen dem Bedürfnis nach Privatheit und dem nach Austausch. Doch gerade letzterer ist wichtig für das Glück der Stadtbewohner. Denn zwanglose Begegnungen sind laut Psychologen entscheidend für das Wohlbefinden. Ein kurzer Schwatz mit den Nachbarn, ein paar freundliche Worte mit dem Bäcker – das hebt die Zufriedenheit spürbar. Gibt es diese kurzen Begegnungen seltener, werden die Menschen unzufrieden. Pendler, vor allem solche, die mit dem Auto fahren, sind im statistischen Mittel misstrauischer, engagieren sich weniger und lassen sich sogar häufiger scheiden.

Am 10.12. erscheint zum zweiten Mal „Glücklich“, eine ­Sonderedition von ZITTY und tip Berlin. 400 Adressen für ein schönes Leben mit Wellness, Slow Food, Körpertherapie und vielem mehr. Dazu Geschichten übers Glück: Wie man es erlernen kann, wo man es findet und wie Hundertjährige es in der Rückschau auf ihr Leben definieren. Das und mehr – für 8,90 Euro im Handel.

Stellt sich die Frage: Wie schafft man kollektive Räume in Zeiten, in denen die Quadratmeterpreise im Minutentakt steigen? Kreative Lösungsansätze haben einige Berliner Baugruppen geliefert. In der Zelterstraße im nördlichen Prenzlauer Berg ­haben sich 45 Parteien zusammengetan und gemeinsam ein Eigenheim gebaut. Anstatt den großen Hof in einzelne Parzellen zu unterteilen, nutzen sie ihn gemeinschaftlich. Die preisgekrönte Gartenanlage mit ihren mäandernden Wegen, einem Hügel und Wasserspielen bietet Raum für Privatheit und Gemeinschaft. Auch ein großer Teil der Dachterrasse, die einen spektakulären Blick über Berlin bietet, ist für alle Eigentümer nutzbar.

Neben gemeinsam genutzten Dachgärten und verschiedenen Gemeinschaftsräumen hat die Genossenschaft sogar ein Bootshaus, das zum Grundstück gehört. Früher lagen dort die Boote des DDR-Grenzschutzes, heute können hier Partys gefeiert werden. Das mag luxuriös klingen, erfüllt aber denselben Zweck wie die Bank am Heinrichplatz. Es ist ein Ort, an dem man zwanglos zusammenkommen kann.Vielleicht ja mit flexiblen Grundrissen, wie das bei dem Bauprojekt Spreefeld in Mitte geglückt ist. Sie bieten einen Ausweg aus den dominierenden Bautypen der letzten Jahre – der Singlewohnung und der Kleinfamilienwohnung. Beide erfüllen längst nicht alle Wohnbedürfnisse. Werden Kinder geboren, braucht man mehr Platz, ziehen die wieder aus, sinkt der Platzbedarf. Die genossenschaftlich organisierte Gruppe hat deshalb neben Einzelwohnungen auch Clusterwohnungen gebaut, die sich um einen Gemeinschaftsbereich gruppieren, der aus Küche, Wohnzimmer und Terrasse besteht. So können nicht nur Wohngemeinschaften entstehen, es ist auch möglich, Wohnungen zu vergrößern, zu verkleinern oder zusammenzulegen.Neu ist das Thema der gemeinschaftlich, statt individuell genutzten Räume freilich nicht. Es ist eher ein Gassenhauer der Stadtplanungsgeschichte. Mehr Gemeinschaftsflächen, mehr kollektive Entscheidungsprozesse, mehr öffentlicher Raum war schon der Tenor der Proletarischen Bauausstellung von 1931. Wie erreicht man das?