27 Projekträume

Project Space Festival

Wenn am 1. August das Project Space Festival beginnt, wirft es Schlaglichter auf einen höchst kreativen Teil der Kunstszene – auch aus politischen Gründen.

Performance bei alpha nova & galerie futura
Foto: Joanna Kosowska

Rund 60 Teams haben sich beworben, und eine Jury hat nun 27 Räume ausgewählt, die ab 1. August am vierten Project Space Festival teilnehmen. Jeden Tag im August gestaltet ein anderer Teilnehmer das Programm. Dabei sind unter anderem bekanntere Orte wie der Weddinger Raum uqbar, das Grim­museum in der Kreuzberger Fichtestraße und Schaufenster in der Kreuzberger Lobeckstraße, aber auch das Untergrundmuseum in Gewölben aus dem 18. Jahrhundert in Mitte, die umherschweifenden Kabinetas ohne festen Spielort – und Non Berlin, das als Plattform für asiatische Kunst dient.

„Die Projekträume in Berlin sind bis heute ein wichtiger Bestandteil der Berliner Kultur und ein Produkt der Geschichte der Stadt“, sagt Kuratorin Marie-José Ourtilane, die Leiterin des diesjährigen Project Space Festivals. „Sie sind unabhängig, sowohl vom Markt als auch von Institutionen. Diese Freiheit ermöglicht ihnen Spontanität und Raum für Experimente.“ Während des diesjährigen Festivals sollen sich Besucher einen Eindruck von diesen Experimenten machen können.

Wie viel Arbeit es macht, ein Konzept für einen Projektraum zu entwerfen und zu unterhalten, weiß Ourtilane aus Erfahrung. Die Französin kam 1994 nach Berlin und gründete 1998 ihren ersten Projektraum. Von 2005 bis 2010 erfuhr sie mit „Visite ma tente“ im Wedding den Wandel der Stadt: Gemeinsam mit einer alternativen Galerie aus Marseille ermöglichte sie über Jahre hinweg Künstler-Aufenthalte im Wohnatelier hinter dem Ausstellungsraum. Als die französische Förderung dafür nach drei Jahren auslief, sah Ourtilane sich mit steigenden Mieten konfrontiert. Letztlich musste sie den Raum nach fünf Jahren schließen. Die Mieten zählen heute erst recht zu den dringendsten Problemen, mit denen Projekträume zu kämpfen haben.

Um die schwierige Situation und zugleich den Beitrag der kreativen Denkschmieden zur Kulturstadt Berlin darstellen zu können, plant Ourtilanes Team zwei Podiumsgespräche – und arbeitet dafür erstmals mit dem Netzwerk freier Berliner Projekträume und -initiativen e.V. zusammen, das sich unter anderem erfolgreich für die Einführung der jährlichen Vergabe eines Landespreises für Projekträume durch den Berliner Senat verwendet hat. Das Thema der ersten Diskussion am 16. August lautet „Kopie oder Original“: Es geht um das Verhältnis zwischen Projekträumen und Galerien, die seit einigen Jahren Nebenräume eröffnen und sie „Project Space“ oder „Lab“ nennen. Als Rednerinnen und Redner sind unter anderem Marie Gerbaulet vom Lab der Galerie Eigen + Art, die Galeristin Sabine Schmidt, der ehemalige Galerist Olaf Stüber (der Video Art at Midnight im Kino Babylon Mitte organisiert) und Constanze Kleiner vom Schlachthaus.fresh&fine art angekündigt. Im zweiten Gespräch am 23. August geht es um „Solidarisierung, Netzwerkbildung und kollektives Arbeiten“.

Das Programm und Plakate für jeden einzelnen Projektraum des Festivals sollen in der Stadt für Aufmerksamkeit sorgen und Besucher neugierig machen. Denn oft weiß das potenzielle Publikum zu wenig von den Räumen, die manchmal privat aussehen und oft nur wenige Tage in der Woche geöffnet haben – was nicht zuletzt der oft ehrenamtlichen Arbeit der Mitwirkenden geschuldet ist.

Ourtilane hofft, dass das Festival die Präsenz der Räume verstärken wird – meist eine Bedingung dafür, dass sie gefördert und finanziell unterstützt werden. „Die Dynamik der Stadt ist in Gefahr, wenn immer mehr Räume schließen müssen“, sagt Ourtilane: „Die Szene ist immer noch sehr aktiv und kreativ. Die Stadt sollte die Aufmerksamkeit aber mehr auf sie richten, sonst wird Berlin wie London oder Paris eine Vitrinen-Stadt.“

Noch wehrt sich Berlin, dass Kunst vor allem in hochpreisigeren „Vitrinen“ präsentiert wird, und scheint Ourtilanes Forderung erhört zu haben: Das Festival wird erstmals vom Hauptstadtkulturfonds gefördert. Ein großer Schritt, denn 2017 musste das einmonatige Ereignis wegen fehlender Gelder ausfallen. Mit der Bereitstellung von 85.000 Euro zeigt die Jury des Fonds nun, dass die unabhängigen Räume wichtig für Berlin sind. Jetzt liegt es an der Öffentlichkeit, ihnen im August und auch nach dem Festival ihre Aufmerksamkeit zu schenken.

1.–31.8.: Project Space Festival, Startpunkt: Mi 1.8., 19 Uhr, Acud macht neu (Festivalzentrale), Veteranenstr. 21, Mitte; Do 16.8., 19 Uhr: 1. Podiumsgespräch, Netzwerk freier Berliner Projekträume und –initiativen, c/o Kunstpunkt Berlin, Schlegelstr. 6, Mitte