Kino

Star Trek: Beyond

Wer hätte gedacht, dass der „The Fast and the Furious“-erfahrene Regisseur Justin Lin seinen Figuren einen so langsamen Start gönnt im 13. Star-Trek-Kino-Abenteuer?

Allzu oft, wenn Franchise-fremde Regisseure das Steuer etablierter Filmreihen übernehmen, geht es ja nur noch um Überwältigungsgeballer. Aber nein. Anders als J.J. Abrams, dem Regisseur der letzten beiden Star-Trek-Filme (und zugleich Mann hinter dem Star-Wars-Revival mit Disney), beginnt Justin Lin nicht mit emotionalen Vulkanausbrüchen, Sekunden-Schnittfolgen oder exzessivem Einsatz von Pseudo-Blendenflecken.

ZITTY-Bewertung: 3/6
ZITTY-Bewertung: 3/6

Zu Beginn sehen wir Captain Kirk (Chris Pine) mit niedlich verwuschelten Haaren, sexy (aber keineswegs übertrainiertem) Oberkörper, wie er sich nicht zwischen dutzenden identischen Uniformen im Kleiderschrank entscheiden kann. Am liebsten würde er den Job an den Nagel hängen und gepflegt Vize-Admiral werden. Überhaupt menschelt die erste Viertelstunde sehr. Wir sehen ungewohnt persönliche Szenen auf den Gängen des Raumschiffs Enterprise: Paare streiten oder versöhnen sich. Steuermann Sulu hat das Foto seiner Tochter an seine Steuerkonsole gepinnt. Und umarmt wenig später auf der Raumstation einen Mann auf die Art, die in wenigen Sekunden verstehen lässt: Sulu (John Cho) ist schwul, und diese Männer lieben sich und sorgen für das Mädchen auf dem Foto.

Star Trek: Beyond
Foto: Paramount Pictures

George Takei, Sulu-Darsteller in der Original-Star-Trek-Serie der späten 60er und seit 2005 selbst offen schwul und lautstarker Queer-Aktivist, kritisierte diese Story-Volte übrigens – überraschenderweise. Er behauptet, die Figur sei von Serien-Erfinder Gene Roddenberry explizit als Hetero entworfen worden. Völliger Unfug! Es gab in der Serie nie auch nur einen Hinweis darauf, ob Sulu hetero oder schwul ist. Gene Roddenberry hatte, obgleich weltoffener Humanist, schlicht nicht den Mumm, in der für Kaltkriegszeiten beeindruckend internationalen Crew auch noch offensiv einen Queer unterzubringen. Es stimmt traurig, dass „Star Trek“ so lange gebraucht hat, gesellschaftliche Realität des 21. Jahrhunderts auch im 23. Jahrhundert abzubilden. Endlich ist es soweit!

Jedenfalls: Dass der Film sich und seinen Figuren diese Zeit lässt zu Beginn, verdient hohen Respekt. Er wirkt dabei unzeitgemäß im besten Sinne. Sternstaubbilder voller kaum je gesehener Poesie statt Haudrauf-CGI. Doch dann wird ein Simpel-Plot in Gang gesetzt, der allenfalls eine Serien-Folge hätte tragen können.

Die Enterprise erhält einen Notruf. Der Notruf erweist sich als Fake. Auf dem Planeten gibt es einen Plastikmaskentypen namens Krall (Idris Elba). Ja, richtig gehört. Er ist kein Crawler, sondern wahrlich ein Kraller. So billig wie er Name ist auch der Look des Planeten. Wollte man nett sein, könnte man sagen, man zitiert mit diesem Retro-Charme den Star-Trek-Look der 60er. Keine Anwandlungen, das Ganze Öl-schmierig nach arabischer Wüste à la „Star Wars“ aussehen zu lassen. Nein, die Enterprise-Gänge sind (anders als Star-Wars-Schiffe) ganz clean; und die Planeten sehen so natürlich aus wie glitzerbesprühtes Pappmaché. Wer will, findet viele Bildzitate auf ältere Star-Trek-Filme – etwa die Lösung der Enterprise-Untertassensektion und den Crash derselben auf einem Planeten, vergleichbar schon gesehen im siebten „Star Trek“-Film.

Auf dem Planeten begegnet die Crew auch der naiv-liebenswerten Jaylah (Sofia Boutella), die etwas von Milla Jovovich in “Das fünfte Element“ hat. Krall unterdessen steckt Menschen (oder sagen wir: Humanoide) in eine Tötungszentrifuge, dass es einem wahrlich das Fürchten lehrt. Dann kommen da aber auch diese Gaga-Sequenzen: Beastie-Boys-Mucke andrehen, um Aliens außer Gefecht zu setzen, ist in etwa die bescheuertste Sternkampf-Strategie, seit es „Star Trek“ gibt. So subtil wie ein Vorschlaghammer. Genauso („Sledgehammer“) heißt ja der für Rihanna-Verhältnisse leider arg langweilige Song im Abspann. Aber bevor der läuft, sehen wir Kirk noch auf dem Macho-Motorrad brummen. Zum Glück aber auch eine ausgesprochen toughe Lieutenant Uhura (Zoe Saldana), die nicht nur permanent ihren Besorgnis-Blick aufsetzt, sondern auch mal ordentlich zuschlagen darf.

Man kann „Star Trek: Beyond“ hoch anrechnen, dass er augenscheinlich gar nicht erst versucht, so auszusehen wie all die austauschbaren 08/15-Sci-Fi-Action-Filme dieser Zeit. Optisch und dramaturgisch ein (unfreiwilliger?) Kontrapunkt. Die 3D-Brille darf man sich getrost sparen: Auch mit ihr gewinnen die Bilder kaum je an Tiefe. Der Charme und der Witz der über Dekaden hinweg liebgewonnenen Figuren funktioniert. (Es bricht einem aber das Herz, dass Chekov-Darsteller Anton Yelchin im Film noch seinen eigentlich so ulkigen Russenakzent aufsetzt, im wahren Leben aber vor einem Monat, mit nur 27 Jahren, bei einem schauerlichen Autounfall starb.)

Trotzdem: kein Funken Zauber oder Genialität. Erwartungsgemäß okay, aber kein bisschen mehr. Tapfer dorthinzuschreiten, wo sich niemand je zuvor hingewagt hätte – das Motto des Sternenschiffes Enterprise lassen die Filmemacher lieber im Poesiealbum stehen statt es zu beherzigen. Aber weil man als Trekkie eben ein hoffnungsloser Optimist ist, bleibt die Spannung, was CBS 2017 mit seiner nächsten „Star Trek“-Serie anstellt. Denn dass diese unsere Welt eine schlechtere wäre ohne „Star Trek“ – daran möchte man einfach glauben, solange nicht aller Weltenraum düster ist. Stefan Hochgesand

USA 2016, 120 Min., R: Justin Lin, D: Chris Pine, Zachary Quinto, Carl Urban, Start: 21.7.

„Star Trek Beyond“ im Kino