Berlinale 2018 – Retrospektive

Starke Frauen, eintanzende Männer

Die Retrospektive 2018 zeigt: Das Weimarer Kino hat mehr zu bieten als Stummfilmklassiker wie „Metropolis“

Um 1930 waren Eintänzer ­Herren, die von den Tanzcafés bezahlt wurden, um mit den Frauen eine kesse ­Sohle aufs Parkett zu legen. Einer von ­ihnen: der junge Billy ­Wilder, der darüber seine berühmte ­Reportage „Herr Ober, ­bitte ­einen Eintänzer!“ verfasste. Das Abenteuer ­einer schönen Frau (1932), inszeniert von Hermann Kosterlitz, der wie Wilder 1933 emigrieren musste und in Hollywood als Henry Koster Karriere machte, bietet so manches frivole Missverständnis zum Amüsement des Publikums auf, weiß aber genauso durch die emanzipierte Frau als Haupt­figur zu überzeugen.

Dieser Frauentypus begegnet uns noch öfter in den ­Filmen jener Jahre, etwa in ­Gestalt der Konstruktionszeichnerin Olga in Sprengbagger 1010 (1929), die auch ein Flugzeug zu steuern versteht. Franz Lederer gibt in Ihre Majestät die Liebe (1931) einen Hallodri, der erst durch eine Bardame bekehrt werden muss. Reinhold Schünzel schlüpfte, sechs Jahre bevor er sich mit „Viktor und Viktoria“ als Regisseur der sexuellen Ambivalenz erwies, in Der Himmel auf Erden selber in Frauen­kleider und lieferte damit eine Attacke auf die bürgerliche Moral und das sich wandelnde Geschlechterverhältnis ab.

Und hopp!: Szene aus „Ihre Majestät die Liebe“

Lässt sich in den Filmen der späten Weimarer Republik eine Tendenz zum Realismus erkennen, so beherrschten nach dem Ende des Ersten Weltkriegs eher aufwändige Ausstattungsfilme das Bild. Opium (1919) erzählt vom Reiz und den Gefahren des Rausches in Form zweier tragischer ­Familiengeschichten, verknüpft durch eine Rache-­Intrige. Regisseur Robert ­Reinert empfahl sich schon mit dem 2008 rekonstruierten „Nerven“ (ebenfalls 1919) als Spezialist für halluzinatorische Bilder, hier erscheinen dem Protagonisten im Rausch sowohl seine Frau als barbusige Nymphe als auch der Teufel selbst.

Dagegen lässt sich Gerhard Lamprechts Historiendrama Der Katzensteg (1927) an der Schnittstelle von patriotisch überhöhendem Epos und rea­listischem Einfangen von Wirklichkeit verorten. Die Geschichte aus den Befreiungskriegen gegen Napoleon wäre offen für nationale Propaganda, doch Lamprecht, in der Retro auch mit dem Milieudrama Die Unehelichen (1926) vertreten, zeichnet seine Figuren höchst ambivalent. Die Retro-Begleitpublikation (Verlag Bertz+Fischer) behandelt den Stoff in Essays sowie mit Filmbetrachtungen, verfasst von heutigen Regisseuren.


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