Stadtentwicklung

Zurück zur Stadt: Statista

Werden und Zukunft des Kunstzentrums Berlin sind
30 Jahre nach Mauerfall Thema vieler Berliner Ausstellungen.
Im Zentrum: das Großprojekt Statista am Alexanderplatz

n einer Stadt, in der allerorten die Debatten um Gentrifizierung, Mietendeckel und Enteignung heftig kreisen, Nischen enger werden, das Ateliersterben weiter geht – wie kürzlich erst am Aus der Studios in der einstigen Australischen Botschaft in Pankow zu sehen war – da positioniert sich die Berlin Art Week dieses Mal stadtpolitisch. Mitten im Zentrum, am Alexanderplatz, steht ihr Herzstück: das Kunstprojekt „Statista“ im maroden Haus der Statistik (HdS). Ende der 1960er-Jahre erbaut, stand das Gebäude der ehemaligen Staatlichen Zentralverwaltung der Statistik der DDR seit 2008 leer.

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Philip Horst vom ZK/U führt Presservertreter*innen durch das Haus der Statistik ©cwa

Das brachliegende Areal mit rund 46.000 Quadratmetern soll ein Modellquartier für Stadtentwicklung werden. In den kommenden Jahren könnte sich hier ein Berliner Mix aus Kunst, Kultur, Wohnen und Verwaltung zu einem neuen Typus urbanen Lebens entwickeln. „Statista“ zieht als Pionier ein und soll Modelle dafür zeigen, wie sich künftig Nachbarschaft und Gemeinwohl unter einen Hut bringen lassen. Kurz: Es geht um Frei- und Denkräume für alle. Die Senatskulturverwaltung fördert das Projekt mit knapp 500.000 Euro, die künstlerische Leitung liegt beim Moabiter Zentrum für Kunst und Urbanistik (ZK/U) und den Kunst-Werken (KW). Vom 11. September bis Dezember soll sich der Betonkoloss in Teilbereichen – innen wie außen – als Brennglas moderner Quartiersentwicklung präsentieren. Der Schriftzug „Alles­andersplatz“ oben auf dem Dach gibt die Marschroute vor.

Alternative Wirtschaft

Das Programm ist dicht gepackt, vieles konzeptionell. Lust auf Kopfarbeit sollte das Publikum schon mitbringen. Über zehn Kollektive bringen ihre Ideen ein, darunter die auf alternative Wirtschaftsformen spezialisierte Economic Space Agency, der Verein Kunstrepublik und das Architek­turteam von raumlaborberlin. „Wir sind keine Revolutionäre, keine Avantgarde, schlicht Berlin!“, sagt Kurator Tirdad Zolghadr von den Kunst-Werken. In den 90er-Jahren sei Berlin ein starkes Experimentierfeld gewesen, diese „Traditionen“ wolle man betonen. „Zum Glück“, meint er, „gibt es in der Stadt die Entwicklung, dass alternative Werte und Anstrengungen einen Platz finden“. Er schiebt nach: „Was Berlin so lebendig gemacht hat, kommt ja nicht aus Vorstandsetagen!“

Vier Jahre ist es her, dass eine Gruppe von Künstlern und Künstlerinnen die Plattenruine an der Karl-Marx-Allee 1 kaperte. Auf einem Banner an der Fassade stand, dort solle ein Ort für Kunst, Kultur, Soziales und Bildung entstehen. Das Plakat verband sich mit der Frage: Wem gehört eigentlich diese Stadt – und wie wollen wir den öffentlichen Raum in Zukunft gestalten? Damals galt als unwahrscheinlich, dass das ausgehöhlte Haus der Statistik noch vor dem Abriss zu retten sei. Doch der Berliner Senat erwarb das Areal vom Bund. Heute ist aus der Kunstaktion Politik geworden: Der städtebauliche Entwurf, erarbeitet mit Planungsteams in offenen Werkstätten, für das neue Areal liegt vor und war bis Mitte August vor Ort einzusehen. Der Bebauungsplan soll bis 2021 unter Dach und Fach sein. Die 300 geplanten Wohnungen könnten 2025 fertig sein. Im Haus A lassen sich bereits Bohrgeräusche hören, dort werden einmal Künstler und Künstlerinnen Studios beziehen.

Bilder

Singende Nachbarn

Der Chor Voices, von der Berliner Musikerin Bernadette La Hengst gegründet, verdeutlicht das Prinzip des Hauses der Statistik mit Stimmgewalt: Partizipation ist die Basis, der Chor spiegelt die „diverse Stadtgesellschaft“ und versteht sich als „Brain“ des Projektes. Bei der Eröffnung am 11. September lädt Voices zur musikalischen Hausführung ein. Die Sänger*innen kommen sowohl aus der Nachbarschaft wie aus ganz Berlin. Die Texte hat die „bedingungslose Chorleiterin“ mit den Teilnehmenden zusammen entwickelt. „In den Liedern geht es um das Leben der Menschen in der Stadt, um Zukunftsvisionen, um fehlende Grünflächen, unbezahlbaren Wohnraum. Und ganz stark um den Wunsch nach nichtkommerziellen Orten am Alex, der ringsum von Konsumhöllen umgeben ist“, sagt La Hengst.

Zu den ambitionierten Projekten gehört auch „BeeCoin“. Matthias Einhoff vom ZK/U erklärt, wie eine Währung auf Basis einer neuen Mikro-Ökonomie für das HdS-Universum entwickelt wird. In Büro­räumen des Haus E zeigt er fünf Bienenstöcke. Der Wert der künftigen Kryptowährung hinge vom Wohlergehen dieser Honigbienen ab. Einige Bienen summen gerade ab Richtung Alex. „Denen geht es top“, meint Einhoff und schaut auf sein Smartphone, dort kann er die Werte der Stöcke studieren. Sensoren auf den Bienenkisten haben Temperatur, Gewicht und Luftfeuchtigkeit gemessen und übertragen. Der Wohlfühlwert wird dem Imker in dessen digitalem Portemonnaie gutgeschrieben. Währungshüter wäre also nicht mehr der Staat, sondern es wären Communities, die Bienen halten und mittels Ideen und Entscheidungen den Tausch über die neue Währung regeln. „Wir haben den Anspruch, Modelle zu schaffen, die über Berlin hinaus Vorbildfunktion haben“, sagt Einhoff.

„Statista“ gipfelte am 14. und 15. September in einem internationalen Kongress, auf dem Kollektive darstellten, wie sie ihre Ideen in die Praxis umsetzen. Spannend war die Künstlergruppe Ruangrupa aus Indonesien: Sie kuratiert die 15. Documenta 2022 in Kassel. Als Arbeitsbasis nennen ihre Mitglieder „gemeinschaftlich ausgerichtete Modelle der Ressourcennutzung“, die einen „anderen Blick auf die Welt“ ermöglichen. Passt doch für Berlin. 
Bis 6.10.: Ausstellung „Statista“, Haus der Statistik, Karl-Marx-Allee 1, Mitte, Eintritt frei, Do–So ab 13 Uhr, www.allesandersplatz.berlin